Titelbild: Bukarest Rumänien Beispielbild Pixabay
Der Griff aus Athen – wie eine amerikanische Botschafterin angeblich den Sturz einer EU-Regierung ankündigte
Man muss sich die Szene vorstellen wie in einem schlechten Polit-Thriller, nur dass sie angeblich wirklich passiert ist. Es ist März, Athen, die Terrasse der US-Residenz. Kimberly Guilfoyle sitzt dort, ehemalige Fox-News-Moderatorin, ehemalige Verlobte von Donald Trump Jr., jetzt per Gnadenakt zur US-Botschafterin in Griechenland befördert, zuständig eigentlich für Feta-Exporte und Militärbasen im Mittelmeer. Vor ihr sitzen ein paar rumänische Oppositionspolitiker aus Bukarest, die mal eben vorbeigekommen sind. Und dann, so will es das Wall Street Journal am Wochenende enthüllt haben, fällt der Satz, der seit Montagmorgen halb Osteuropa in Aufruhr versetzt. Die Regierung Bolojan, diese mühsam zusammengehaltene pro-europäische Koalition in Bukarest, die werde bald Geschichte sein. Nicht vielleicht, nicht möglicherweise. Sondern demnächst.
Damals im März hat das vermutlich niemand wirklich ernst genommen. Guilfoyle war in diplomatischen Kreisen eher als Social-Media-Phänomen bekannt als für subtile Balkan-Expertise. Aber dann passiert genau das. Am vergangenen Dienstag wird die Regierung des liberalen Premiers Ilie Bolojan mit 281 Stimmen im Parlament per Misstrauensvotum abgeschossen. Zehn Monate hat sie gehalten, zehn Monate voller Steuererhöhungen, Kriegsdebatten und Brüsseler Sparvorgaben. Der Rechtsaußen George Simion jubelt auf X, die Stimme des Volkes sei gehört worden. Und plötzlich klingt dieser kleine Plausch in Athen nicht mehr wie Smalltalk, sondern wie eine Ankündigung.
Der Bericht des Wall Street Journals, von der Allgemeinen Deutschen Zeitung für Rumänien am Montag als Eklat sondergleichen bezeichnet, legt nahe, was in Brüssel niemand laut aussprechen will. Dass Washington, oder zumindest ein Teil von Washington, das aus der zweiten Trump-Administration übrig geblieben ist, aktiv an der Demontage einer gewählten EU-Regierung mitgewirkt haben könnte. Eine US-Botschafterin in Griechenland, die den Regierungswechsel in Rumänien moderiert. Man muss sich das auf der Landkarte vorstellen. Das ist, als würde der deutsche Botschafter in Portugal den Sturz der dänischen Regierung in Kopenhagen organisieren.
Natürlich dementiert jetzt in Bukarest jeder alles. Die Sozialdemokraten der PSD und die Rechtspopulisten der AUR, die eigentlich ideologisch so weit auseinander liegen wie Feuer und Wasser, sind sich ausnahmsweise einig. Nichts gewesen, keine Absprachen, alles eine Verschwörungstheorie. PSD-Chef Grindeanu wählt dafür ein schönes Bild. Das sei eine Manipulation im Stil der These über eine flache Erde. Bolojan hätten weder die Amerikaner noch die Russen oder die Illuminati gestürzt, sondern über 88 Prozent der Abgeordneten. Eine Zahl, die so schön hoch ist, dass sie fast schon wieder verdächtig klingt. Wenn 88 Prozent gegen dich stimmen, hast du ohnehin ein Problem, da brauchst du keine Hilfe aus Athen.
Und während in Bukarest noch über die Schuldfrage gestritten wird, wird in aller Eile schon die Nachfolge geregelt. Designierter neuer Regierungschef ist Siegfried Mureșan, ebenfalls ein Liberaler, der am Wochenende schnell sein Programm und eine Liste mit 13 Ministern plus drei Vizepremiers im Parlament hinterlegt hat. Am Mittwoch soll abgestimmt werden. Business as usual, als wäre nichts gewesen.
Die eigentliche Pointe ist aber eine andere. Seit Jahren predigt Brüssel den Balkan-Staaten Souveränität, Rechtsstaatlichkeit und Nichteinmischung, immer mit dem Finger Richtung Moskau und Peking. Und jetzt kommt die Einmischung eben nicht aus dem Osten, sondern aus dem Westen, nicht mit Panzern, sondern mit einem Lächeln und einem Glas Weißwein auf einer Athener Terrasse. Das ist die neue amerikanische Diplomatie. Man droht nicht mehr hinter verschlossenen Türen, man kündigt den Regimewechsel quasi im Voraus an, wie eine Wettervorhersage. Morgen fällt die Regierung in Rumänien, packen Sie einen Schirm ein.
Präsidentin Nicușor Dan schweigt bislang, aus Washington kommt außer Achselzucken nichts. Und in Athen sitzt Kimberly Guilfoyle und postet weiter Bilder von Akropolis-Sonnenuntergängen. Geht’s noch, fragt man sich. Offenbar ja.
