Damals

Wilhelm Hosenfeld und der Pianist

Im Jahr 1944 befand sich Wilhelm Hosenfeld, ein deutscher Wehrmachtsoffizier und ehemaliger Lehrer aus Hessen, bereits seit mehreren Jahren in Warschau stationiert. Als Hauptmann leitete er unter anderem eine Sportschule der Wehrmacht, wo er zuvor schon Juden und Polen durch gefälschte Papiere und Arbeitsstellen geschützt hatte. Seine Tagebücher und Briefe an seine Frau zeugen von tiefer innerer Zerrissenheit: Er verabscheute die Gräueltaten der Nationalsozialisten, schämte sich zutiefst, Deutscher zu sein, und notierte immer wieder seine Wut über die Zerstörung und die Verbrechen an der polnischen Bevölkerung.

Während des Warschauer Aufstands im August und September 1944 wurde Hosenfeld in die Gegenaufklärung einbezogen. Er vernahm gefangene polnische Widerstandskämpfer, Zivilisten und sowjetische Soldaten, die in die Hände der deutschen Truppen geraten waren. Diese Rolle stellte ihn vor moralische Konflikte, denn obwohl er seine Pflicht erfüllte, distanzierte er sich innerlich vom Regime und half, wo er konnte, ohne dass es auffiel. Nach der Niederschlagung des Aufstands begann die systematische Zerstörung der Stadt im Rahmen des „Festung Warschau“-Plans. Warschau wurde in eine Ruinenlandschaft verwandelt, die Bevölkerung vertrieben, und die wenigen verbliebenen Menschen, darunter Überlebende des Ghettos, mussten in den Trümmern ums Überleben kämpfen.

Im Oktober 1944 erhielt Hosenfeld den Auftrag, Journalisten aus dem neutralen und dem Nazi-Lager durch die zerstörten Viertel zu führen, um die offizielle Propaganda zu unterstützen. Mitte November 1944, als seine Einheit ein verlassenes Gebäude in der Aleja Niepodległości 223 als zukünftiges Stabsquartier vorbereiten sollte, entdeckte er in einem Dachboden einen völlig abgemagerten, erschöpften und frierenden Mann: den polnisch-jüdischen Pianisten und Komponisten Władysław Szpilman. Szpilman, der während des Ghetto-Aufstands 1943 entkommen war und sich seither versteckt gehalten hatte, war nach dem Aufstand 1944 vollkommen allein in den Ruinen zurückgeblieben. Er hungerte, litt unter Kälte und hatte jede Hoffnung fast aufgegeben.

Hosenfeld reagierte nicht mit Verrat oder Gewalt, wie es die Umstände und die Befehle erwarten ließen. Stattdessen sprach er mit dem Versteckten, fragte nach dessen Beruf und bat ihn, auf einem im Haus stehenden Klavier zu spielen. Szpilman setzte sich ans Instrument und spielte Chopins Nocturne Nr. 20 in cis-Moll – ein Moment, der beide Männer berührte. Hosenfeld erkannte sofort die menschliche Tragödie und die jüdische Herkunft seines Gegenübers. Er entschied sich, Szpilman nicht auszuliefern, sondern half ihm aktiv: Er wies ihm einen sicheren Platz im Dachboden zu, brachte ihm einen warmen Mantel, Decken, Brot und Marmelade und versorgte ihn in den folgenden Wochen regelmäßig mit Nahrung. Mehrere Male kehrte er zurück, um nach dem Pianisten zu sehen, sprach mit ihm und gab ihm moralischen Halt. Diese Hilfe war lebensgefährlich, denn jede Unterstützung für Juden wurde mit dem Tod bestraft. Hosenfeld handelte aus rein menschlichem Mitgefühl, obwohl er selbst Teil des Besatzungsapparats war.

Bis Mitte Dezember 1944, als Hosenfeld mit seiner Kompanie zur 9. Armee abkommandiert wurde, hielt die Versorgung an. Szpilman überlebte dank dieser Hilfe die letzten Wochen bis zur Befreiung Warschaus durch die Rote Armee im Januar 1945. Die beiden Männer sahen sich nie wieder, doch Szpilman erinnerte sich zeitlebens an den „einzigen Deutschen in Uniform“, der ihm als Mensch begegnet war.

Kurz nach dem Rückzug aus Warschau geriet Hosenfeld am 17. Januar 1945 bei Błonie westlich der Stadt in sowjetische Gefangenschaft. Die Sowjets machten ihm den Prozess: 1950 wurde er in Abwesenheit eines Verteidigers in Minsk zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, unter anderem mit dem Vorwurf, durch Verhöre während des Aufstands den Faschismus gestärkt zu haben. Trotz Bemühungen Szpilmans und anderer Geretteter, die sich für ihn einsetzten und Briefe an polnische und sowjetische Stellen schrieben, blieb Hosenfeld inhaftiert. Er starb am 13. August 1952 in einem sowjetischen Lager bei Stalingrad an den Folgen der harten Haftbedingungen und Misshandlungen.

Wilhelm Hosenfeld rettete nicht nur Szpilman, sondern half zuvor und parallel auch anderen Juden und Polen, darunter Leon Warm, dem er falsche Papiere und eine Arbeitsstelle verschaffte. Seine Tagebücher dokumentieren seine innere Opposition gegen das NS-Regime und seine Scham über die begangenen Verbrechen. Jahrzehnte später wurde seine Menschlichkeit gewürdigt: Polen verlieh ihm posthum den Orden Polonia Restituta, und Yad Vashem erkannte ihn 2009 als „Gerechten unter den Völkern“ an. Seine Geschichte, bekannt geworden durch Szpilmans Memoiren und den Film „Der Pianist“ von Roman Polański, zeigt, dass selbst inmitten der größten Zerstörung und Barbarei einzelne Menschen die Kraft hatten, Menschlichkeit zu bewahren – ein stiller Akt des Widerstands gegen den Wahnsinn des Krieges.

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