Flora und Fauna

Die Aufzucht von Jungvögeln ist Kraftakt

Titelbild: Papageientaucher, dram, 2026

Füttern von Jungvögeln durch die Altvögel

Sobald im Frühjahr die ersten Eier geschlüpft sind, beginnt für die Altvögel ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn eines ist sicher: Jungvögel sind ständig hungrig. Dieser Hunger ist ihr wichtigster Überlebensmechanismus und gleichzeitig das, was die Eltern an ihre Grenzen bringt. Der Trieb, Futter zu besorgen, reißt nicht ab. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sind die meisten Vögel unterwegs, besonders die kleinen Singvögel, die ihre gesamte Lebenskraft in die Aufzucht der aktuellen Brut stecken.


Wie die Eltern überhaupt merken, welches Küken gefüttert werden muss, ist denkbar einfach und gleichzeitig brutal. Sobald ein Altvogel am Nestrand landet, lösen die Jungtiere einen automatischen Reflex aus. Sie reißen den Schnabel so weit auf, wie es geht, und präsentieren den leuchtend roten Schlund im Inneren. Dieses weite Aufsperren ist für die Altvögel das eindeutige Signal zum Füttern. Eine feste Reihenfolge gibt es dabei nicht. Es wird nicht nach Alter oder Größe gefüttert, sondern nach dem Prinzip: Wer am weitesten den Schnabel aufreißt, bekommt das Futter. Das kann das hungrigste Küken sein, aber eben auch das kräftigste, das seine schwächeren Geschwister einfach zur Seite drängt. In Jahren mit viel Nahrung hat auch das kleinste Küken noch eine Chance. Wenn es aber knapp wird, dann haben die schwächeren Jungtiere kaum Überlebenschancen. Sie verhungern oder werden von den stärkeren Geschwistern sogar aktiv aus dem Nest gedrängt.

Wie oft und in welchen Abständen gefüttert wird, lässt sich nicht pauschal beantworten. Das hängt vor allem von der Lebensstrategie der Art ab. Ornithologen sprechen hier von r-Strategen und k-Strategen. Singvögel wie Blaumeisen oder Amseln gehören zu den r-Strategen. Sie werden nicht sehr alt und wissen nicht, ob sie im nächsten Jahr noch einmal zum Brüten kommen. Deshalb setzen sie alles auf eine Karte und investieren ihre gesamte Energie in die jetzigen Küken. Sie füttern pausenlos, den ganzen Tag, und je älter die Nestlinge werden, desto mehr Energie brauchen sie. Ein Seevogel hingegen ist ein k-Stratege. Er kann sehr alt werden und hat die Möglichkeit, in den nächsten Jahren noch weitere Bruten großzuziehen. Wenn die Nahrung knapp wird, dann trifft er die harte Entscheidung und lässt das Küken im Stich, um selbst zu überleben. Auch die Wege spielen eine Rolle. Eine Blaumeise findet Insekten direkt im Garten. Ein Sturmvogel muss dagegen hunderte Kilometer über das Meer fliegen, um Futter zu finden. Deshalb kommen Seevögel viel seltener zum Nest.



Ob Männchen und Weibchen sich die Arbeit teilen, ist ebenfalls von Art zu Art verschieden. Bei vielen Meisen füttern beide Elternteile gleichermaßen. Es gibt aber auch Arten, bei denen nur das Weibchen brütet und vom Männchen mit Futter versorgt wird, oder umgekehrt. Das extremste Beispiel sind die Odinshühnchen und Thorshühnchen. Hier hat das Weibchen das prächtigere Gefieder, sucht sich ein Männchen, legt ihm die Eier ins Nest und zieht weiter zum nächsten Partner. Das Männchen brütet und zieht die Jungen allein groß. Und dann gibt es noch den Kuck, der sich um nichts kümmert und seine Eier von anderen Vogelarten ausbrüten und die Küken großziehen lässt.

Der Standort des Nestes beeinflusst das Fütterungsverhalten kaum. Gefüttert werden muss immer intensiv, egal ob das Nest in einer Baumhöhle, in einem offenen Gebüsch oder am Boden steht. Am Boden ist die Gefahr durch Fressfeinde allerdings am größten. Deshalb sind viele Bodenbrüter wie Enten, Gänse oder Hühnervögel sogenannte Nestflüchter. Ihre Küken können von Anfang an selbstständig fressen. Die Mutter pickt ihnen etwas vor, aber füttern im eigentlichen Sinne muss sie nicht.


Auch bei der Nahrung gibt es kein einheitliches Rezept. Was die Altvögel bringen, richtet sich nach dem, was sie finden. Es kann sich um Insekten, Körner, Beeren oder Fische handeln. Wichtig ist nur, dass die Beute die richtige Größe hat. Raubvögel zerlegen ihre Beute in schnabelgerechte Stücke, bevor sie an die Küken übergeben. Naturfotografen haben beeindruckende Bilder eingefangen, auf denen Seevögel versuchen, ihren Küken viel zu große Sandaale zu verfüttern. Der Transport der Nahrung erfolgt auf unterschiedliche Weise. Die meisten Singvögel tragen alles im Schnabel und stecken es direkt in den aufgerissenen Schlund des Kükens. Viele Seevögel und Papageien hingegen nutzen den Kropf als Transportmittel. Besonders faszinierend ist der sogenannte Atzkropf. Hier werden fetthaltige Zellen aus der Kropfwand an den vorverdauten Nahrungsbrei abgegeben. Dadurch entsteht ein extrem energiereicher Brei, mit dem die Küken in kurzer Zeit zu richtigen Fettbällen heranwachsen. Ein bekanntes Beispiel ist der Eissturmvogel. Der Brei riecht dabei so bestialisch, dass man ihn mehrere Meter gegen den Wind riechen kann.

Das intensive Betteln der Jungvögel hat einen klaren Grund. Jeder Schatten am Nestrand könnte ein Elternteil mit Futter sein, und wer zuerst bettelt, hat die besten Chancen. Bei manchen Möwenarten ist es sogar ein roter Punkt am Schnabel der Altvögel, der das Betteln der Küken auslöst. Die Eltern steuern die Futtermenge nicht bewusst. Sie bringen, was sie können, und die Verteilung regelt sich von selbst. Ist ein Küken satt, dann sperrt es den Schnabel nicht mehr auf und wird nicht zum Fressen gezwungen.

Das Leben der Jungvögel ist voller Risiken. Um die Fütterung vor Feinden zu schützen, haben Vögel verschiedene Strategien entwickelt. Hornvögel mauern das brütende Weibchen in der Baumhöhle ein und lassen nur einen kleinen Schlitz zum Füttern frei. Viele Watvögel wie der Sandregenpfeifer nutzen das sogenannte Verleiten. Sie tun so, als wären sie verletzt, humpeln vom Nest weg und locken den Feind so von den Küken fort. Fällt ein Elternteil aus, dann wird es für die verbliebene Brut sehr schwer. Ob ein einzelner Vogel die Fütterung allein stemmen kann, hängt davon ab, wie alt die Küken schon sind und wie viel Nahrung verfügbar ist. In den meisten Fällen schafft es nur das stärkste Küken.

Auf Nahrungsknappheit oder schlechtes Wetter reagieren Vögel nicht, indem sie bewusst weniger füttern. Sie suchen und suchen, bis nichts mehr da ist. Auch hier zeigen sich wieder die Unterschiede zwischen r- und k-Strategen. Singvögel verausgaben sich bis zur Erschöpfung für ihre Brut. Seevögel brechen die Aufzucht eher ab, um sich selbst zu retten.


Ein besonderes Kapitel ist das Füttern fremder Jungvögel. Der Kuckuck hat dieses System perfektioniert. Sein Ei ähnelt dem der Wirtsvögel, und das geschlüpfte Küken löst genau denselben Futtertrieb aus. Oft wirft es die anderen Nestlinge hinaus und sichert sich so die volle Aufmerksamkeit der Pflegeeltern. In großen Kolonien erkennen sich Altvögel und Küken dagegen an den Rufen. Fremde Küken, die sich verirren, werden meist verjagt oder sogar attackiert. Eine richtige „Ammenfütterung“ wie bei Säugetieren gibt es bei Vögeln kaum.

Nach dem Ausfliegen ist für viele Arten die Betreuung noch nicht vorbei. Besonders bei Vögeln, deren Nahrungssuche Übung erfordert, wie bei Möwen, Seeschwalben oder Alken, füttern die Eltern ihre Jungen noch wochenlang weiter. Andere Arten wie der Eissturmvogel hingegen müssen das nicht. Ihre Küken erbeuten Schwimmkrabben von der Wasseroberfläche, was sie instinktiv können.

Die Wissenschaft erforscht dieses Verhalten mit Kameras am Nest, durch das Wiegen und Markieren der Küken und durch die Analyse von Mageninhalten bei Totfunden. Was uns alle aber aktuell am meisten beschäftigt, ist der Einfluss des Menschen. Der Rückgang von Insekten und die Erwärmung der Meere führen dazu, dass vielen Vogelarten die Nahrungsgrundlage wegbricht. Und wenn ein Mensch einen scheinbar verwaisten Jungvogel findet, dann ist der beste Rat: nicht selbst versuchen aufzuziehen. Das ist extrem schwierig und geht meist schief. Besser ist es, den Vogel in die nächste Wildvogel-Auffangstation zu bringen. In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es dafür klare rechtliche Vorgaben.


Die Aufzucht von Jungvögeln ist ein Kraftakt. Sie zeigt, wie unterschiedlich das Leben in der Natur geregelt ist. Manchmal ist es liebevoll und fürsorglich, manchmal ist es gnadenlos. Aber es ist immer darauf ausgerichtet, die eigene Art am Leben zu halten.

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