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Paderborner Missbrauchsskandal – ein unerträglicher Sumpf in der katholischen Kirche

Titelbild: Schloss-Internat Eringerfeld/Mathias Böhm Wikipedia 3.0

Im Zuge der jüngsten Enthüllungen zum sexuellen Missbrauch im Erzbistum Paderborn, die durch die unabhängige historische Studie der Universität Paderborn gestern öffentlich gemacht wurden, rücken auch kirchliche Einrichtungen wie das ehemalige Gymnasium Schloss Eringerfeld bei Geseke stärker in den Fokus.

Das Internat und Gymnasium stand lange in enger Verbindung zum Erzbistum Paderborn und diente als Bildungsstätte, in der Priester und Geistliche als Lehrer oder Seelsorger tätig waren. Die Studie dokumentiert für den Zeitraum 1941 bis 2002 – also die Amtszeiten der Erzbischöfe und späteren Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt (1974–2002) – mindestens 210 beschuldigte Geistliche und mindestens 489 Betroffene, verbunden mit einer systematischen „Vertuschungsspirale“: Beschuldigte Priester wurden oft nur versetzt, Meldungen ignoriert oder heruntergespielt, Druck auf Opfer und Familien ausgeübt und staatliche Stellen sowie Teile der Gemeinden schauten vielfach weg. Betroffene wurden schlicht eingeschüchtert.



Ein direkter, konkreter Zusammenhang zwischen Kardinal Degenhardt und Missbrauchsfällen genau im Schloss Eringerfeld wird in der Studie oder den bisherigen Medienberichten nicht explizit hergestellt. Schloss Eringerfeld taucht in den öffentlichen Zusammenfassungen nicht als zentraler Tatort auf. Dennoch besteht ein indirekter Bezug über die kirchliche Struktur und Personalpolitik des Erzbistums, in dem viele Missbrauchsfälle in schulischen oder internatsähnlichen Kontexten stattfanden.

So war etwa Prälat Theo Ahrens ab 1969 als Religionslehrer am Gymnasium Schloss Eringerfeld tätig und stieg unter Erzbischof Degenhardt später zur Leitung der Hauptabteilung Schule und Erziehung im Generalvikariat auf.

Besonders schwerwiegend sind nun neue Vorwürfe ehemaliger Schüler, die genau in die Amtszeit Degenhardts fallen und auf ein gezieltes Auswahl- und Zuführungs-System hindeuten.

Im Jahr 1978 beschwerten sich mehrere Schüler über die sogenannte „Fleischbeschau“ katholischer Geistlicher im Internat. Sie wurden daraufhin in ein Restaurant an der Kreuzung Richtung Steinhausen eingeladen (manchmal als „Restaurant Uhr“ bezeichnet).

 

 

Dort durften die willigen Schüler von der Karte essen – etwa Schnitzel oder eine große Portion Currywurst –, nachdem sie zuvor in der Tauchgruppe des Tauchlehrers Robert E. von sogenannten „Scouts“ begutachtet worden waren.

Den Schülern wurden Fragen gestellt, ob sie eine Freundin oder einen Freund hätten und was sie in ihrer Freizeit machten. Es gab auch zehn DM Taschengeld für Coca Cola und Erdnusslocken, wenn sie versprachen, am folgenden Wochenende mit nach Paderborn oder Soest zu fahren – angeblich zu einem kirchlichen Treffen für Jugendliche, bei dem man auf Priester treffen sollte. „Nachwuchs“ wurde gesucht; wer nach einer Schachtel Zigaretten fragte, bekam diese ebenfalls. Wer mitfahren durfte, konnte zudem den Filmhit des Jahres „Snake Cobra“ als Snack sehen. Schüler, die im Buchladen im Innenhof des eigentlichen gelben Schlosses über solche Vorgänge redeten, bekamen schon einmal eine Ohrfeige.

Schüler, die von den Terminen in Soest oder Paderborn zurückkehrten, sprachen hinter vorgehaltener Hand von ‚perversen Orgien in Priesterkutte‘.

Zu dem gleichen Zeitpunkt, an dem freitags Busse nach Osnabrück und nach Kassel abfuhren, fuhren auch Busse nach Paderborn ab. Schüler, die von den Terminen krank geworden waren, kamen auf die Krankenstation und bekamen Psychopharmaka verabreicht.

Im Februar 1979 brachen Unbekannte in das Schulgebäude des Internats ein, weil ein offenbar beteiligter Schüler behauptet hatte, Fotos von den Besuchen in Paderborn zu besitzen. Ihm wurde Drogenabhängigkeit unterstellt. Lehrer und Internatsleitung übten massiven Druck auf die Schüler aus, über die Besuche in Paderborn nichts zu sagen, weil niemand ihnen glauben würde.

Es sei genauso grotesk, wie wenn die IRA in Eringerfeld etwas auskundschaften würde – eine Anspielung auf die damaligen Terroranschläge der Provisional Irish Republican Army (IRA) an britischen Einrichtungen im Münsterland und Westdeutschland ab 1978. Im Zuge der IRA-Ermittlungen, die in Eringerfeld stattfanden, nach den Anschlägen im Münsterland und den zuvor stattgefundenen Auskundschaften muss den ermittelnden Behörden der Zusammenhang mit der Kirche klargeworden sein.

Warum handelte der Staat nicht? Würde gar er von den kirchlichen Würdenträgern unter Druck gesetzt?

Katholische Geistliche spielten zudem Fußball mit den Jugendlichen, und Schülern wurde angedroht, bei Beschwerden einfach sitzen zu bleiben.

Solche Schilderungen passen zu den Vorwürfen der Betroffenenvertretung, die von einem organisierten pädo-kriminellen Netzwerk spricht, in dem Jungen gezielt ausgewählt und zu Priestern nach Paderborn gebracht worden sein sollen.

Die Studie selbst liefert zwar keine konkreten Belege für persönliche Täterschaft Degenhardts oder eine direkte Verknüpfung zu Eringerfeld, bestätigt aber seine Verantwortung für systematische Vertuschung.

Ein Betroffener beschuldigt Degenhardt persönlich des Missbrauchs als Minderjähriger; die Betroffenenvertretung stuft ihn als Beschuldigten ein und prüft Hinweise auf ein Netzwerk.
Es gibt es keinen öffentlich dokumentierten direkten Missbrauchsvorwurf gegen Degenhardt speziell im Schloss Eringerfeld, doch die nun ans Licht kommenden Schilderungen aus den Jahren 1978/79 verstärken den Verdacht auf Grooming-Strukturen, organisierte Zuführung und mangelnde Aufsicht unter seiner Leitung. Die Aufarbeitung im Erzbistum läuft weiter – der zweite Teil der Studie (ab 2003) folgt 2027 –, und neue Details könnten noch ans Licht kommen. Erzbischof Udo Markus Bentz hat Konsequenzen für Prävention versprochen, während in der Öffentlichkeit diskutiert wird, ob Ehrungen wie der Kardinal-Degenhardt-Platz zurückgenommen werden sollten.

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