Damals

Elisabeth Kübler-Ross würde 100 Jahre alt

Titelbild:Von Lynn Gilbert – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=193960345

Elisabeth Kübler-Ross zum 100. Geburtstag

Am 8. Juli 1926 wurde in Zürich eine außergewöhnliche Frau geboren, die das Verhältnis der modernen Gesellschaft zum Tod, zum Sterben und zur Trauer grundlegend verändern sollte: Elisabeth Kübler, später Kübler-Ross. Als eines von drei eineiigen Zwillingsschwestern kam sie mit nur zwei Pfund auf die Welt, ein zartes Wesen, dessen Überleben zunächst zweifelhaft erschien und das sie selbst später der hingebungsvollen Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Mutter zuschrieb.

Diese frühe Erfahrung von Verletzlichkeit und bedingungsloser Fürsorge prägte ihr ganzes Leben, in dem Mitgefühl, Mut und die unerschütterliche Überzeugung, dass jeder Mensch Würde verdient – besonders am Ende seines Lebens – zu zentralen Antrieben wurden.

Schon als junges Mädchen zeigte Elisabeth einen starken Willen und eine tiefe Sehnsucht, anderen zu helfen. Gegen den ausdrücklichen Wunsch ihres Vaters, der sie lieber als Sekretärin in seinem Betrieb gesehen hätte, entschied sie sich für den Weg der Medizin. Mit sechzehn verließ sie das Elternhaus, arbeitete in verschiedenen Jobs, um sich selbst zu finanzieren, und engagierte sich nach dem Zweiten Weltkrieg in humanitärer Hilfe. Sie half in Nachkriegs-Europa, besuchte unter anderem Konzentrationslager wie Majdanek in Polen und wurde Zeugin unvorstellbaren Leids – Stapel von Kinderschuhen, Berge von Haaren, die stummen Zeugnisse millionenfachen Mordes. Diese Erlebnisse brannten sich tief in ihre Seele ein und verstärkten ihren Entschluss, Ärztin zu werden, um Leid zu lindern und den Menschen in ihrer letzten Phase des Lebens beizustehen.

1951 begann sie ihr Medizinstudium an der Universität Zürich und schloss es 1957 erfolgreich ab. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen, den amerikanischen Medizinstudenten Emanuel „Manny“ Ross.

@%€1958 heirateten sie und zogen in die USA. Ihre berufliche Laufbahn führte sie über verschiedene Krankenhäuser in New York, Colorado und schließlich Chicago. In den 1960er Jahren begann sie am Billings Hospital der University of Chicago mit etwas Revolutionärem: Sie lud sterbende Patienten ein, in ihren Seminaren als Lehrer aufzutreten. Statt über sie zu sprechen, ließ sie die Betroffenen selbst erzählen – von ihren Ängsten, Hoffnungen, Wut und Sehnsüchten. In einer Zeit, in der der Tod in der Medizin ein Tabu war, ein Thema, das man möglichst vermied und hinter verschlossenen Türen hielt, brach sie diese Mauer des Schweigens auf.

Aus diesen intensiven Begegnungen und Hunderten von Gesprächen entstand 1969 ihr bahnbrechendes Buch „On Death and Dying“. Darin beschrieb sie ein Modell emotionaler Reaktionen, das später weltberühmt werden sollte: die fünf Phasen des Sterbens und der Trauer – Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression und Akzeptanz. Wichtig ist dabei zu verstehen, dass Kübler-Ross diese Phasen nie als starren, linearen Ablauf sah, den jeder zwangsläufig durchlaufen muss. Es handelte sich um beobachtete Muster, um eine Orientierungshilfe, die helfen sollte, das Innenleben sterbender und trauernder Menschen besser zu verstehen. Ihr Werk öffnete Türen für eine humanere Medizin, förderte die Hospizbewegung und trug maßgeblich dazu bei, dass palliative Versorgung und psychologische Begleitung von Sterbenden und ihren Angehörigen selbstverständlicher wurden.

Ihr Einfluss reichte weit über die Medizin hinaus. Sie wurde Pionierin der Nahtodforschung, hielt Vorlesungen an renommierten Universitäten wie Harvard und schrieb über zwanzig Bücher, die in Dutzende Sprachen übersetzt wurden. Themen wie Lebensübergänge, Spiritualität, das Weiterleben der Seele und die Bedeutung von Verlust für persönliches Wachstum beschäftigten sie zeitlebens. Der Schmetterling wurde zu ihrem Symbol – Sinnbild für Verwandlung, für den Übergang von einer Daseinsform in eine andere. Trotz vieler Widerstände, Anfeindungen und beruflicher Isolation blieb sie ihrer Berufung treu. Sie gründete Workshops zu Leben, Tod und Übergang und setzte sich später besonders für Aidskranke ein, darunter verlassene Babys, für die sie ein Hospiz plante.

Ihr privates Leben war nicht frei von Schicksalsschlägen. Die Ehe mit Manny zerbrach, ein Brandanschlag zerstörte 1994 ihr Zuhause, und gesundheitliche Probleme begleiteten ihre letzten Jahre. Dennoch blieb sie bis zu ihrem eigenen Tod am 24. August 2004 in Scottsdale, Arizona, geistig aktiv und arbeitete weiter. Zusammen mit David Kessler verfasste sie noch „On Grief and Grieving“, das die fünf Phasen auf den Trauerprozess nach dem Verlust geliebter Menschen übertrug und bis heute vielen Menschen Trost spendet.

Heute, an ihrem 100. Geburtstag, blicken wir zurück auf ein Leben von außergewöhnlicher Tiefe und Wirkung. Elisabeth Kübler-Ross hat die Art und Weise, wie wir über Sterblichkeit sprechen, radikal verändert. Sie lehrte uns, dass der Tod kein Feind ist, dem man ausweichen muss, sondern ein natürlicher Teil des Lebens, dem man mit Würde, Mitgefühl und Offenheit begegnen kann. Ihre Arbeit hat Millionen von Menschen geholfen – Ärzten, Pflegekräften, Trauernden und Sterbenden gleichermaßen – und inspiriert weiterhin Bewegungen für bessere Sterbebegleitung weltweit. In einer Zeit, in der Technik und Fortschritt oft den Blick auf das Wesentliche verstellen, erinnert ihr Vermächtnis daran, dass wahre Heilkunst im Zuhören, im Da-Sein und im Respekt vor der menschlichen Würde liegt. Der Schmetterling flattert weiter – Symbol einer unvergänglichen Botschaft von Transformation, Hoffnung und menschlicher Verbundenheit.

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