Deutschland

Die Gefahr im Hürtgenwald ist die Munition im Boden

Der Hürtgenwald brennt – und mit ihm die Geschichte
Waldbrand 2026 legt alte Wunden der „blutigsten Schlacht auf deutschem Boden“ wieder frei


Es ist der 15. August 2026.
Über dem Hürtgenwald in der Eifel steht eine schwarze Rauchwolke. 15 Hektar Wald stehen in Flammen, Löschhubschrauber kreisen, 200 Einsatzkräfte aus Leverkusen, dem Rheinisch-Bergischen und Oberbergischen Kreis sind mit 46 Fahrzeugen angerückt.
Der Brand gilt bereits als einer der größten in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen. Doch die Flammen erzählen hier nicht nur von Dürre und Hitze. Sie erzählen auch von einem Krieg, der vor mehr als 80 Jahren endete und der bis heute nicht wirklich vorbei ist.


Denn im Boden des Hürtgenwaldes liegt noch immer das, was die Soldaten von 1944/45 zurückließen: Munition. In der Nacht zum 14. August explodierte Kampfmittel auf der Brandfläche. Feuerwehrleute mussten sich zurückziehen, ganze Abschnitte konnten nicht zu Fuß betreten werden. Fünf Menschen wurden verletzt, viele mit Kreislauf- und Herzproblemen. Ein Bild, das sich wiederholt. Schon bei Waldbränden in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Jüterbog wurden Löschpanzer eingesetzt, weil alte Granaten und MG-Munition im Feuer hochgingen.

Um zu verstehen, warum der Hürtgenwald so gefährlich ist, muss man in den Herbst 1944 zurück. Zwischen Aachen, Düren und Monschau tobte von September 1944 bis Februar 1945 die Schlacht im Hürtgenwald. Für die US-Armee wurde das dichte Tannengebiet zur „Todesfabrik“. Die deutsche Verteidigung nutzte das Gelände als Waffe. Minen, Bunker, Artillerie. Die technologische Überlegenheit der Alliierten verpuffte im Wald. Über 30.000 US-Soldaten wurden verwundet, getötet oder blieben vermisst. Es war die verlustreichste Schlacht auf deutschem Boden.


Als die Kämpfe vorbei waren, blieben die Toten und das Material. Der sogenannte Totengräber Julius Erasmus barg allein 1569 deutsche Gefallene. Er arbeitete unter ständiger Gefahr, denn der Wald war stellenweise vermint und durch Munition brachen immer wieder Feuer aus. Bis heute ist das Problem nicht gelöst. Viele Lagepläne der Minenfelder gingen verloren, weil die Offiziere fielen. Besonders heimtückisch waren Glasmine 43 und Holzminen, die mit Metalldetektoren nicht zu finden sind. Selbst Sprengstoffsuchhunde können sie kaum aufspüren. Deshalb gilt bis heute: Wer sich abseits der markierten Wege bewegt, riskiert sein Leben.

Diese Geschichte ist im Boden eingeschrieben. Auf dem Ehrenfriedhof Hürtgen steht einer von nur zwei Gedenksteinen, die ehemalige Gegner für einen deutschen Soldaten errichteten: für Leutnant Friedrich Lengfeld, der 1944 beim Versuch starb, einen verwundeten Amerikaner aus dem Minenfeld „Wilde Sau“ zu retten. Noch 2008 wurden in Schmidt die sterblichen Überreste zweier US-Soldaten der 28. Infanteriedivision gefunden.

Und jetzt der Brand. Die Hitze weckt, was im Erdreich schlief. Das ist kein Einzelfall. Auf ehemaligen Truppenübungsplätzen und Kampfgebieten werden Löscharbeiten immer wieder durch Blindgänger erschwert. Im Hürtgenwald verschärft sich das Problem durch die Topografie. Enge Täler, dichter Bewuchs, kaum Zufahrten. Dazu die Gefahr, dass jede Erschütterung eine alte Granate zünden kann.

Der Ortsname Hürtgen selbst stammt vom mittelalterlichen Wort „hurt“ für Umgebung. Schon 1903 brannte hier ein Großteil des Dorfes nieder. 84 von 115 Häusern fielen in Schutt und Asche. Doch was 1903 ein lokales Unglück war, ist 2026 ein Symbol. Ein Symbol dafür, wie lange Krieg nachwirkt.

Für die Einsatzkräfte bedeutet das tagelange Arbeit unter Lebensgefahr. Für die Menschen in Gey und Umgebung bedeutet es Evakuierung und Angst. Und für uns alle ist es eine Erinnerung daran, dass Geschichte kein abgeschlossenes Kapitel ist. Sie liegt unter dem Laub, im Erdreich, zwischen den Wurzeln. Und manchmal, wenn es heiß und trocken ist, kommt sie wieder an die Oberfläche.



Der Hürtgenwald trägt Narben. Die der Schlacht und nun die des Feuers. Solange die letzten Minen und Granaten nicht geräumt sind, wird jeder Sommer, jeder Funke, jede Dürre diese alten Wunden wieder aufreißen.

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