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Karachi, 5.September 1986 – Pan Am Flug 73

Titelbild:N656PA -Leslie Snelleman

Pan Am Flug 73, der 5. September 1986 in Karachi

Der 5. September 1986 begann auf dem Jinnah International Airport in Karachi wie ein ganz normaler Zwischenstopp im Weltnetz der Pan American World Airways.


Flug 73 war in Bombay, dem heutigen Mumbai, gestartet, mit 360 Passagieren und 19 Crew-Mitgliedern an Bord, dazu einer amerikanischen Cockpit-Crew und 13 indischen Flugbegleiterinnen, die Pan Am extra für die Route nach Frankfurt und weiter nach New York eingestellt hatte. 109 Passagiere waren in Karachi ausgestiegen, der erste Bus mit neuen Passagieren hatte das Flugzeug gerade erreicht, das auf dem Vorfeld stand, als um etwa 6 Uhr morgens Ortszeit ein Van mit Sirene und Blaulicht, umgebaut um wie ein Flughafen-Sicherheitsfahrzeug auszusehen, auf das Flugzeug zufuhr.


Vier Männer sprangen heraus, verkleidet als Sicherheitsleute des Flughafens Karachi, bewaffnet mit Sturmgewehren, Pistolen, Handgranaten und Sprengstoffgürteln aus Plastiksprengstoff. Sie stürmten die Treppe hoch, feuerten in die Luft, einer trug einen Shalwar Kameez und eine Aktentasche voller Granaten, draußen fielen gleichzeitig Schüsse, bei denen zwei Bodenmitarbeiter von Kuwait Airways an einem benachbarten Flugzeug getötet wurden. An Bord zwangen sie einen Flugbegleiter mit Schüssen auf seine Füße, die Tür zu schließen. In diesem Moment entschied sich das Schicksal des Fluges.

Im vorderen Galley-Bereich, außer Sichtweite der Entführer, stand die 22-jährige leitende Flugbegleiterin Neerja Bhanot. Sie war erst seit zehn Monaten bei Pan Am, kam aus einer Journalistenfamilie aus Bombay, hatte als Model gearbeitet und war an diesem Tag Senior Purser für die First Class. Sie tat das, wofür sie trainiert worden war, und noch viel mehr. Sie gab über die Bordsprechanlage den Hijack-Code ins Cockpit durch und ermöglichte so den drei Piloten, über die Notluke im Cockpit-Dach und das Inertial Reel Escape Device zu entkommen. Mit der Flucht der Piloten war die Boeing 747-121 mit dem Namen Clipper Empress of the Seas bewegungsunfähig, sie konnte nie wieder abheben, genau das, was die Entführer unbedingt verhindern wollten.

Die vier Täter gehörten zur Abu Nidal Organisation, einer der brutalsten palästinensischen Splittergruppen, die bereits im November 1985 für die Entführung des EgyptAir Fluges 648 verantwortlich gewesen war. Ihr Anführer war Zaid Hassan Abd al-Latif Masud al Safarini. Nach US-Ermittlungen war ihr Plan, die entführte Maschine zu nutzen, um in Zypern und Israel palästinensische Gefangene freizupressen. Nach etwa 40 Minuten hatten sie die volle Kontrolle über das Flugzeug, 379 Menschen an Bord, darunter etwa 78 US-Bürger, waren nun Geiseln in einer Blechröhre bei über 40 Grad Hitze auf dem Vorfeld.


Was dann 16 bis 17 Stunden dauerte, war ein langsamer Terror. Safarini verlangte von der Crew, die Pässe aller Passagiere einzusammeln, um gezielt Amerikaner zu identifizieren. Neerja Bhanot erkannte sofort, was das bedeutete, und begann mit ihrer Crew, die amerikanischen Pässe zu verstecken, unter Sitzkissen, in Müllschächten, einige spülte sie die Toilette hinunter. Von 41 Amerikanern an Bord wurden am Ende nur zwei getötet, weil die Entführer sie nicht finden konnten. Währenddessen musste sie Durchsagen machen, wie von Safarini autorisiert, die Passagiere beruhigen, Essen verteilen, Kindern helfen. Sie war die einzige Verbindung zwischen den Bewaffneten und der Kabine.

Gegen Abend eskalierte die Lage. Safarini hatte zuvor in aufgezeichneten Verhandlungen gedroht, es werde viele Opfer geben, unschuldige Kinder und Frauen, die Passagiere würden die Opfer sein. Er setzte die Drohung um. Als die Forderung nach einer Ersatz-Crew nicht erfüllt wurde, zerrte er Rajesh Kumar, einen 29-jährigen indisch-amerikanischen Staatsbürger aus Kalifornien, an die offene Tür, kniete ihn mit den Händen im Nacken nieder und erschoss ihn, bevor er seinen schwer verletzten Körper auf das Vorfeld werfen ließ. Rajesh Kumar war das erste Todesopfer.

In der Nacht fiel im Flugzeug der Strom aus, weil die Hilfsturbine ausging. In der Dunkelheit glaubten die Entführer, es sei ein Angriff der pakistanischen Sicherheitskräfte, und eröffneten das Feuer auf die Passagiere. Genau in diesem Moment rannte Neerja Bhanot zur Notausgangstür, riss sie auf und aktivierte die Notrutsche. Statt selbst als Erste zu fliehen, blieb sie an Bord, um anderen beim Ausstieg zu helfen, schirmte drei kleine Kinder mit ihrem Körper ab und wurde dabei von Schüssen getroffen. Sie wurde noch lebend aus der Maschine getragen, starb aber kurz darauf an massiven Blutungen. Sie starb einen Tag vor ihrem 23. Geburtstag, ihr Sarg erreichte ihre Familie am 7. September, ihrem Geburtstag.



Die Bilanz war verheerend. 20 bis 22 Menschen wurden ermordet, darunter Bürger aus vier Ländern im Alter von 7 bis 81 Jahren, über 100 weitere wurden verletzt, viele durch Schrapnelle, Schüsse, Knochenbrüche, einige fielen ins Koma oder verloren Gliedmaßen. Drei der Entführer versuchten in der Panik mit den fliehenden Passagieren zu entkommen, wurden aber von Passagieren im Terminal erkannt und festgenommen. Safarini selbst hatte einen Komplizen angewiesen, ihn in die Taille zu schießen, in der Hoffnung, sein Sprengstoffgürtel würde detonieren, er wurde schwer verwundet, aber überlebte und wurde erst im Krankenhaus als Entführer identifiziert, noch immer mit dem Sprengstoffgürtel um den Leib.

Alle vier wurden in Pakistan zum Tode verurteilt, später in lebenslange Haft umgewandelt. Safarini wurde 2001 in Pakistan freigelassen, vom FBI bei einem Stopp in Jordanien festgenommen und in den USA 2004 zu 160 Jahren Haft verurteilt. Neerja Bhanot wurde posthum zur Legende. Sie erhielt als erste Frau und bis 2003 jüngste Trägerin Indiens höchsten Friedens-Tapferkeitsordens, den Ashoka Chakra, sowie aus Pakistan den Tamgha-e-Pakistan und den Nishan-e-Pakistan, und aus den USA den Special Courage Award. Ihre Familie gründete den Neerja Bhanot Pan Am Trust, der jedes Jahr eine mutige indische Frau auszeichnet. 2016 wurde ihr Leben mit Sonam Kapoor im Bollywood-Film Neerja verfilmt.



Pan Am Flug 73 gilt bis heute als einer der brutalsten Entführungsfälle der 1980er Jahre, ein Jahrzehnt, das mit 300 Entführungsfällen zwischen 1977 und 1986 und einer Welle von Anschlägen der Abu Nidal Organisation ohnehin blutig war. Erst nach Karachi, nach dem Anschlag auf Pan Am 103 über Lockerbie 1988, führte die Luftfahrt die gepanzerten Cockpittüren, die heute Standard sind, flächendeckend ein. Doch was die 379 Seelen in Karachi rettete, war nicht Technik, sondern die Geistesgegenwart einer 22-jährigen Flugbegleiterin, die verstanden hatte, dass man ein Flugzeug am Boden halten kann, wenn man die Piloten rettet, und dass man Leben retten kann, wenn man Pässe versteckt und eine Tür öffnet, während um einen herum geschossen wird.

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