Titelbild Karikatur Illustration, kasaan media,2026
König Mohammed VI und die Instrumentalisierung der Migration
König Mohammed VI, der seit 1999 über Marokko herrscht, steht im Zentrum einer Strategie, die Migration immer wieder als politisches Druckmittel gegenüber Spanien und der Europäischen Union einsetzt. Besonders deutlich wurde dies in den großen Ceuta-Krisen, etwa 2021, als innerhalb weniger Tage rund 8.000 bis 10.000 Menschen – darunter viele Marokkaner und Minderjährige – die Grenze überrannten oder umschwammen.
Marokkanische Grenzkräfte hielten sich auffällig zurück oder zogen sich sogar zurück, was von spanischer Seite und vielen Beobachtern als bewusste Lockerung der Kontrollen gewertet wurde.
Der unmittelbare Auslöser war die Aufnahme des Polisario-Führers Brahim Ghali zur medizinischen Behandlung in Spanien – ein diplomatischer Affront für Rabat, das Westsahara als eigenes Territorium betrachtet. Ähnliche Vorfälle wiederholten sich in späteren Jahren, etwa 2026, wo wieder Tausende die Enklave erreichten.
Hinter dieser Politik steht ein tieferes Muster: Marokko nutzt seine geografische Lage als „Tor nach Europa“ seit Jahren, um Zugeständnisse in Finanzhilfen, Handelsabkommen und vor allem in der Westsahara-Frage zu erzwingen. Während die EU und Spanien Milliarden in Grenzsicherung und Kooperation investieren, behält sich Rabat vor, den „Hahn“ der Migration je nach politischer Wetterlage aufzudrehen oder zuzudrehen. Kritiker werfen dem König vor, dass er damit nicht nur Europa auf der Nase herumtanzt, sondern gleichzeitig von den drängenden Problemen im eigenen Land ablenkt.
Denn parallel zu diesen außenpolitischen Manövern bleibt die Situation vieler junger Marokkaner desolat. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt seit Jahren bei 25–35 Prozent (je nach Quelle und Altersgruppe), besonders hoch unter Absolventen. Viele sehen keine Perspektive in einem Land, das zwar große Infrastrukturprojekte und internationale Events wie die Fußball-WM 2030 vorantreibt, aber in Bildung, Gesundheitswesen und ländlicher Entwicklung hinterherhinkt.
Protestwellen wie die GenZ-212-Bewegung 2025 machten genau diese Schieflage deutlich: Während Stadien und Prestigeprojekte gefeiert werden, fehlt es an Krankenhäusern, Schulen und echten Jobchancen. Viele junge Menschen sitzen perspektivlos da – genau jene demografische Gruppe, die bei den Grenzstürmen nach Ceuta oft an vorderster Front steht.
Mohammed VI regiert dabei mit einem hoch effizienten und weitverzweigten,abartigen Sicherheitsapparat, der das Land fest im Griff hält.
Die Direktion für Territoriale Überwachung (DGST) und andere Dienste unter Führung von Vertrauten wie Abdellatif Hammouchi überwachen nicht nur potenzielle Terroristen, sondern auch Journalisten, Aktivisten und Kritiker. Pegasus-Spionagesoftware, Überwachung und gezielte Repression gehören zum Repertoire, um innere Unruhe zu kontrollieren. Dieser Apparat sorgt für Stabilität, wird aber von Gegnern als „ekeliger“ Makhzen-Staat kritisiert, der Dissens erstickt und echte Reformen behindert.
Ob der König und seine Spitzen tatsächlich nichts von großen Migrantenansammlungen an der Grenze wussten – wie es offiziell manchmal heißt –, wirkt angesichts der Präsenz der Sicherheitskräfte und der jahrelangen Praxis hochgradig unglaubwürdig. Stattdessen entsteht das Bild eines Herrschers, der die eigene Jugend im Land sitzen lässt, ihre Frustration teilweise sogar kanalisiert, indem er sie Richtung Europa schickt, während er gleichzeitig mit dem Tod von Migranten und der Destabilisierung der Nachbarländer kalkuliert.
Mohammed VI hat Marokko wirtschaftlich und diplomatisch modernisiert und stabilisiert, doch die wiederholte Instrumentalisierung von Menschen als geopolitisches Werkzeug macht ihn für viele zum Hauptschuldigen an einem Kreislauf aus Frustration, Tod an den Grenzen und vergifteten Beziehungen zu Europa.
Solange die eigenen Probleme nicht ernsthaft angegangen werden, bleibt die Versuchung groß, sie nach außen zu exportieren.
