Damals Mittelalter

Das geheime Labor hinter Klostermauern – die Nonne Hildegard von Bingen

Titelbild: KI generiert, Hildegard von Bingen, 2026

Das geheime Labor hinter Klostermauern – wie Hildegard von Bingen und die Nonnen das Wissen Europas retteten

Wenn wir heute an Wissenschaft im Mittelalter denken, sehen wir Universitäten in Paris und Bologna, Männer in Roben, die über Aristoteles streiten. Dieses Bild ist falsch. Die Universitäten ließen keine Frauen zu, sie waren reine Männerinstitutionen. Das eigentliche Labor, die Bibliothek und die Krankenstation Europas lagen hinter einer Mauer, zu der Männer nur in Ausnahmefällen Zutritt hatten: im Nonnenkloster. Und die berühmteste Leiterin eines solchen Labors war Hildegard von Bingen, geboren 1098, gestorben 1179.

Hildegard war keine zarte Mystikerin, die nur betete und Visionen hatte. Sie war eine knallharte Managerin und Unternehmerin. Mit 38 Jahren verließ sie gegen den Willen ihrer Äbtissin das Kloster Disibodenberg und gründete mit 42 adligen Nonnen, die ihr folgten, ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein. Sie verhandelte mit Kaiser Friedrich Barbarossa auf Augenhöhe, schimpfte mit Papst Eugen III., weil er in ihren Augen zu lasch gegen die Missstände in der Kirche vorging, und schrieb über 400 Briefe an Könige, Erzbischöfe und Äbtissinnen, die bis heute erhalten sind. Wenn ein Erzbischof nicht spurte, drohte sie ihm ganz offen mit dem Jüngsten Gericht, und er spurte. Ihr Kloster war ein hochmoderner Wirtschaftsbetrieb für das zwölfte Jahrhundert. Die Nonnen besaßen Weinberge am Rhein, eine eigene Fischzucht, eine Goldschmiede und ein Skriptorium, eine Schreibstube, in der Tag und Nacht Bücher kopiert wurden. Und genau dort begann ihre Wissenschaft.


Zwischen 1150 und 1158 schrieb Hildegard zwei Bücher, die bis heute verblüffend modern wirken. Das erste ist die Physica, ein Naturlexikon in neun Bänden, in dem sie über fünfhundert Pflanzen, Tiere, Steine und Metalle beschreibt, nicht aus zweiter Hand abgeschrieben, sondern aus eigener Beobachtung in den Wäldern und im Kräutergarten des Klosters. Sie war eine der ersten, die Pflanzen nicht nur auf Latein, sondern auch auf Deutsch benannte, weil Latein für die Kräuterfrauen und Hebammen draußen vor der Klostermauer nutzlos war. Über die Bertram-Wurzel schrieb sie, wer viel Schleim im Kopf habe, solle Bertram essen, er vertreibe ihn. Heute wissen wir, dass Bertram Pyrethrin enthält, ein stark entzündungshemmendes Mittel. Den Galant verschrieb sie gegen Herzschmerzen, was heute als durchblutungsfördernde Wirkung anerkannt ist. Und über Fenchel schrieb sie den einfachen Satz, Fenchel mache fröhlich, was wir heute als die stimmungsaufhellende Wirkung seiner ätherischen Öle kennen.

Ihr zweites Buch, Causae et Curae, Ursachen und Heilungen, ist noch radikaler. Es ist das erste Buch über Frauenheilkunde, das von einer Frau geschrieben wurde. Während männliche Ärzte dieser Zeit noch ernsthaft behaupteten, die Gebärmutter wandere im Körper der Frau umher und verursache dadurch Hysterie, beschrieb Hildegard den weiblichen Zyklus, die Rolle des Blutes, Schwangerschaft und Geburt anatomisch weitgehend korrekt. Sie beschrieb den weiblichen Orgasmus nicht als Sünde, sondern als notwendige Kraft und Lust, die für die Empfängnis gebraucht werde, vierhundert Jahre bevor irgendein männlicher Arzt sich traute, das zu schreiben. Sie schrieb auch über psychische Krankheiten, die sie als Verdunklung des Hirns durch schwarze Galle verstand. Ihre Therapie war Musik, Kräuterbäder, das Auflegen lichter Steine und ein geregeltes, lichtes Leben, also im Kern das, was wir heute ganzheitliche Psychosomatik nennen.


Hildegard war dabei kein Einzelfall, sie war nur die sichtbarste Spitze eines ganzen Netzwerks heilender Frauen. In fast jedem größeren Frauenkloster von Quedlinburg bis St. Gallen gab es eine Infirmaria, eine Krankenstube, die von Nonnen geleitet wurde. Die Nonnen waren im Mittelalter die einzigen Frauen, die flächendeckend lesen und schreiben lernten, und sie nutzten diese Fähigkeit. Während draußen alle zehn Jahre eine Seuche durch die Dörfer zog und die männlichen Bader noch mit Aderlass und Quecksilber arbeiteten, entwickelten die Nonnen eine eigene, sehr praktische Medizin. Sie legten Kräutergärten an, die nach einem genauen Plan geordnet waren, und züchteten Ringelblume, Salbei, Beifuß und Alant. Sie wussten genau, wann man ernten musste, bei Vollmond für Wurzeln, bei Neumond für Blätter, nicht aus Aberglauben, sondern weil sich der Saftdruck der Pflanze je nach Mondphase verändert. Die Nonne Herrad von Landsberg ließ um 1180 in ihrem Hortus Deliciarum die erste bekannte Darstellung einer Operation unter Narkose zeichnen, mit einem Schwamm, der mit Opium und Bilsenkraut getränkt war. Und die Nonnen von Lippoldsberg erkannten schon im zwölften Jahrhundert, dass man Kranke von Gesunden trennen muss, und erfanden so die Quarantäne, vierzig Tage Absonderung, lange bevor die großen Handelsstädte sie übernahmen.

Warum wissen wir heute so wenig davon? Weil sich nach Hildegards Tod das Fenster wieder schloss. Im dreizehnten Jahrhundert verboten mehrere Synoden den Nonnen ausdrücklich, Medizin zu praktizieren. Die Begründung lautete, eine Frau, die einen nackten Mann berühre, sündige und verliere ihre Reinheit. Das Wissen wanderte in die Universitäten ab, die Namen der Frauen wurden aus den Büchern gestrichen oder unter männlichen Pseudonymen weiter kopiert. Es dauerte fast neunhundert Jahre, bis die Kirche Hildegard rehabilitierte. Erst 2012 ernannte Papst Benedikt der Sechzehnte sie zur Kirchenlehrerin, als erst vierte Frau in zweitausend Jahren Kirchengeschichte, neben Teresa von Avila und Katharina von Siena. In ihrem heutigen Kloster in Eibingen, das noch immer besteht, liegt in einer Vitrine ein kleiner Bergkristall und ein Paar ihrer Handschuhe. Über den Kristall schrieb sie, er ziehe die Kraft der Sonne an und gebe sie den Traurigen. Es ist derselbe kalte, klare Stein, den die Nonnen damals auf die Stirn von Frauen mit Migräne legten, nicht als Wunder, sondern als Physik. Aber man musste es erst einmal aufschreiben.

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