Glauben und Kirche

Hat der Vatikan alle Akten zu Bischof Hudal und der Rattenlinie herausgegeben?

Titelbild:Hudal in den 1930er Jahren,gemeinfrei

Hat der Vatikan alle Akten zu Bischof Hudal und der Rattenlinie herausgegeben? Die kurze Antwort lautet nein, und die lange Antwort erklärt, warum er es bis heute nicht vollständig kann.


Wer über Alois Hudal spricht, spricht über einen der umstrittensten Bischöfe des 20. Jahrhunderts.
Geboren 1885 in Graz, ab 1937 Rektor des deutschsprachigen Priesterkollegs Santa Maria dell’Anima in Rom, von Eugenio Pacelli, dem späteren Pius XII., persönlich zum Bischof geweiht, veröffentlichte Hudal 1936 sein Buch Die Grundlagen des Nationalsozialismus, in dem er versuchte, Katholizismus und Nationalsozialismus zu versöhnen, war bereits kurz nach dem Ersten Weltkrieg Anhänger der Dolchstoßlegende und nutzte seine Predigten als politische Plattform. Nach 1945 wurde er zur zentralen Figur der sogenannten Rattenlinie, auch Klosterroute genannt, jenes Fluchtweges, über den NS-Funktionäre durch Italien nach Südamerika und in arabische Staaten geschleust wurden.


Das System war perfide einfach und ist heute gut dokumentiert. Hudal und sein Netzwerk, zu dem auch der kroatische Priester Krunoslav Draganovic, der Franziskaner der faschistischen Ustascha nahestand, sowie Monsignore Karl Bayer und Erzbischof Giuseppe Siri in Genua gehörten, besorgten über ein sogenanntes Österreichisches Bureau, ein Pseudo-Konsulat in Rom, Ausweiskarten, sogenannte Carta di riconoscimento, dazu kamen Bescheinigungen der päpstlichen Hilfsstellen Pontificia Commissione Assistenza, die die Identität bezeugten, und auf dieser Grundlage stellte das überlastete italienische Rote Kreuz Pässe aus, in manchen Fällen sogar Papiere, die die Kriegsverbrecher als überlebende KZ-Häftlinge auswiesen. Argentinien schickte eigens Agenten nach Genua, um Nazis anzuwerben, amerikanische und britische Geheimdienste schauten weg, weil sie gleichzeitig ihre eigene Rattenlinie betrieben, um ehemalige Nazis als Agenten gegen den Kommunismus zu nutzen. Über diesen Weg kamen Adolf Eichmann, Josef Mengele, Franz Stangl, Ante Pavelic, Gustav Wagner und Dutzende andere davon.

Die Frage ist also, was der Vatikan davon wusste und was er davon herausgegeben hat. Hier muss man zwei Archive unterscheiden.


Das erste ist das Hudal-Archiv selbst. Es lagert nicht im Vatikan, sondern in der Anima in Rom. Es enthält Hudals private und berufliche Korrespondenz aus seiner Zeit als Rektor von 1937 bis 1952. Dieses Archiv wurde 2006 geöffnet, aber erst im vergangenen Jahr wirklich zugänglich gemacht. In einem Kooperationsprojekt mit dem Holocaust Memorial Museum in Washington wurden in den letzten sechs Monaten alle Dokumente aus der NS-Epoche umfassend digitalisiert und für die internationale Holocaust-Forschung aufbereitet. Bei der Präsentation sagte der heutige Rektor der Anima, Michael Max, wörtlich, Hudal half den Henkern und so wurden Opfer wie Überlebende erneut missachtet und gedemütigt, man müsse die Täter nennen, um den Opfern ein Stück Würde zurückzugeben. In diesen digitalisierten Beständen finden sich nachweislich die Namen der schlimmsten Verbrecher, Korrespondenz mit argentinischen Stellen, Listen von Flüchtlingen. Das ist der transparenteste Teil der Aufarbeitung und er ist erst seit 2023/2024 wirklich abgeschlossen.

Das zweite ist das Vatikanische Apostolische Archiv, bis 2019 als Geheimarchiv bezeichnet. Hier ist die Lage komplizierter. Grundsätzlich legt der Vatikan seine Akten ohne Einschränkung bis 1922 vor, also bis zum Ende von Benedikt XV. Für die Zeit danach wurde stückweise geöffnet, 2002 unter Johannes Paul II. die Dokumente des Staatssekretariats von 1922 bis 1939 nur soweit sie das Deutsche Reich betreffen, seit 2006 unter Benedikt XVI. alle Dokumente des Pontifikats Pius XI. bis 1939. Der entscheidende Schritt kam im März 2019, als Papst Franziskus ankündigte, alle Archivalien des Pontifikats Pius XII. von 1939 bis 1958 freizugeben, die Öffnung erfolgte am 2. März 2020. Damit sind theoretisch auch die Akten des Staatssekretariats unter Giovanni Montini, dem späteren Paul VI., und Domenico Tardini einsehbar, die Hudal mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattet hatten.



Theoretisch ja, praktisch nein. Historiker wie Uki Goni, der britisches Archivmaterial sichtete, konnten nachweisen, dass sich das vatikanische Staatssekretariat in mindestens vier Fällen auf diplomatischem Wege an die Londoner Regierung wandte, um eine Ausweisung kroatischer Kriegsverbrecher aus alliierten Lagern und eine Auslieferung an Jugoslawien zu verhindern. Ein Bericht des amerikanischen Geheimdienstagenten Robert Clayton Mudd, der 1947 einen Spion in die kroatische Nationalkirche in Rom einschleuste, belegt, dass in mehreren Räumen der Einrichtung zahlreiche faschistische Funktionäre lebten und zeitweise sogar im Vatikan unterkamen und Fahrzeuge des diplomatischen Korps nutzten. Ob Pius XII. das im Detail wusste, ob er es stillschweigend billigte, wie Goni argumentiert, oder ob einzelne Kleriker eigenmächtig handelten, wie es der Vatikan lange darstellte, lässt sich aus den bislang freigegebenen Akten nicht abschließend beantworten.

Denn es gibt drei große Lücken. Erstens sind die Bestände des Heiligen Offiziums, der heutigen Glaubenskongregation, und der Außerordentlichen Abteilung des Staatssekretariats für die Nachkriegszeit bis heute nur lückenhaft erschlossen. Zweitens fehlen viele Personalakten von Draganovic und Bayer, die als päpstliche Hilfswerke firmierten und deren Korrespondenz nicht zentral abgelegt wurde. Drittens hat der Vatikan selbst eingeräumt, dass während der Fluchtjahre 1945 bis 1948 viele Vorgänge mündlich und ohne Registratur erledigt wurden, gerade um keine Spuren zu hinterlassen.



Die deutsche Gemeinde in Rom hat deshalb im vergangenen Jahr erstmals offiziell um Vergebung für das Versagen Hudals gebeten, ein Schritt, den es ohne die Digitalisierung des Anima-Archivs nicht gegeben hätte. Aber von einer vollständigen Herausgabe aller Akten zur Rattenlinie kann keine Rede sein. Der Vatikan hat die Tür zu Pius XII. aufgemacht, er hat zugelassen, dass das Hudal-Archiv digitalisiert wird, aber er hat nicht die Beichte abgelegt. Solange die Akten der päpstlichen Hilfskommission und die Korrespondenz Draganovics mit dem argentinischen Einwanderungsbüro nicht vollständig inventarisiert und frei zugänglich sind, bleibt die Rattenlinie eine Geschichte, die zur Hälfte aus vatikanischen Quellen und zur anderen Hälfte aus amerikanischen, britischen und argentinischen Geheimdienstakten rekonstruiert werden muss.

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