Damals

Joseph Vacher – ein Monstrum in Menschengestalt

Titelbild: Beispielbild ki Joseph Vacher

Die blutige Spur eines Serienmörders in der Belle Époque

Frankreich am Ende des 19. Jahrhunderts. Die Belle Époque steht für Glanz, Fortschritt und Optimismus. Doch unter dieser Oberfläche treibt sich zwischen 1894 und 1897 ein Mann durch die ländlichen Regionen Südostfrankreichs, der später als einer der ersten dokumentierten Serienmörder des Landes in die Geschichte eingehen sollte: Joseph Vacher.


Geboren wurde Vacher 1869 in Isère als jüngstes Kind einer armen Bauernfamilie. Schon früh fiel er durch extreme Gewaltbereitschaft auf. Nach einem gescheiterten Selbstmordversuch, bei dem er sich in den Kopf schoss, blieb sein Gesicht teilweise gelähmt. Dieses körperliche Merkmal und sein auffälliger weißer Hut aus Kaninchenfell wurden zu seinem makabren Markenzeichen. Nach außen gab er sich als harmloser Wanderarbeiter, der von Gelegenheitsjobs lebte. Doch hinter ihm zog sich eine Spur verstümmelter Leichen durch Felder und Wälder.


Seine Opfer waren meist junge Landarbeiterinnen und Landarbeiter, Frauen wie Männer, die allein arbeiteten. Vacher griff sie aus dem Hinterhalt an. Er tötete mit Messern oder bloßen Händen und verging sich an den Leichen. Die Brutalität der Verstümmelungen war so groß, dass die Polizei lange keinen Zusammenhang zwischen den einzelnen Taten erkannte. Frankreich war zu dieser Zeit noch nicht auf das Konzept eines „Serienmörders“ vorbereitet. Die Ermittler fahndeten nach einzelnen Tätern, nicht nach einem reisenden Mörder, der quer durch mehrere Departements zog.


Erst 1897 kam es zur Wende. Bei einem Angriff wehrte sich eine Frau, überlebte und alarmierte die Nachbarn. Vacher wurde überwältigt und festgenommen. In Haft gestand er plötzlich eine Vielzahl von Morden. Zur Erklärung führte er an, ein tollwütiger Hund habe ihn „rasend“ gemacht. Der berühmte Gerichtsmediziner Alexandre Lacassagne untersuchte ihn daraufhin eingehend. Lacassagne war einer der Väter der modernen Kriminalistik und kam zu dem Schluss, dass Vacher trotz seiner Behauptungen voll zurechnungsfähig sei.

Der Prozess erregte landesweit Aufsehen. Am 31. Dezember 1898 wurde Joseph Vacher in Bourg-en-Bresse durch die Guillotine hingerichtet. Es war zugleich die letzte Hinrichtung, die der berüchtigte Scharfrichter Louis Deibler durchführte.

Vachers Fall markiert einen Wendepunkt. Zum ersten Mal wurde in Frankreich das Muster eines Täters erkannt, der über einen längeren Zeitraum und über weite Strecken hinweg nach einem ähnlichen Schema tötete. Damit prägte der Fall die frühe Kriminalpsychologie und Kriminologie maßgeblich. Sein Name blieb bis heute ein Synonym für die dunkle Seite der Belle Époque – eine Zeit, in der hinter dem Glanz der Städte die Gewalt auf dem Land unerkannt wüten konnte.



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