In den französischen Alpen liegt seit fast vierzehn Jahren ein Verbrechen, das nie aufgeklärt wurde und das selbst erfahrene Ermittler als perfektes Verbrechen bezeichnen. Am Nachmittag des 5. September 2012 bog die Familie al-Hilli mit ihrem BMW auf einen kleinen Waldparkplatz bei Chevaline oberhalb des Lac d’Annecy ein, sieben Kilometer von ihrem Campingplatz entfernt. Wenig später waren vier Menschen tot.
Saad al-Hilli, ein fünfzigjähriger Ingenieur irakischer Herkunft aus dem englischen Claygate, seine Frau Iqbal, siebenundvierzig, und ihre vierundsiebzigjährige Mutter Suhaila al-Allaf lagen im Auto, mit mehreren Kopfschüssen hingerichtet. Daneben lag Sylvain Mollier, fünfundvierzig, ein Radfahrer aus der Gegend, der nur zufällig vorbeigekommen war. Der Motor des BMW lief noch, die Scheiben waren von Kugeln durchsiebt. Im Wagen fanden die Ermittler fünfundzwanzig Patronenhülsen und ein abgebrochenes Stück eines roten Pistolengriffs aus Canevasite. Auf dem Rücksitz kauerte, acht Stunden lang unentdeckt, die vierjährige Zeena, die sich unter dem Rock ihrer toten Mutter versteckt hatte und stillgehalten hatte, während die Retter kamen und gingen. Vor dem Auto lag ihre siebenjährige Schwester Zainab, angeschossen, mit einem Schädelbruch, weil der Täter ihr mit dem Kolben seiner Waffe auf den Kopf geschlagen hatte. Sie überlebte nur knapp.
Von Anfang an war die Tatwaffe das größte Rätsel. Es war keine moderne Waffe, sondern eine Luger P06/29 Kaliber 7,65 Millimeter, ein Sammlerstück, das bis Anfang der sechziger Jahre von der Schweizer Armee geführt wurde und von dem nur etwa sechzigtausend Exemplare gebaut wurden. Einundzwanzig Schüsse fielen in weniger als neunzig Sekunden, siebzehn davon trafen.
Die Ermittler suchten in England das Haus der Familie al-Hilli, verfolgten eine Spur nach Irak, nach der ein Gefangener behauptet hatte, ihm sei viel Geld geboten worden, um Iraker in Großbritannien zu töten, sie verfolgten eine Erbschaftsstreitigkeit zwischen Saad und seinem Bruder Zaid, die so heftig war, dass beide zeitweise festgenommen wurden, und sie verfolgten die Spur zu Sylvain Mollier, der kurz vor seinem Tod in einen erbitterten Streit um den Verkauf eines Grundstücks verwickelt war. Alle Spuren verliefen im Nichts. Im Jahr 2022 wurde der Fall an den neu gegründeten Cold-Case-Pol in Nanterre bei Paris übergeben, an die Spezialrichterin Sabine Kheris, die alle Polizeidienststellen Frankreichs anwies, sofort Meldung zu machen, sobald irgendwo eine Luger P06 auftaucht.
Vierzehn Jahre lang blieb es still, bis zum 20. August 2026. Britische Urlauber, die im Lac d’Annecy schnorchelten, fanden in nur zwei Metern Tiefe, wenige Dutzend Meter vom Ufer entfernt, eine Pistole, die mit Algen überzogen und verrostet war. Der Fundort liegt genau vor dem Campingplatz Le Solitaire du Lac bei Doussard, jenem Platz, auf dem die al-Hillis mit ihrem Wohnwagen gestanden hatten. Die Touristen hielten die Waffe zunächst für ein Spielzeug, merkten dann das Gewicht, behielten sie vierundzwanzig Stunden, recherchierten im Internet und stellten selbst die Verbindung zu Chevaline her, bevor sie die Gendarmerie riefen. Die französische Presse, Marianne und Le Parisien, und die britische Presse, The Times, The Telegraph und The Sun, berichten übereinstimmend, dass es sich um eine Luger handelt und dass die Staatsanwaltschaft nun prüft, ob es eine P06 ist, ob das Griffstück zu dem abgebrochenen Fragment vom Tatort passt und ob der Lauf trotz der Korrosion noch mit den Hülsen von damals abgeglichen werden kann. Wegen der langen Zeit im Wasser wird das Ergebnis erst in mehreren Wochen erwartet. Für die Ermittler wäre es der erste echte Durchbruch seit 2012, ein Faden, an dem sie über Seriennummer und Vorbesitzer endlich einen Weg zurück zum Täter finden könnten, der an jenem Nachmittag im Wald zwei kleine Mädchen zu Waisen machte und seitdem wie ein Phantom durch die Alpen geistert.
