Ukraine

Wohnviertel dienen Soldaten in der Ukraine als Unterschlupf

Kramatorsk, Ukraine

Titelbild: Lugansk, UKRAINE
STRINGER ANADOLU AGENCYAnadolu Agency via AFP
LUHANSK, UKRAINE – JULY 09: Eine Luftaufnahme von beschädigten Stellen der ostukrainischen Stadt Sewerodonezk, in der die russischen Streitkräfte jetzt die Kontrolle haben, in der Oblast Luhansk, Ukraine, am 09. Juli 2022. Stringer / Anadolu Agency (Foto von STRINGER / ANADOLU AGENCY / Anadolu Agency via AFP)

Von Cécile FEUILLATRE

Jewgen steht vor Ruinen, die einst eine Schule waren. Der pensionierte Drechsler raucht eine Zigarette und blickt auf die Schutthaufen. Die Schule in der ostukrainischen Stadt Kramatorsk, die in Friedenszeiten 500 Kinder besuchten, wurde bei einem russischen Angriff getroffen. Laut dem örtlichen Bildungsbeauftragten Denis Sysojew ist es die achte Schule, die seit Beginn des Krieges beschädigt worden ist. Sie diente zuletzt als Lager für Lebensmittelhilfe.

In vielen Dörfern und Städten der Donezk-Region werden regelmäßig zivile Gegenden ohne zunächst ersichtliche militärische Bedeutung angegriffen. In Pokrowsk, 85 Kilometer südlich vom ukrainischen Verwaltungssitz Kramatorsk, wurden bei einem Angriff dutzende Wohnhäuser in einer Straße zerstört oder beschädigt. Ähnliche, häufig tödliche Angriffe gab es in Kostjantyniwka, Torezk und eben Kramatorsk.

Für viele Anwohner gibt es keinen Zweifel daran, warum diese Gegenden getroffen werden. Sie sagen, ukrainische Truppen würden in verlassenen Wohnhäusern und Schulen Unterschlupf finden.

Vor der zerstörten Schule in Kramatorsk sagt Jewgen, die Russen hätten es auf ukrainische Soldaten abgesehen. „Ich weiß nicht, ob sie in der Schule gewohnt haben, aber wir haben sie hier regelmäßig Kommen und Gehen sehen.“

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat sowohl russischen, als auch ukrainischen Truppen vorgeworfen, mit Stellungen in Wohngebieten Zivilisten zu gefährden. In einem diesen Monat veröffentlichten Bericht nannte die Organisation vier Beispiele in von Russland kontrollierten Gebieten und drei für die ukrainische Seite.

Russische und ukrainische Truppen gefährdeten Zivilisten in der Ukraine „unnötiger Weise“, indem sie Soldaten in dicht bewohnten Gebieten stationierten, ohne zuvor die Bevölkerung zu evakuieren, hieß es in dem Bericht.

Die Frage ist: Woher wissen die jeweiligen Truppen, wo sie angreifen müssen? Jewgen hat eine Antwort. „In unserer Gegend gibt es viele ‚gutmeinende‘ Menschen, die den Russen helfen und sie informieren wollen“, sagt er.

Natalia, deren drei Kinder in die zerstörte Schule gingen, unterstützt diese These. In einer Telegram-Gruppe von Anwohnern ließen die Kommentare keinen Zweifel daran, „wer für die Russen ist und wer nicht“.

Oleksandr Gontscharenko, Bürgermeister von Kramatorsk, erklärte auf Facebook, der „Hass der Anwohner“ wachse. Galyna Prytschepa, Geheimdienst-Sprecherin für Donezk und Luhansk, sagte, 37 Informanten seien in der Region seit Beginn der russischen Invasion Ende Februar festgenommen worden. Ihnen wird Spionage und Hochverrat vorgeworfen.

Das Thema der Stationierung von Soldaten in zivilen Gegenden bleibt so oder so heikel. Von AFP darauf angesprochen, sagte der Gouverneur der Donezkregion, Pawlo Kyrylenko: „Es ist ein Krieg. Es ist unmöglich, die Zerstörung von Infrastruktur oder Häusern zu vermeiden.“ Die Hauptaufgabe sei es, den „Feind zu stoppen“. Es sei „unmöglich, diesen Krieg auf andere Weise zu führen“.

ma/ju

© Agence France-Presse

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