Titelbild: Minigolfplatz in Ten Bel, kasaan media, 2026
Der alte Komplex Ten Bel im Süden Teneriffas, genauer gesagt in der Region Costa del Silencio nahe Las Galletas, stellt ein faszinierendes Kapitel in der Tourismusgeschichte der Kanareninsel dar, das von visionärem Aufstieg über Jahrzehnte des Verfalls bis hin zu jüngsten Bemühungen um eine Wiederbelebung reicht. Der Name Ten Bel leitet sich von einer Kombination aus „Tenerife“ und „Belgium“ ab und geht auf den belgischen Unternehmer Michel Albert Huygen zurück, der 1917 in Hoevenen geboren wurde und zunächst als Besitzer der größten Radio- und Fernsehfirma Belgiens, „Den Arel“, zu Wohlstand kam.
In den frühen 1960er Jahren, nach Auseinandersetzungen mit Gewerkschaften über Löhne und Urlaubsregelungen, verkaufte er sein Unternehmen für eine Summe von angeblich 50 Millionen belgischen Francs und wandte sich dem Tourismus zu, inspiriert von der Idee, dass mehr Urlaubstage die Nachfrage nach Reisen steigern würden.
Huygen, der zuvor keine Erfahrung in der Branche hatte, erkundete Orte wie Südafrika und den Libanon, ehe er sich für Teneriffa entschied, wo er den Norden um Puerto de la Cruz bereits kannte, aber das Potenzial des sonnigen Südens mit seinen 300 Tagen Sonne pro Jahr und dem geringen Regen erkannte. Er erwarb rund 80.000 Quadratmeter Land in der Nähe von Las Galletas, und der Bau des Komplexes begann 1963, was Ten Bel zum Pionier des Massentourismus im Süden Teneriffas machte, einer Region, die bis dahin weitgehend unerschlossen und öde war.
Huygens Vision ging weit über ein einfaches Ferienresort hinaus; er plante eine ganze kleine Stadt mit acht separaten Komplexen – Alborada, Bella Vista, Drago, Eureka, Frontera, Géminis, Maravilla und Primavera –, die insgesamt über 2.000 Apartments umfassten und Platz für mehr als 5.000 Urlauber boten. Zu den Highlights gehörten wunderschöne Parks und Gärten, gepflasterte Spazierwege, ein Nachtclub als erster im Süden der Insel mit Tanzabenden viermal wöchentlich, ein großes Einkaufszentrum mit 70 Geschäften, einer Bank, einer Apotheke und einer Poststelle – das erste seiner Art in der Region –, sowie ikonische Elemente wie ein hoher Turm für Panoramablicke, der natürliche Pool La Ballena, ein kleiner oranger Zug, der durch die Anlage fuhr, zwei kleine Piers am Maravilla-Promenade und der erste Minigolfplatz der Insel. In den 1970er und 1980er Jahren erlebte Ten Bel seine Blütezeit, zog Millionen von Touristen aus Großbritannien, Deutschland, Belgien, Frankreich, den Niederlanden, Skandinavien und sogar von Teneriffa selbst an und etablierte den Süden als zentralen Tourismushub der Kanaren, indem es Vorreiter für Charterflüge aus Brüssel war und eine Ära des Luxusurlaubs definierte. Der Komplex symbolisierte den Wandel der Insel von einer landwirtschaftlich geprägten zu einer tourismusdominierten Wirtschaft, setzte Maßstäbe für nachfolgende Entwicklungen und feierte 2024 sogar das 50-jährige Jubiläum des Tourismusbeginns im Süden.
Doch nach dem Tod Huygens im Jahr 2002 begann der Niedergang, da der Komplex verkauft wurde und die Apartments in private Hände übergingen, was die Verantwortung für die Pflege der Gemeinschaftsbereiche auf die neuen Eigentümer und Hausgemeinschaften verlagerte. Viele Eigentümer vernachlässigten Zahlungen, was zu Unterbrechungen essenzieller Dienste wie der Wasserversorgung führte, Squatter in leerstehende Gebäude lockte und den Ort in einen Zustand des Verfalls stürzte: Straßen brachen auf, Bäume fielen um, Mauern bröckelten, Graffiti überzogen die Wände, und Unkraut wucherte überall, was Ten Bel den unrühmlichen Spitznamen „Chernobyl von Teneriffa“ einbrachte und es zu einem gespenstischen, verlassenen Ort machte, der in den 1990er Jahren bereits durch den Aufstieg neuer Touristenregionen an Attraktivität verloren hatte.
Heute, im Jahr 2026, hat sich die Situation jedoch spürbar gewandelt, wenngleich Ten Bel nicht mehr das exklusive Ferienparadies der Vergangenheit ist, sondern eher eine Wohngegend in Costa del Silencio mit rund 4.000 Bewohnern, hauptsächlich Rentnern aus Europa, die den Ort trotz seiner Geschichte beleben. Jüngste Entwicklungen deuten auf eine schrittweise Revitalisierung hin; so wurde der Alborada-Komplex von einem US-amerikanischen Fonds mit Büros in New York und Miami für 15 Millionen Euro übernommen, der 282 Apartments erwarb und umfassende Renovierungen durchführte, darunter Modernisierungen der Sanitär- und Elektroanlagen, eine Imageauffrischung und Verbesserungen am Pool, der als Europas größter Meerwasserpool gilt, mit dem Ziel, den Ort wieder als Urlaubsdestination attraktiv zu machen. Ebenso hat eine Gruppe von etwa 30 Bewohnern, angeführt von der Belgierin Hannelore Ottevaere unter der Asociación Ambiental Costa del Silencio Limpia, im März 2025 den verlassenen Minigolfplatz und den umliegenden Park restauriert: Neue grüne Teppiche wurden verlegt, Gärten geschmückt, Wände weiß gestrichen, dürretolerante Pflanzen gesetzt und eine kostenlose Bibliothek in der alten Bahnstation eingerichtet, finanziert durch Spenden und den Verkauf eines Solidaritätskalenders, wobei ein pensionierter Italiener die tägliche Bewässerung übernimmt.
Die Einweihung dieses erneuerten Freizeitbereichs fand am 15. März 2025 statt, und aktuelle Berichte, einschließlich Videos aus dem Herbst 2024 und September 2025, betonen, dass Ten Bel nicht länger als „Chernobyl“ wahrgenommen wird, sondern als Ort mit Potenzial für neues Leben, wenngleich Teile noch sanierungsbedürftig sind und der Fokus mehr auf Wohnen als auf Massentourismus liegt. Bewertungen von Plattformen wie TripAdvisor zeigen, dass Komplexe wie Ten Bel Primavera weiterhin genutzt werden, mit grundlegenden, aber sauberen Unterkünften und in der Nähe gelegenen Restaurants, was den Übergang zu einem gemischten Wohn- und Urlaubsgebiet unterstreicht, das von der lokalen Gemeinschaft getragen wird und in den kommenden Jahren weitere Investitionen erwarten lässt.
