DDR

Das Gold der DDR

Titelbild: Beispielbild Pixabay

Die Geschichte des Goldes der DDR ist keine simple Erzählung von einem einzelnen Schatz, der irgendwo verschwunden ist, sondern ein komplexes Kapitel der späten DDR-Wirtschaft, geprägt von chronischer Devisennot, geheimen Beschaffungsnetzwerken und der chaotischen Übergangsphase zur deutschen Einheit. In den 1980er-Jahren steckte die DDR in einer tiefen wirtschaftlichen Krise: Die Planwirtschaft litt unter Ineffizienzen, veralteten Anlagen und einem ständigen Mangel an konvertierbarer Währung, die für Importe von Rohstoffen, Technologie und Konsumgütern dringend benötigt wurde. Um diese Lücke zu füllen, schuf das Regime unter Erich Honecker ein paralleles System der Devisenbeschaffung, das weit über offizielle Handelskanäle hinausging.



Im Zentrum stand der Bereich Kommerzielle Koordinierung, kurz KoKo, geleitet von Alexander Schalck-Golodkowski, einem Stasi-Offizier im besonderen Einsatz und engen Vertrauten der SED-Führung. KoKo operierte als ein Schattenimperium mit Hunderten von Tarnfirmen im In- und Ausland, das durch Embargo-Umgehungen, Waffenexporte, den Handel mit Antiquitäten, Blutplasma und sogar dem Verkauf von politischen Häftlingen an den Westen Milliarden an Devisen generierte – Schätzungen sprechen von rund 28 Milliarden D-Mark, die zwischen 1967 und 1989 in die Staatskasse flossen.Innerhalb dieses Systems spielte physisches Gold eine besondere Rolle als ultimative Notreserve. Während die offiziellen Goldbestände der Staatsbank der DDR relativ bescheiden waren – Berichte variieren zwischen etwa vier und fünf Tonnen in den Tresoren der Zentrale in Berlin-Mitte –, entschied Schalck-Golodkowski Ende der 1980er-Jahre eigenmächtig, zusätzliches Gold anzukaufen, um die DDR vor einer drohenden Zahlungsunfähigkeit zu schützen.



Im Jahr 1988 orderte er über einen Londoner Broker 21,7 Tonnen Feingold in Barren zu je etwa 12,5 Kilogramm, im damaligen Wert von rund 500 Millionen D-Mark. Dieses Edelmetall lagerte zunächst im gesicherten Giebelkeller des KoKo-Hauptsitzes in der Wallstraße in Berlin-Mitte, einem Gebäude, das auch als Bunker für den Fall einer plötzlichen Krise diente. Die Menge übertraf die offiziellen Reserven der Staatsbank um ein Vielfaches und sollte als ultimative Liquiditätsreserve dienen, um im Ernstfall Löhne, Importe oder sogar die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen.
Es war ein typischer Schalck-Schachzug: pragmatisch, risikobewusst und fernab jeder offiziellen Bilanzkontrolle, denn KoKo-Konten und -Bestände waren per Regierungsanordnung von der allgemeinen Bankaufsicht ausgenommen. Nach dem Mauerfall im November 1989 und der Flucht Schalck-Golodkowskis in den Westen am 3. Dezember 1989 – kurz nachdem Bürgerrechtler ein KoKo-Waffenlager in Rostock entdeckt hatten – geriet das Gold in den Fokus der Öffentlichkeit. Noch am 8. Dezember 1989 wurde die gesamte Ladung aus dem KoKo-Keller in die nur wenige hundert Meter entfernten Tresore der Staatsbank der DDR transportiert. Doch damit begann eine Phase der Undurchsichtigkeit, die bis heute Mythen nährt. Bei der Währungsunion am 1. Juli 1990 und der vollständigen staatlichen Einheit im Oktober 1990 tauchte das Gold in den offiziellen Übergabeprotokollen der Staatsbank nicht prominent auf, was zu Spekulationen über ein „Verschwinden“ führte. Schalck selbst beteuerte bis zu seinem Tod 2015, er wisse nicht, wo es geblieben sei, und Verschwörungstheorien rankten sich um mögliche Diebstähle, Verlagerungen ins Ausland oder sogar Beteiligung westdeutscher Stellen.



Einige Berichte aus der Wendezeit erwähnten sogar höhere Gesamtbestände von bis zu 23 Tonnen in den Staatsreserven oder differierende Angaben bis 30 oder 60 Tonnen, was die Verwirrung noch steigerte. Gleichzeitig wurden andere DDR-Vermögenswerte – Bargeld, Devisenkonten bei Schweizer oder sowjetischen Banken – teilweise veruntreut oder in die Kanäle der letzten SED-Funktionäre geleitet; Untersuchungen der Bundesrepublik nach 1990 förderten Milliardenbeträge zutage, von denen ein Großteil über die Unabhängige Kommission zur Überprüfung vermissten Vermögens (UKPV) zurückgeholt werden konnte, während ein Restbetrag von mehreren Milliarden bis heute als ungeklärt gilt.
Die akribische Recherche des langjährigen Spiegel-Journalisten Norbert F. Pötzl in seinem 2025 erschienenen Buch „Das Schattenreich des Alexander Schalck-Golodkowski. Vom Entstehen und Verschwinden der DDR-Milliarden“ räumt jedoch mit den gängigsten Legenden auf. Demnach wurde das KoKo-Gold kurz vor der Währungsunion formal an die Staatsbank der DDR verkauft und damit Teil ihres offiziellen Vermögens. Die Nachfolgeinstitution, die Staatsbank Berlin, übernahm per Volkskammer-Gesetz vom 29. Juni 1990 alle Verträge und Aktiva der alten Staatsbank. Nach der Einheit übernahm die Treuhandanstalt die Abwicklung und Privatisierung dieser Bank: Sie wurde nicht einfach in die Deutsche Bundesbank integriert – diese übernahm lediglich die zentrale Notenbankfunktionen für das Beitrittsgebiet –, sondern als kommerzielles Institut abgewickelt. Teile der Filialen, Immobilien und Aktiva, einschließlich des Goldes als bilanzwirksamer Vermögenswert, gingen an die Treuhandanstalt als neue „Aktionärin“ über und wurden im Rahmen der Privatisierung an westdeutsche Banken wie die WestLB oder andere Institute veräußert. Das Gold diente somit nicht als mysteriöser Schatz, der spurlos verschwand, sondern floss in die große Maschinerie der Treuhand ein, die insgesamt Tausende von volkseigenen Betrieben, Immobilien und Finanzaktiva liquidierte oder privatisierte.



Ein Teil der Erlöse half, Schulden zu bedienen, Löhne in der Übergangsphase zu sichern oder die enormen Kosten der Einheit zu stemmen – auch wenn die Treuhand selbst mit einem Schuldenberg von über 100 Milliarden Euro endete, der bis heute abgetragen wird.Neben diesem zentralen KoKo-Gold gab es weitere Edelmetallbestände, die im Laufe der DDR-Jahre durch Schmuggel, Ankauf oder Umschmelzung von Altgold entstanden waren, etwa über das Ministerium für Staatssicherheit oder andere Kanäle. Ein Großteil davon war jedoch bereits vor 1989 verkauft worden, um Devisen zu generieren; das verbliebene Gold wurde in den letzten Monaten der DDR teils für Lohnzahlungen oder Kredite der letzten Regierung unter Lothar de Maizière eingesetzt, wie Zeitzeugenberichte andeuten.
Offizielle Bundestagsanfragen zur Höhe der übernommenen Goldreserven durch die Bundesrepublik blieben oft vage, da die Staatsbank als eigenständiges Institut behandelt wurde und ihr Vermögen nicht automatisch in die Bundesbank-Reserven floss. Stattdessen wurde es im Zuge der Treuhand-Abwicklung verwertet, was erklärt, warum die Bundesbank – die ohnehin über riesige eigene Bestände verfügte – keine nennenswerte „DDR-Mitgift“ an physischem Gold verzeichnete.Im Rückblick war das Gold der DDR also kein verlorener Schatz im klassischen Sinne, sondern ein Symbol für die Widersprüche des Systems: Ein Regime, das nach außen Armut und Planerfüllung predigte, hortete im Verborgenen ein Vermögen, das letztlich in die Marktwirtschaft eingespeist wurde.



Die Treuhand-Prozesse, die Aufarbeitung von Schweizer Konten und die Bücher wie das von Pötzl haben viel Licht in die Schatten geworfen, auch wenn nicht jeder Pfennig lückenlos nachverfolgt werden konnte – ein Schicksal, das viele DDR-Vermögenswerte teilen. Was blieb, war kein Skandal um ein verschwundenes Vermögen, sondern die nüchterne Erkenntnis, dass das Gold, wie so vieles andere, in den Strudel der Einheit geriet und letztlich dem Aufbau Ost zugutekam, wenngleich unter oft undurchsichtigen und für viele Ostdeutsche schmerzhaften Bedingungen. Heute, mehr als 35 Jahre später, erinnert es daran, wie fragil wirtschaftliche Reserven in einer Diktatur sein können und wie nahtlos sie in einer Wendezeit in neue Hände übergehen.

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