Todesstrafe

Der Bericht der Untersuchungsrichterin Monique Mabelly über die letzte Hinrichtung in Frankreich

« Utiliser contre les terroristes la peine de mort, c’est, pour une démocratie, faire sienne les valeurs de ces derniers. »

„Eine Demokratie, die gegen Terroristen die Todesstrafe vollstreckt, macht sich die Werte Letzterer zu Eigen.“

– Robert Badinter: Rede vor der Assemblée Nationale[10]

Der Bericht ist auch noch nach 40 Jahren schaurig. Am 10. September 1977 wurde der Mörder Hamida Djandoubi für einen Mord guillotiniert.

Zuvor hatte der damalige französische  Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing die Begnadigung abgelehnt.

Dabei, die damalige Untersuchungsrichterin Monique Mabelly, die als Zeugin der letzten Hinrichtung in Frankreich beiwohnen musste. Um etwa 4 Uhr 40 am 10. September 1977 sauste das Fallbeil im Marseiller Gefängnis „Les Baumettes“ auf den Verurteilten nieder. Er war, laut dem damaligen und nach der Hinrichtung arbeitslosen Henker Marcel Chevalier noch 30 Sekunden etwa ansprechbar.

Es sollte die letzte Hinrichtung in Frankreich sein, Robert Badinter kämpfte um das Ende der Todesstrafe und am 10. Oktober 1981 trat das von Staatspräsident François Mitterrand initiierte Gesetz zur Abschaffung der Todesstrafe in Frankreich in Kraft.

Wer haben das Dokument des Originals aus dem Nachlass an den Le Monde übersetzt. Wir danken dafür.

Hamida Djandoubi.jpg
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Von Monique Mabelly/ Le Monde, Paris/ Robert Badinter

„Um 15.00 Uhr teilte mir Herr Präsident R… mit, dass ich zur Teilnahme an der Hinrichtung bestellt worden sei.

Ich habe mit Empörung reagiert, aber ich konnte mich nicht befreien. Dieser Gedanke beschäftigt mich den ganzen Nachmittag. Meine Aufgabe wäre es möglicherweise, die Aussagen des Verurteilten entgegenzunehmen.

Um 19.00 Uhr gehe ich mit B. ins Kino. Dann wir zu B. nach Hause, essen eine Kleinigkeit und sehen uns den Ciné-Club-Film bis ein Uhr nachts an. Ich gehe nach Hause, mache etwas Hausarbeit und lege mich dann auf mein Bett. Herr B. L. ruft mich um viertel nach drei an, wie ich ihn darum gebeten habe. Ich mache mich bereit. Um viertel nach vier kommt ein Polizeiauto zu mir. Während der Fahrt reden wir kein Wort.

Ankunft in Les Baumettes. (Strafanstalt) Alle sind da. Der Staatsanwalt traf als letzter ein. Die Prozession formiert sich. Etwa zwanzig (oder dreißig?) Justizbeamte, die „Persönlichkeiten„. Entlang des Weges sind braune Decken auf dem Boden ausgebreitet, um das Geräusch der Schritte zu dämpfen. An drei Stellen des Weges steht ein Tisch mit einer Schale Wasser und einem Frotteehandtuch.

Die Zellentür wird geöffnet. Ich habe gehört, dass der Verurteilte döste, aber nicht schlief. Er ist „vorbereitet“. Das dauert lange, denn er hat eine Beinprothese, die ihm erst einmal angelegt werden muss. Wir warten. Keiner spricht. Dieses Schweigen und die offensichtliche Fügsamkeit des Verurteilten entlasteten, so glaube ich, die Assistenten.

Wir hätten keine Schreie oder Proteste hören wollen.

Die Prozession formiert sich wieder und wir gehen den Weg zurück, den wir gekommen sind. Die Decken auf dem Boden sind etwas deplatziert und es wird weniger darauf geachtet, den Lärm der Schritte zu vermeiden.

Die Prozession hält an einem der Tische an. Der Verurteilte sitzt auf einem Stuhl. Seine Hände sind mit Handschellen hinter dem Rücken gefesselt. Ein Wachmann gibt ihm eine Zigarette mit Filter. Er beginnt zu rauchen, ohne ein Wort zu sagen. Er ist jung. Sein Haar ist sehr schwarz und gut gekämmt. Sein Gesicht ist recht hübsch, mit regelmäßigen Zügen, aber einem fahlen Teint und dunklen Augenringen. Er ist weder ein Idiot noch ein Tyrann. Er ist ein ziemlich hübscher Junge. Er raucht und beschwert sich sofort, dass seine Handschellen zu eng sind. Ein Wachmann nähert sich und versucht, sie zu lösen. Er beschwert sich wieder. In diesem Moment sehe ich einen Strick in den Händen des Henkers, der hinter ihm steht, flankiert von seinen beiden Gehilfen.

Einen Moment lang ist die Rede davon, die Handschellen durch die Schnur zu ersetzen, aber die Handschellen werden einfach entfernt, und der Henker spricht diese schrecklichen und tragischen Worte: „Siehst du, du bist frei!“ Er raucht seine Zigarette, die fast zu Ende ist, und sie geben ihm eine neue. Seine Hände sind frei und er raucht langsam. In diesem Moment begreift er wirklich, dass es vorbei ist – dass er nicht mehr fliehen kann – dass sein Leben hier stattfindet, dass die Momente, die er noch zu leben hat, so lange dauern wie diese Zigarette.

Der Delinquent hat nach seinen Anwälten gefragt. Herr P. und Herr G. nähern sich ihm. Er spricht so leise wie möglich zu ihnen, denn die beiden Gehilfen des Henkers stehen ganz dicht um ihn herum, als wollten sie ihm die letzten Augenblicke als lebender Mensch rauben. Er gibt Herrn P. einen Zettel, der ihn auf seine Bitte hin zerreißt, und Herrn G. einen Umschlag. Sie stehen jeweils auf ihrer Seite und sprechen auch nicht miteinander. Die Wartezeit wird verlängert. Er fragt nach dem Gefängnisdirektor und erkundigt sich nach dem Verbleib seiner Habseligkeiten.

Die zweite Zigarette ist fertig. Es ist bereits fast eine Viertelstunde vergangen. Ein junger, freundlicher Wachmann kommt mit einer Flasche Rum und einem Glas. Er fragt den Verurteilten, ob er etwas trinken möchte, und schenkt ihm ein halbes Glas ein. Der Verurteilte beginnt langsam zu trinken. Jetzt weiß er, dass sein Leben zu Ende ist, wenn er nicht mehr trinkt. Er spricht ein wenig mehr mit seinen Anwälten. Er ruft den Wachmann zurück, der ihm den Rum gegeben hat, und bittet ihn, die Papierschnipsel aufzuheben, die Herr P. zerrissen und auf den Boden geworfen hat. Der Wachmann bückt sich, hebt die Zettel auf und gibt sie Herrn P., der sie in seine Tasche steckt.

An diesem Punkt beginnen sich die Gefühle zu vermischen. Dieser Mann wird sterben. Er ist bei klarem Verstand, er weiß, dass er nichts anderes tun kann, als das Ende um einige Minuten hinauszuzögern. Und es ist fast wie die Laune eines Kindes, das mit allen Mitteln versucht, das Zubettgehen hinauszuzögern! Ein Kind, das weiß, dass man eine gewisse Nachsicht mit ihm haben wird, und das es nutzt. Der Verurteilte trinkt sein Glas weiter, langsam, in kleinen Schlücken. Er ruft dem Imam zu, der sich ihm nähert und auf Arabisch mit ihm spricht. Er antwortet ein paar Worte auf Arabisch.

Das Getränk ist fast ausgetrunken, und als letzten Versuch bittet er um eine weitere Zigarette, eine Gauloise oder eine Gitane, weil er die, die er bekommen hat, nicht mag. Diese Bitte wird in aller Ruhe, fast schon mit Würde vorgetragen. Doch der Scharfrichter, der ungeduldig wurde, wirft ein: „Wir waren schon sehr freundlich zu ihm, sehr menschlich, jetzt müssen wir es zu Ende bringen.“ Der Staatsanwalt schaltet sich ein und verweigert die Zigarette trotz der wiederholten Aufforderung des Verurteilten, der sehr treffend hinzufügt: „Das wird die letzte sein.“ Eine gewisse Verlegenheit macht sich bei den Assistenten bemerkbar. Etwa zwanzig Minuten sind vergangen, seit der Verurteilte auf seinem Stuhl sitzt. Zwanzig Minuten, so lang und so kurz! Alles kollidiert.

DIE SPUREN DES VERBRECHENS MÜSSEN SCHNELL BESEITIGT WERDEN…

Die Bitte des Verurteilten um eine Zigarette gibt der gerade vergangenen Zeit ihre Realität, ihre „Identität“ zurück. Wir waren geduldig, wir warteten zwanzig Minuten lang im Stehen, während der Verurteilte im Sitzen seine Wünsche äußert, die wir sofort erfüllen. Wir haben ihm die Kontrolle über den Inhalt dieser Zeit überlassen. Das ist sein Ding. Nun tritt eine andere Realität an die Stelle derjenigen, die ihm gegeben wurde. Sie wird ihm weggenommen. Die letzte Zigarette wird ihm verweigert, und zum Abschluss wird er aufgefordert, sein Getränk auszutrinken. Er nimmt den letzten Schluck. Er übergibt das Glas an den Wachmann. Sofort holt einer der Henkersgehilfen eine Schere aus seiner Jackentasche und beginnt, den Kragen des blauen Hemdes des Verurteilten aufzuschneiden. Der Henker signalisiert, dass der Schnitt nicht breit genug ist. Der Helfer schneidet also zwei große Scherenschnitte in den Rücken des Hemdes und entfernt der Einfachheit halber den gesamten oberen Rücken.

Schnell (bevor das Halsband durchgeschnitten wird) werden ihm die Hände mit der Schnur hinter dem Rücken gefesselt. Der Verurteilte wird auf die Bank gesetzt. Die Wachen öffnen eine Tür im Korridor. Die Guillotine erscheint mit Blick auf die Tür. Fast ohne zu zögern, folge ich den Wachen, die den Verurteilten vor sich herschieben, und betreten den Raum (oder vielleicht einen Innenhof?), in dem sich die „Maschine“ befindet. Daneben steht, offen, ein brauner Weidenkorb. Alles geht sehr schnell. Der Körper wird fast auf das Brett geworfen, aber in diesem Moment drehe ich mich um, nicht aus Angst, „zurückzuweichen“, sondern aus einer Art instinktiver, viszeraler Bescheidenheit (mir fällt kein anderes Wort ein).

Ich höre einen Aufprall. Ich drehe mich um – Blut, viel Blut, sehr rotes Blut – der Körper ist in den Korb gekippt. In einer Sekunde ist ein Leben beendet worden. Der Mann, der vor weniger als einer Minute gesprochen hat, ist jetzt nur noch ein blauer Pyjama in einem Korb. Ein Wachmann nimmt einen Schlauch. Ich spüre eine Art Übelkeit, die ich unter Kontrolle habe. Ich habe eine kalte Revolte in mir.

Wir gehen in das Büro, in dem der Staatsanwalt eifrig an den Protokollen arbeitet. D. prüft sorgfältig jedes Wort. Es ist wichtig, einen Bericht über eine Hinrichtung zu schreiben! Um 5.10 Uhr bin ich zu Hause.

Ich schreibe diese Zeilen. Es ist 6.10 Uhr morgens.“

Monique Mabelly (Ermittlungsrichterin)

Monique Mabelly hat dieses Manuskript ihrem Sohn Rémy Ottaviano vermacht, der es einige Wochen nach dem Tod der ehemaligen Untersuchungsrichterin an Robert Badinter weitergegeben hat. In Absprache mit der Familie hat Robert Badinter dieses außergewöhnliche Dokument an „Le Monde“ weitergegeben.

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Von <a rel=“nofollow“ class=“external text“ href=“https://www.flickr.com/people/96419267@N00″>Denis</a> from Paris, France – <a rel=“nofollow“ class=“external text“ href=“https://www.flickr.com/photos/96419267@N00/379886296/“>Say No to the Death Penalty (3 feb 2007)</a>, CC BY-SA 2.0, Link

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