Ukraine

Atombombe über dem Schwarzen Meer

Washington, USA

Von Sylvie Lanteaume und Paul Handley

Dieses Foto vom 25. September 2022 zeigt leere Gräber nach der Exhumierung von Leichen in einem Massengrab, das während der russischen Besatzung in Izyum, Region Charkiw, während des russischen Einmarsches in die Ukraine angelegt wurde. (Foto: Yasuyoshi CHIBA / AFP)

Nach den Rückschlägen der russischen Armee in der Ukraine hat Russlands Präsident Wladimir Putin gedroht, im Krieg auf „alle Mittel“ zurückzugreifen. Dies weckt Befürchtungen, dass zum ersten Mal seit 1945 wieder eine Atomwaffe zum Einsatz kommen könnte. Russland ist die größte Atommacht der Welt. Ein Überblick über mögliche Szenarien:

WIE KÖNNTE EIN RUSSISCHER ATOMANGRIFF AUSSEHEN?

Moskau würde Experten zufolge wahrscheinlich eine oder mehrere taktische Atombomben einsetzen. Dabei handelt es sich um Waffen mit einer Sprengkraft zwischen 0,3 und 100 Kilotonnen. Zum Vergleich: Der größte strategische Sprengkopf der USA hat eine Sprengkraft von 1,2 Megatonnen, und Russland testete 1961 eine 58-Megatonnen-Bombe. Taktische Bomben sind für eine begrenzte Wirkung auf dem Schlachtfeld ausgelegt, im Gegensatz zu strategischen Atomwaffen, die ganze Regionen auslöschen können. Doch auch kleinere Nuklearsprengsätze können verheerend sein: Die Atombombe, die die USA 1945 auf Hiroshima abwarfen, hatte nur 15 Kilotonnen.

Moskau könnte eine taktische Atomwaffe hoch über der Ukraine oder über dem Schwarzen Meer zur Explosion bringen, schreibt James Cameron vom Oslo Nuclear Project in der „Washington Post“. Auch ein Abwurf auf dünn besiedeltes Gebiet oder eine Militäreinrichtung sei denkbar – mit dem Ziel, Kiew zur Kapitulation zu bewegen und seine Verbündeten zu spalten.

WAS KÖNNTE EINEN NUKLEARSCHLAG AUSLÖSEN?

Putin hat angedeutet, Atomwaffen im Fall einer Bedrohung der territorialen Integrität Russlands einzusetzen. Ob damit auch Gebiete wie die 2014 annektierte Krim oder die russisch kontrollierten Regionen in der Ukraine gemeint sind, die sich Moskau nun per Referenden einverleiben will, blieb unklar. Für Mark Cancian vom Center for Strategic and International Studies in Washington bedeutet die Zweideutigkeit in Putins Aussage, dass der Donbass und die Krim nicht eingeschlossen sind. „Es hat keinen Sinn, eine so vage Drohung auszusprechen, wenn die Leute nicht sicher sind, ob sie wirklich bedroht sind oder nicht“, sagt Cancian. Bisher hat die US-Regierung keine Bewegungen von Atomwaffen beobachtet.

WIE WÜRDE DER WESTEN REAGIEREN?

Der Westen hat sich bisher nicht eindeutig geäußert, wie er auf einen taktischen Nuklearschlag reagieren würde. Die Vereinigten Staaten und die Nato möchten einerseits nicht schwach erscheinen, andererseits aber in jedem Fall verhindern, dass der Krieg in der Ukraine, die kein Nato-Mitglied ist, zu einem globalen Atomkrieg eskaliert.

Die US-Regierung ist seit Beginn der russischen Invasion bemüht, eine Eskalation zu vermeiden: Nato-Streitkräfte kämpfen nicht in der Ukraine, und die an Kiew gelieferten Waffen sind nicht geeignet, russisches Territorium anzugreifen. Nach Informationen der „Washington Post“ versuchte die US-Regierung in den vergangenen Monaten durch private Botschaften an Vertreter Russlands, Moskau von einem Einsatz von Atombomben abzubringen.

Sollte der Kreml dennoch Nuklearwaffen abfeuern, müsste die US-Regierung entschlossen reagieren. Ansonsten könnten andere Länder wie China verleitet werden „zu glauben, dass Atomwaffen ihnen helfen, ihre Ziele ohne schwerwiegende Konsequenzen zu erreichen“, sagt Matthew Kroenig vom Scowcroft Center for Strategy and Security in den USA. Washington könnte mit einem konventionellen Angriff auf die russischen Streitkräfte oder den Militärstützpunkt, von dem der Atomschlag ausging, und verstärkter Militärhilfe für die Ukraine reagieren, sagt Kroenig, ein Ex-Berater des Pentagon.

sp/noe

© Agence France-Presse

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