Cold Case

Der Cold Case Ulrike Hingkeldey, 1984

Titelbild: Wer kennt diesen Mann?, Phantombid, 1984 Polizei DüsseldorfIm August 1984 erschütterte ein besonders brutaler Mordfall die Region um Bonn und das Rheinland. Die 20-jährige Ulrike Hingkeldey, eine Psychologiestudentin, die in einem Studentenwohnheim in Bonn lebte und ursprünglich aus Wuppertal stammte, wollte an jenem Samstagabend, dem 18. August, zu ihren Eltern in Wuppertal fahren. Sie hatte offenbar vor, dort einen neuen Personalausweis zu beantragen, nachdem ihr eigener durch einen Waschmaschinenunfall unbrauchbar geworden war. Da sie kein eigenes Auto besaß, entschied sie sich, per Anhalter zu reisen. Gegen 20.30 bis 20.50 Uhr stand sie an einer Tankstelle am großen Autobahnverteilerkreis in Köln-Süd, wo die A555 auf die A4 trifft, und hielt ein Pappschild mit einem großen „W“ für Wuppertal hoch. Zeugen erinnerten sich später daran, dass sie dort in ein auffälliges sportliches Fahrzeug einstieg – vermutlich einen roten oder dunkelorangen Datsun 260 ZX oder 280 ZX mit Wuppertaler Kennzeichen. Der Fahrer wurde als etwa 30 Jahre alter Mann beschrieben, mit schmalem Gesicht, dünnem stark gewelltem blondem Haar, einem blonden Oberlippenbart, der bis zu den Mundwinkeln reichte, und auffälliger Kleidung: einem knallroten Sweatshirt unter einer dunklen ärmellosen Jacke.

Von diesem Moment an verlor sich ihre Spur. Am nächsten Tag, dem 19. August 1984, machte ein Radfahrer aus Wesseling in den frühen Abendstunden einen grausigen Fund. An der damaligen Landstraße 281 (heute L 281 oder L 182), zwischen Wesseling und Bornheim, am nördlichen Stadtrand von Bornheim, lag die Leiche der jungen Frau im Gebüsch eines verwilderten Randstreifens neben einem asphaltierten Wirtschaftsweg, der eine Kurve beschrieb. Die Polizei ging später davon aus, dass dieser Fundort auch der Tatort war. Die Verletzungen waren von unfassbarer Brutalität: Ulrike Hingkeldey hatte so schwere Kopfverletzungen erlitten, dass ihr Gesicht bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert war. Es handelte sich um einen Sexualmord, der von extremer Gewalt geprägt war. Die genaue Tatreihenfolge und alle Umstände blieben nie vollständig rekonstruierbar, doch die Ermittler vermuteten, dass der Täter sie nach dem Mitnehmen in seinem Fahrzeug an diesen abgelegenen Ort gebracht und dort getötet hatte.

Der Fall erregte damals großes Aufsehen, nicht zuletzt weil Ulrike Hingkeldey als Tramperin unterwegs gewesen war und die Polizei bereits kurz nach dem Fund in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ um Hinweise bat. Zeugen, darunter andere Anhalter, die die Polizei mit Plakaten suchte, konnten das Fahrzeug und den mutmaßlichen Täter teilweise beschreiben. Dennoch führte die Fahndung zunächst zu keinem Erfolg. Der Mörder blieb unerkannt. Jahrzehnte später, im Jahr 2017, kam durch moderne kriminaltechnische Methoden neue Bewegung in den Cold Case. DNA-Analysen ergaben, dass derselbe Täter höchstwahrscheinlich auch für den Mord an der 17-jährigen Regina Neudorf aus Wülfrath verantwortlich war, der sich fünf Jahre zuvor, im Mai 1979, ereignet hatte. Bei Regina Neudorf war die Leiche fachmännisch zerstückelt worden – Arme und Beine waren abgetrennt und die Gliedmaßen teilweise in Plastiktüten verpackt –, was auf Kenntnisse eines Jägers, Metzgers oder Schlachters hindeutete. Auch bei Ulrike Hingkeldey gab es Hinweise auf extreme Gewalt und Verstümmelungen, wenngleich die Zerstückelung nicht in gleichem Ausmaß beschrieben wurde. Beide Opfer waren junge Frauen, die allein unterwegs gewesen waren – Regina zu Fuß auf dem Heimweg von einer Disco, Ulrike per Anhalter. Diese Parallelen und die übereinstimmende DNA-Spur ließen die Ermittler der Kripo Bonn und Mettmann vermuten, dass es sich um einen Serientäter handeln könnte.

Trotz der Wiederaufnahme der Ermittlungen, einer erneuten Ausstrahlung bei „Aktenzeichen XY“ im April 2017 mit einem Phantombild des mutmaßlichen Täters und zahlreichen Hinweisen aus der Bevölkerung – darunter mehrere Hundert nach der Sendung – blieb der Fall bis heute ungelöst. Die Staatsanwaltschaft Bonn setzte eine Belohnung aus, und die Polizei hoffte auf neue Zeugenaussagen zu dem auffälligen Sportwagen oder dem beschriebenen Mann, der heute etwa Mitte 70 wäre. Der Mord an Ulrike Hingkeldey steht exemplarisch für die Gefahren des Trampens in den 1980er-Jahren, aber vor allem für die Brutalität, mit der ein unbekannter Täter das Leben einer jungen, zukunftsorientierten Studentin auslöschte. Die Erinnerung an sie und die offene Frage nach dem Täter halten die Akten bei der Polizei bis heute lebendig, denn Mord verjährt nie. Die genauen Umstände, warum der Täter gerade diese junge Frau auswählte und mit solcher Wut vorging, bleiben im Dunkeln – ein tragisches Kapitel der rheinischen Kriminalgeschichte, das bislang nicht abgeschlossen werden konnte.

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