Damals Menschenrechte Todesstrafe

Die Schuld der Ruth Ellis – im Schatten des Galgens

Titelbild: Beidpielbild Ki generiert
Ruth Ellis wurde am 9. Oktober 1926 als Ruth Neilson in Rhyl in Wales geboren und starb am 13. Juli 1955 in London.
Sie ging als letzte Frau in die Geschichte ein, die in Großbritannien hingerichtet wurde – gehängt für den Mord an ihrem Liebhaber David Blakely. Ihr Leben und ihr Schicksal verkörpern ein dramatisches Kapitel der britischen Nachkriegszeit, geprägt von Armut, Missbrauch, gesellschaftlichen Zwängen, toxischen Beziehungen und einer Justiz, die wenig Raum für Nuancen wie häusliche Gewalt ließ. Ihr Fall löste damals enorme öffentliche Debatten aus und trug langfristig zur Abschaffung der Todesstrafe bei.



Ihre Kindheit war alles andere als idyllisch. Als fünftes von sechs Kindern wuchs sie in einer Familie auf, die häufig umzog. Die Mutter, Bertha Goethals, war eine belgische Kriegsflüchtling, der Vater Arthur Hornby (später Neilson) ein Cellist, der auf Atlantik-Linern spielte. Die Familie zog nach Basingstoke in Hampshire. Ruth erlebte bereits als Kind Missbrauch durch den Vater, was tiefe Spuren hinterließ. Schon als Teenager suchte sie Unabhängigkeit und zog nach London, wo sie in die Welt der Nachtclubs eintauchte. Sie arbeitete als Hostess, Model und bediente in Clubs, die von der glamourösen, aber rauen Unterhaltungsszene der 1940er und 1950er Jahre geprägt waren. Sie hatte eine kleine Rolle in dem Film „Lady Godiva Rides Again“ und posierte sogar für Fotografen – ein Leben, das ihr einerseits Aufmerksamkeit und finanzielle Möglichkeiten bot, andererseits aber auch instabile Beziehungen und Ausbeutung mit sich brachte.


Bereits mit 17 Jahren wurde sie schwanger von einem US-Soldaten und brachte 1945 ihren Sohn Clare Andrea (Andy) zur Welt. 1950 heiratete sie den Zahnarzt George Ellis, den sie in einem Club kennengelernt hatte. Die Ehe war von Anfang an problematisch: George war alkoholabhängig, eifersüchtig und gewalttätig. Dennoch bekamen sie eine Tochter, Georgina. Ruth ließ die Kinder oft bei ihrer Mutter und kehrte in die Clubszene zurück. Sie stieg zur Managerin des „Little Club“ und später anderer Etablissements in Mayfair auf. Mit ihrem platinblonden Haar, ihrer attraktiven Erscheinung und ihrem Ehrgeiz war sie eine auffällige Figur in der Londoner Nachtwelt. Sie nahm sogar Sprech- und Etikette-Unterricht, um gesellschaftlich aufzusteigen.

Ihre wohl schicksalhafteste Beziehung begann 1953 mit David Blakely, einem 25-jährigen Rennfahrer aus besserem Hause, der mit einer anderen Frau verlobt war. Die Affäre war leidenschaftlich, aber extrem toxisch. Blakely war untreu, eifersüchtig und gewalttätig. Er schlug Ruth mehrmals, einmal so brutal in den Bauch, dass sie eine Fehlgeburt erlitt – ein Trauma, das sie tief traf. Ruth selbst hatte zuvor bereits eine illegale Abtreibung hinter sich. Trotz der Misshandlungen und obwohl Blakely sich immer wieder von ihr distanzierte, blieb sie emotional an ihn gebunden. Es gab Versöhnungen und Trennungen im Wechsel. Ein weiterer Mann, Desmond Cussen, spielte eine Rolle als Freund und möglicher Unterstützer, der ihr angeblich sogar die Waffe besorgt haben soll – eine .38er Smith & Wesson-Revolver. Cussen stritt das später ab.

Am Ostersonntag, dem 10. April 1955, eskalierte alles. Ruth hatte Blakely gesucht, der sich mit Freunden in Hampstead versteckte und sie mied. Sie ging zum „Magdala“-Pub, wo er trank. Als Blakely herauskam und zu seinem Auto wollte, rief sie ihn. Er ignorierte sie. Ruth zog die Waffe und schoss. Sie feuerte mehrmals – insgesamt vier oder fünf Schüsse, einige, während Blakely am Boden lag. Zeugen beobachteten die Szene. Ruth blieb ruhig stehen, übergab die Waffe einem herbeieilenden Polizisten (einem Off-Duty-Beamten) und ließ sich festnehmen. In der Vernehmung gestand sie detailliert und erklärte später vor Gericht auf die Frage des Staatsanwalts, ob sie töten wollte: „Es ist offensichtlich, dass ich ihn töten wollte.“

Der Prozess am Old Bailey im Juni 1955 dauerte nur einen Tag. Die Verteidigung brachte kaum mildernde Umstände vor, obwohl es Hinweise auf jahrelangen Missbrauch gab. Die Jury beriet nur etwa 20 Minuten und sprach sie des vorsätzlichen Mordes schuldig. Der Richter verhängte das Todesurteil. Appelle und Gnadengesuche scheiterten trotz massiver öffentlicher Aufregung. Viele Briten identifizierten sich mit der jungen Mutter zweier Kinder, die in einer gewalttätigen Beziehung gefangen war. Dennoch wurde Ruth Ellis am 13. Juli 1955 um kurz nach 9 Uhr morgens im Holloway Prison von Albert Pierrepoint gehängt. Es gab sogar einen kurzen Verzögerung durch einen falschen Anruf, der eine Begnadigung vortäuschte. Ihr Körper wurde zunächst in einem unmarkierten Grab im Gefängnis beerdigt, später umgebettet.

Der Fall Ruth Ellis erschütterte die britische Gesellschaft. Er warf Fragen nach der Todesstrafe, nach Geschlechterrollen, Klassenvorurteilen und dem Umgang mit häuslicher Gewalt auf. Ruth selbst blieb während der gesamten Zeit nach der Tat bemerkenswert gefasst und schien fast bereit zu sterben. Ihr Leben spiegelt die Härten vieler Frauen jener Epoche wider: begrenzte Möglichkeiten, Abhängigkeit von Männern und ein Rechtssystem, das Provokation und langfristigen Missbrauch kaum als Entschuldigung akzeptierte. Spätere Untersuchungen und Appelle ihrer Familie (einschließlich ihrer Enkelkinder) thematisierten genau diese Aspekte. Im Jahr 2026 wurde ihr schließlich eine bedingte Begnadigung zuteil, die das Todesurteil in eine lebenslange Haftstrafe umwandelte – eine späte Anerkennung der Umstände.


Ruth Ellis’ Geschichte wurde in Büchern, Filmen, Theaterstücken und Dokumentationen immer wieder aufgegriffen. Sie bleibt ein Symbol für die Tragik einer Frau, die in einem Strudel aus Liebe, Gewalt und Verzweiflung endete – und für ein Justizsystem, das in ihrem Fall keine Gnade kannte. Ihr Schicksal markierte das Ende einer Ära, in der Frauen für solche Taten noch mit dem Leben bezahlen mussten, und trug dazu bei, dass die Todesstrafe in Großbritannien schließlich abgeschafft wurde.
Nun die dramatische Wende des Falles. Mehr als 70 Jahre nach ihrer Hinrichtung 1955 wurde Ruth Ellis, die letzte Frau, die in Großbritannien gehängt wurde, posthum durch König Charles eine bedingte Begnadigung gewährt. Die Justiz erkannte damit an, dass sie Opfer häuslicher Gewalt und kontrollierenden Verhaltens war, was bei ihrem Prozess nicht berücksichtigt wurde, und wertete die Todesstrafe als schweres historisches Unrecht.
Die Begnadigung wandelt ihr Todesurteil in eine lebenslange Haft um, ohne die Verurteilung selbst aufzuheben, und bringt ihrer Familie nach Jahrzehnten symbolische Gerechtigkeit.



Dieser Schritt würdigt den gesellschaftlichen Wandel im Umgang mit Opfern von Missbrauch.

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