Cold Case

Der Cold Case Sandra Wißmann

Titelbild: Sandra Wissmann Polizei BerlinDer Cold Case Sandra Wißmann aus Berlin-Kreuzberg ist einer der traurigsten und bis heute ungelösten Vermisstenfälle in der deutschen Hauptstadt. Am 28. November 2000 verschwand die zwölfjährige Schülerin spurlos mitten in einem belebten Stadtteil – nur wenige Hundert Meter von ihrem Elternhaus entfernt. Seit fast 26 Jahren fehlt von ihr jedes Lebenszeichen, und die Berliner Mordkommission geht inzwischen fest davon aus, dass sie Opfer eines Kapitalverbrechens wurde.

An jenem Dienstagnachmittag verließ Sandra gemeinsam mit ihrer Mutter gegen 15 Uhr die elterliche Wohnung in der Böckhstraße 40 in Kreuzberg. Die Familie lebte dort in einem typischen Kiez, und für Sandra war es ein ganz normaler Tag. Sie hatte vor, später wie üblich ins Fitnessstudio zu gehen, doch zuvor wollte sie noch ein Geburtstagsgeschenk für ihre Mutter besorgen. Mutter und Tochter gingen ein Stück des Weges zusammen, trennten sich dann aber am Kottbusser Damm. Sandra machte sich allein auf den Weg zum damaligen Karstadt-Kaufhaus am Hermannplatz, heute Galeria.

Im Kaufhaus wurde sie zwischen 15 und 16 Uhr von Angestellten gesehen, wie sie in der Buchabteilung einkaufte. Eine Verkäuferin konnte sich später an das Mädchen erinnern. Danach verließ Sandra das Geschäft. Die letzte gesicherte Sichtung stammt von gegen 16:45 Uhr: Zwei Mitschülerinnen oder Zeuginnen beobachteten sie auf dem Kottbusser Damm, als sie in Richtung Landwehrkanal lief. Von dort aus wären es nur noch wenige Minuten Fußweg bis nach Hause gewesen. Doch Sandra kam nie an. Ihre besorgte Mutter erstattete noch am selben Abend eine Vermisstenanzeige.

Groß angelegte Suchaktionen folgten in den darauffolgenden Tagen und Wochen. Die Polizei durchkämmte das Gebiet rund um den Landwehrkanal, befragte unzählige Zeugen und setzte auf Medienberichte, um Hinweise zu erhalten. Der Fall wurde unter anderem in „Aktenzeichen XY… ungelöst“ und anderen Formaten thematisiert. Es gab eine Belohnung, Zeugenaufrufe und intensive Ermittlungen der 5. Mordkommission. Dennoch verliefen alle Spuren im Sand. Keine Leiche, kein Bekleidungsstück, kein Hinweis auf einen möglichen Täter – einfach nichts.

Sandra wurde zum Zeitpunkt ihres Verschwindens als circa 1,60 Meter groß, sportlich und zierlich beschrieben. Sie hatte braune Augen, lange glatte dunkelblonde Haare, die sie mit einem Haargummi zum Zopf gebunden trug. Bekleidet war sie mit einem dunkel gemusterten Pullover in Braun-, Bordeaux- und Schwarztönen, einer schwarzen Jeans und einer halblangen blauen, gesteppten Winterjacke.

Es gab einen interessanten Nebenaspekt: Nur wenige Minuten bevor Sandra vermutlich an einer bestimmten Stelle vorbeikam, wurde eine 13-jährige andere Mädchen von einem unbekannten Mann angesprochen. Ob dies mit Sandras Verschwinden zusammenhängt, konnte nie geklärt werden. Die Ermittler schlossen auch nicht aus, dass ein Zufallstäter oder jemand aus dem Umfeld des Mädchens involviert gewesen sein könnte, doch konkrete Verdächtige oder Beweise fehlten bis heute.

Im Mai 2026, anlässlich des Tages der vermissten Kinder, hat die Berliner Polizei den Fall zusammen mit der Staatsanwaltschaft erneut öffentlich gemacht und einen frischen Zeugenaufruf gestartet. Die 5. Mordkommission hofft weiterhin auf Hinweise – sei es von Menschen, die Sandra an jenem Tag oder danach noch gesehen haben, die auffällige Beobachtungen im Kreuzberger Kiez machten oder die vielleicht doch etwas wissen, das damals nicht wichtig erschien. Hinweise können bei der Mordkommission unter der Nummer +49304664911555 oder per E-Mail an LKA115-Hinweis@polizei.berlin.de eingehen.

Für die Familie, besonders für die Mutter und die Geschwister, bleibt der Schmerz unvorstellbar. Über ein Vierteljahrhundert ohne Gewissheit, ohne Abschluss. Der Fall Sandra Wißmann steht stellvertretend für jene tragischen Geschichten, in denen ein Kind mitten aus dem Alltag gerissen wird und die Großstadt ihre dunklen Seiten zeigt. Ob neue DNA-Techniken, digitale Archivdurchsichten oder doch noch ein entscheidender Zeuge irgendwann Licht ins Dunkel bringen – die Ermittler haben den Fall nie zu den Akten gelegt. Die Hoffnung auf Aufklärung, so klein sie nach so vielen Jahren auch sein mag, bleibt bestehen.

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