Ukraine

Ukrainische Kriegsgefangene berichten von systematischer Folter durch russischen Gefängnisarzt

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Quelle: OCCRP

In der russischen Strafkolonie Nr. 7 im Dorf Pakino, etwa 230 Kilometer nordöstlich von Moskau, herrschten im Sommer 2023 grausame Zustände. Eine schwere Krätze-Epidemie breitete sich unter den Insassen aus – darunter zahlreiche ukrainische Kriegsgefangene. Für Männer wie Ihor Shyshko, einen 43-jährigen Offizier der Spezialkräfte, der bereits in den ersten Wochen der russischen Großinvasion 2022 in Gefangenschaft geraten war, wurde der Versuch, medizinische Hilfe zu erhalten, zu einem Albtraum der Erniedrigung.

Statt die juckende, sich bis in die Augen ausbreitende Infektion zu behandeln, nutzte der Gefängnisarzt das desinfizierende Brillantgrün als Instrument der sexuellen Demütigung. Er malte Shyshko einen Penis ins Gesicht, Brüste auf den Körper und schrieb mit einem Pfeil auf den Rücken: „Hier ficken“. Anschließend rief er andere hinzu, damit sie das „Kunstwerk“ betrachteten. Shyshko verbrachte etwa ein Jahr in dieser Kolonie, bevor er im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freikam.

Shyshko ist einer von fast 50 ehemaligen ukrainischen Gefangenen, die gegenüber Investigativjournalisten von Schemes (RFE/RL Ukrainian Service), OCCRP und weiteren Partnern detailliert über ihre Erlebnisse berichteten. Ihre Schilderungen zeichnen ein erschütterndes Bild systematischer Misshandlungen: körperliche Gewalt, medizinische Vernachlässigung, erzwungene Nacktheit, sexuelle Erniedrigung und kollektive Bestrafungen. Viele Gefangene mussten tagelang stehen, hungerten bei schimmeligem Brot als einziger Nahrung und wurden statt in Höfe in Zwinger für Wachhunde gesperrt. Man zwang sie zu kriechen, zu bellen oder aus Hundenäpfen zu trinken. Besonders brutal war die sogenannte „Robbenfortbewegung“ – das Schleifen über den Boden nur mit den Armen, bis die Beine blutig waren – oder die „Bastenada“, wiederholte Schläge mit dem Schlagstock auf die Fußsohlen.

Etwa die Hälfte der Befragten beschrieb den Gefängnisarzt als zentrale Figur des Terrors. Sie gaben ihm Spitznamen wie „Der Veterinär“, „Dr. Death“, „Dr. Eiter“ oder „Konoval“ – ein abfälliger Begriff für einen grobschlächtigen Tierarzt. Der Mann soll kranke Häftlinge nicht nur ignoriert, sondern aktiv gequält haben. Er verweigerte Medikamente, zwang die Wiederverwendung schmutziger Verbände und drohte mit Strafen, wenn diese ohne Erlaubnis entfernt wurden. Bei der Krätze-Epidemie verschärfte er die Lage bewusst, indem er Infizierte in gesunde Zellen verlegte. „Es gab keine Logik der Eindämmung, sondern der Verbreitung“, berichtete der ukrainische Journalist Dmytro Khyliuk, der über zwei Jahre in der Kolonie verbrachte. Shyshko stand einen Monat lang völlig nackt in einer kalten Zelle: „Das soll die Milben töten – am besten zusammen mit euch“, soll der Arzt gesagt haben.

Die sexuelle und psychologische Folter nahm besonders perfide Formen an. Der Arzt soll Gefangene gezwungen haben, sich nackt zu umarmen, zu tanzen, homosexuelle Szenen nachzuspielen oder sich gegenseitig zu berühren – alles zur Belustigung seiner selbst und der Wachen. Er kommentierte Genitalien und Gesäß ohne medizinischen Grund, führte unangekündigte rektale Untersuchungen durch, strich mit einem Bleistift über Körperteile und drohte mit Vergewaltigung. „Das Schlimmste war, dass alle von einem abhängig waren“, erinnerte sich Shyshko. Verweigerung bedeutete kollektive Bestrafung – kein Essen für die gesamte Zelle, auch für Kranke und Ältere.

Neben Soldaten wie dem jungen Marine David Pradchenko, der in Mariupol gefangen genommen wurde, saßen auch Zivilisten ein: der ehemalige Bürgermeister von Cherson, Volodymyr Mykolaienko, oder der Journalist Khyliuk. Pradchenko berichtete, wie ihm ohne Betäubung ein Zehennagel herausgerissen wurde, während der Arzt zusah. Bei Beschwerden vertröstete dieser die Gefangenen mit Kinderversen („Das Kätzchen tut weh, das Hündchen tut weh, deins geht auch vorbei“), schlug das Kreuzzeichen oder empfahl das Vaterunser als Heilmittel. Ein Mitgefangener Pradchenkos, der 23-jährige Marine Pavlo Polovyi, litt unter einem schweren stressbedingten Ausschlag, erhielt keine Behandlung und nahm sich 2023 das Leben.

Durch Kreuzvergleiche von Zeugenaussagen, geleakten Datenbanken und öffentlichen Quellen identifizierten die Reporter den Mann als Vyacheslav Cherdantsev. Der heute 48-Jährige stammt ursprünglich aus Kirgisistan, arbeitete früher in einer Jugendstrafanstalt (u. a. im Bereich HIV-Prävention und Drogenbehandlung), zog 2013 nach Russland, erhielt die Staatsbürgerschaft und war bis mindestens 2025 bei der Medizinischen Einheit 33 des Föderalen Strafvollzugsdienstes angestellt. Mehr als 30 ehemalige Gefangene erkannten ihn auf Fotos wieder – einige mit absoluter Sicherheit, vor allem an den Augen und Händen. Cherdantsev reagierte nicht auf Anfragen der Journalisten. Auch die Leitung der Kolonie und der russische Strafvollzug schwiegen.

Die Vorfälle in Kolonie Nr. 7 fügen sich in ein breites Muster dokumentierter systematischer Misshandlungen ukrainischer Gefangener durch russische Kräfte ein – von Folter und sexueller Gewalt bis zur Verweigerung medizinischer Versorgung, wie sie von UN-Missionen, der OSZE und dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte festgestellt wurden. Ukrainische Ermittler haben die Aussagen aufgenommen und ermitteln im Rahmen der Kriegsverbrechensverfahren. Tausende Ukrainer befinden sich weiterhin in russischer Haft.

Die Berichte der Überlebenden zeugen von einer gezielten Zerstörung nicht nur des Körpers, sondern auch der Würde. In einer Umgebung, in der ein Arzt – der eigentlich dem Hippokratischen Eid verpflichtet sein sollte – zum „Dr. Death“ wird, offenbart sich die ganze Brutalität des Systems. Die Hände, an die sich Shyshko so genau erinnert, haben nicht geheilt. Sie haben gequält.

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