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Kroatien, zehntausende protestieren gegen illegale Müllimporte und den Ekocid von Gospic
Es ist einer der größten Proteste, den Kroatien seit Jahren gesehen hat und er hat nichts mit Inflation, mit dem Euro oder mit dem Krieg in der Nachbarschaft zu tun, sondern mit Müll. Am Samstagmittag stand der Ban-Jelacic-Platz in Zagreb voll, nach Angaben der Organisatoren und übereinstimmend berichtet von http://Index.hr, Jutarnji list, HRT und Reuters waren es zehntausende Menschen, die aus dem ganzen Land angereist waren, viele aus der Lika selbst mit Fackelzug und Bussen. Der Anlass war die Aktion „Hodaj za Liku, hodaj za Hrvatsku, Gehe für die Lika, gehe für Kroatien“, organisiert von der Bürgerinitiative Gospic je nas dom, Gospic ist unsere Heimat.
Worum es geht, klingt wie ein Krimi aus dem Bereich Umweltmafia, ist aber nach Ermittlungen von USKOK, der kroatischen Staatsanwaltschaft für Korruption und organisierte Kriminalität, und Europol Realität.
Auf dem Gelände des ehemaligen Unternehmens PPK Velebit bei Gospic, nur etwa 25 Kilometer von der Adria entfernt zwischen Rijeka und Split, mitten in einer Region, die als die grüne Lunge Kroatiens gilt, wurden zwischen 2021 und 2024 zwischen 34.000 und 37.000 Tonnen Abfall illegal abgelagert und vergraben. Nach Angaben von Europol kam der Großteil als gemahlener Plastikmüll und gemischter Industrieabfall über Firmengeflechte aus Italien, dazu kamen Lieferungen aus Slowenien und aus Deutschland, wie auch der Spiegel in seinem Bericht zu den Müllimporten festhält, und dazu medizinischer und infektiöser Abfall aus Kroatien selbst. Der Gewinn für die Täter lag nach ersten Schätzungen bei mindestens vier Millionen Euro, weil Deponiegebühren in Italien und Deutschland gespart und in Kroatien falsche Papiere ausgestellt wurden.
Was die Menschen auf die Straße treibt, ist nicht nur die Menge, sondern was in den Gutachten steht. Ein Vještačenje, also ein Sachverständigengutachten des Geotechnischen Fakultäts der Universität Zagreb, das USKOK im August 2026 veröffentlicht hat, zeigt, dass der Boden mit Schwermetallen verseucht ist, Blei, Kupfer, Antimon, und dass im Grundwasser PFAS gefunden wurden, die sogenannten ewigen Chemikalien, die nicht abgebaut werden und als krebserregend gelten. Die kroatische Presse spricht deshalb längst nicht mehr von einer wilden Deponie, sondern vom Ekocid von Gospic. Staatspräsident Zoran Milanovic hat genau dieses Wort benutzt, er nannte den Fall einen Ökozid und forderte die Regierung auf, sofort zu handeln, weil die Gesundheit der Bevölkerung und die Trinkwasserversorgung der Lika in Gefahr sei.
Am 13. Februar 2025 waren bereits 13 Personen verhaftet worden, unter ihnen laut Jutarnji list und Hina der Unternehmer Josip Sincek aus Varazdin, der als Kopf der Gruppe gilt, die den Import organisiert haben soll. Die Firma hatte zeitweise sogar wieder eine Genehmigung bekommen, obwohl USKOK Zweifel hat, ob überhaupt eine echte Vor-Ort-Kontrolle stattgefunden hat. Seitdem passiert nach Ansicht der Bürgerinitiative fast nichts. Die Regierung von Ministerpräsident Andrej Plenkovic hatte zwar angekündigt, das Gelände zu sanieren, Plenkovic war am Mittwoch vor dem Protest selbst in Gospic und sagte, ein Auftragnehmer für die erste Phase sei ausgewählt, das kroatische Umweltministerium erklärte am 5. September, Kroatien erlaube keinen unbegrenzten Import aller Abfallarten und wies den Vorwurf zurück, gefährlicher Müll könne frei importiert werden. Für die Menschen in Gospic klingt das wie Hinhalten.
Deshalb waren die Forderungen, die am Samstag von der Bühne auf dem Jelacic-Platz verlesen wurden, sehr konkret und sie werden in der kroatischen Presse im Wortlaut wiedergegeben. Die Initiative verlangt von der Regierung, binnen 20 Tagen ein verbindliches Sanierungsprogramm mit Fristen vorzulegen, die 33.000 Tonnen vergrabenen Abfalls binnen drei Monaten vollständig zu entfernen und sicher zu entsorgen, das kommunale Deponiegelände Rakitovac in den staatlichen Abfallwirtschaftsplan aufzunehmen, ein langfristiges Monitoring durch unabhängige Experten und eine unabhängige Risikobewertung zu finanzieren und eine kollektive Schutzklage in das Umweltgesetz aufzunehmen. Auf gesamtstaatlicher Ebene fordern sie die sofortige Einführung eines temporären generellen Importverbots für Müll, bis alle schwarzen Punkte, also alle illegalen Deponien, kartiert sind und ein neues System steht.
Die Stimmung auf dem Platz war, wie http://Index.hr und http://Novina.com beschreiben, aufgeheizt und gleichzeitig sehr patriotisch. Transparente trugen Aufschriften wie Pluca Hrvatske tesko disu, Die Lungen Kroatiens können nicht mehr atmen, Stoppt die Zerstörung Kroatiens und Priroda ne prasta, Die Natur verzeiht nicht. Eine Frau, Zeljka Sikic, die nur 50 Meter neben der Deponie wohnt, sagte unter Tränen, die von HRT übertragen wurden, ich bin eine Mutter, die vor Angst stirbt, dass sie zusehen muss, wie ihre Kinder leiden, ich bin die, die ihr zu einem Höllenleben neben Tonnen von gefährlichem Abfall verurteilt habt. Der Vertreter der Initiative, Vjekoslav Busic und Vladimir Sulentic, rief, wir haben nur diese eine Heimat, zeigt wie sehr ihr sie liebt, worauf die Menge Hrvatska, Hrvatska und Izdaja, Verrat skandierte. Busic warf den Behörden vor, zweieinhalb Jahre geschwiegen zu haben, obwohl sie wussten, was im Boden liegt, ihr habt geschwiegen wie die letzten Verräter, das sind nicht Experten, das sind Gegner des eigenen Volkes.
Auf der Bühne sprachen bewusst keine Politiker, sondern Vertreter von 15 Bürgerinitiativen und Umweltverbänden, von Sisak, Vranjic, Benkovac, Dugi Rat, Split, Poznanovec, Kastijun, Pazin, Rijeka und der Grünen Aktion Zagreb. Unterstützt wurde der Protest vom Schauspieler Rade Serbedzija, bekannt aus Hollywoodfilmen wie Snatch, der sagte, ich muss hier sein, es ist unsere Pflicht, für unser Land einzustehen, was passiert ist, ist eine Schande. Auffällig war, dass von der Regierungspartei HDZ niemand anwesend war, während die Opposition den Protest unterstützte, was Plenkovic wiederum als Versuch wertete, den Fall politisch zu instrumentalisieren, er sagte, man versuche, die Lage in Gospic als größere Gesundheits- und politische Krise darzustellen, als die Daten zeigen, und kündigte an, die Deponie bis Mitte Oktober als Sicherheitsmaßnahme abdecken zu lassen, bis die Verfahren für den Abtransport abgeschlossen seien, das Gesundheitsinstitut habe bisher keine Belastung des Trinkwassers festgestellt.
Für die Kroaten ist Gospic aber längst zum Symbol geworden, zum Symbol für das, was in der EU seit Jahren als Müllkolonialismus bezeichnet wird, reicher Norden exportiert seinen schwer zu entsorgenden Abfall in den ärmeren Süden und Osten, wo Kontrollen schwächer sind. Seit dem 20. Mai 2024 gilt zwar ein neues EU-Gesetzespaket, das den Export von Plastikmüll in Nicht-OECD-Länder ab November 2026 verbietet und eine neue Richtlinie für Umweltkriminalität vorsieht, aber Italien, Slowenien, Deutschland nach Kroatien, das ist Binnenmarkt, da gelten andere Regeln und genau dort liegt das Schlupfloch, das die Täter laut Europol genutzt haben, falsch deklarierter Abfall, der als Rohstoff für Recycling getarnt wird. Für die Demonstranten in Zagreb ist deshalb klar, wenn die Lika fällt, die als unberührte Natur für den Tourismus wirbt, dann kann es morgen jede andere Gespanschaft treffen.
