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Yahoo wird von einer brutalen Abofallen-Spam-Welle überrollt

Titelbild: Screenshot Yahoo Mail 

Man sitzt also mit einem alten Yahoo-Postfach da, das man seit Jahren nicht mehr braucht, und plötzlich prasseln 15.000 Nachrichten herein – alle innerhalb weniger Tage, alle mit demselben abgedroschenen Muster, alle mit demselben aufgesetzten, billigen Charme. „Good day! Rational, smiling, nice and easy-going… My BIGGEST love is 😎“ schreibt Ihnen um 08:12 Uhr eine gewisse McKenna Hanna, als hätte sie extra den Wecker dafür gestellt.

Daneben ein Foto, so generisch, dass es wahrscheinlich aus einem Stock-Foto-Ordner mit zehntausend identischen Gesichtern stammt. Und darunter der kleine, unauffällige blaue Button: „Continue Conversation“.

Sie müssen gar nicht klicken, um zu wissen, was passiert. Sie wissen es schon, bevor der Cursor auch nur in die Nähe kommt.

Sie wissen es, weil Sie es schon hundertmal gesehen haben – nur mit anderen Namen, anderen Smileys, anderen angeblichen Entfernungen („5.4 km away“ – natürlich, Snappie hat Sie ja direkt in Ihrer Straße gefunden).

Sie wissen es, weil der Text so glatt und leblos ist, dass er sich anfühlt wie aus einer Endlosschleife kopiert und eingefügt. Kein Mensch schreibt so. Kein Mensch sagt „You seem very interesting“ nach zwei Sätzen und meint es ernst. Das ist kein Flirt. Das ist ein Skript.

Und genau das macht es so widerwärtig. Die Menschen – oder besser: die Algorithmen, die Bot-Farmen, die irgendwo zwischen Lagos und Chittagong, wahrscheinlich auf den Philippinen sitzen – müssen sich nicht einmal mehr Mühe geben.

Sie werfen 15.000 Köder aus und warten, bis einer anbeißt. Und irgendjemand beißt immer. Irgendjemand ist gerade einsam genug, gerade verzweifelt genug, gerade naiv genug, um zu denken: „Vielleicht ist das ja echt. Vielleicht hat sie wirklich meine Fotos gesehen und findet mich interessant.“

Und genau in diesem winzigen Moment der Hoffnung, in dieser einen Sekunde der Schwäche, klickt der Finger auf „Continue Conversation“.

Dann beginnt der eigentliche Dreck.

Plötzlich sind Sie nicht mehr bei Yahoo. Plötzlich sind Sie auf einer Seite, die wie eine Dating-App aussieht, aber keine ist.

Plötzlich verlangt sie Ihre Kreditkarte für „Premium-Features“, für „mehr Nachrichten“, für „den vollen Chatverlauf“.

Und wenn Sie zahlen, kommt nichts. Oder es kommt noch mehr von derselben Sorte. Oder – und das ist das besonders Infame – es kommt ein zweiter Account, der Ihnen erklärt, dass die erste Frau leider verstorben ist, aber ihre beste Freundin jetzt für Sie da ist, und ob Sie nicht schnell 200 Euro für ihren Flug schicken könnten, damit sie Sie endlich treffen kann.

Das ist kein Zufall. Das ist kein Versehen. Das ist ein ekeliges Geschäftsmodell.

Und das Widerlichste daran: Es funktioniert. Es funktioniert so gut, dass sie sich nicht einmal mehr die Mühe machen, die Texte zu variieren. „Hey! Nice to meet you. You have great photos :)“ – das reicht. Das reicht, weil irgendwo da draußen immer jemand sitzt, der genau in diesem Moment das braucht: ein Kompliment, ein „You seem very interesting“, ein Gefühl, gesehen zu werden. Und genau das verkaufen sie Ihnen. Nicht Liebe. Nicht Nähe. Sondern die Illusion davon – für 9,99 Euro im Monat, für 29,99 Euro im Monat, für „nur noch eine letzte Zahlung, dann kommt sie wirklich“.

Wer das jetzt liest und denkt „mir passiert das nicht“, der sollte sich einmal die eigenen Spam-Ordner anschauen. Wer denkt „ich bin zu schlau dafür“, der sollte sich fragen, warum er überhaupt noch eine Mailadresse von 2008 hat, die nirgendwo mehr steht und trotzdem 15.000 Nachrichten bekommt.

Wer denkt „das ist doch nur Spam“, der sollte sich klarmachen, dass hinter jedem dieser 15.000 Köder ein Mensch sitzt – oder ein Bot, der von Menschen gesteuert wird –, der genau kalkuliert hat, wie viel Hoffnung, wie viel Einsamkeit, wie viel verzweifelte Sehnsucht nötig ist, bis jemand den Kreditkartenrahmen zückt.

Das ist keine romantische Komödie mit Missverständnissen. Das ist organisierte emotionale Ausbeutung. Und sie funktioniert, weil wir alle – wirklich alle – an irgendeiner Stelle verletzlich sind. Weil wir alle irgendwann mal einen Moment haben, in dem uns ein „You too! Thanks so much“ mehr bedeutet, als es sollte.

Deshalb löschen Sie das Postfach. Oder lassen Sie es sperren. Oder benutzen Sie es nur noch mit Wegwerf-Adressen. Und wenn wieder so eine McKenna Hanna um 08:12 Uhr schreibt, dann denken Sie daran: Sie hat nicht Ihre Fotos gesehen. Sie hat nicht mal Ihren Namen richtig gelesen. Sie hat einfach die nächste Mailadresse aus der Liste genommen und denselben Text reingeklatscht, den sie gestern schon 14.999 Mal verschickt hat.

Und genau das macht es so bitter. Nicht der Kaffee aus Kenia, den man vielleicht vor dem Monitor trinkt. Sondern die Erkenntnis, dass selbst die billigste, abgedroschenste, am meisten kopierte Zeile der Welt immer noch jemanden findet, der sie glauben will.

Deshalb: Kein Klick. Kein „Continue“. Kein „vielleicht doch“. Sondern direkt in den Papierkorb. Und dann das Postfach dichtmachen. Für immer.

Weil niemand 15.000 Mal am Tag „nice to meet you“ verdient. Und schon gar nicht von Leuten, die gar nicht existieren.

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