Der Baum der Untiefen
Titelbild: ram, 2026
Ein Gedicht für ram
In den Untiefen des Lebens, wo Schatten sich ballen,
wo Strömungen reißen und Stimmen verhallen,
wo Zweifel wie Algen die Seele umschlingen
und jeder Schritt schwerer, ein sinkendes Ringen –
dort steht er, mein Baum, am Rande der Welt.
Wurzeln tief grabend, wo niemand sonst hält.
Ein Wächter der Stille, ein alter Gefährte,
dessen Rinde erzählt von vergessenen Werten.
Im Frühling kehre ich wieder, wenn Hoffnung erwacht,
die ersten Knospen wie zarte Versprechen entfacht.
Die Untiefen flüstern noch leise von Nacht,
doch unter seinem Laub wird das Dunkel zur Pracht.
Im Sommer, wenn Hitze das Herz fast verbrennt
und Lebensstürme wie Feuer die Pfade verbrennen,
lehne ich mich an den Stamm, der kühl und beständig,
ziehe Kraft aus der Tiefe, die niemals verschenkt.
Im Herbst, da die Blätter in Gold sich verlieren
und Untiefen lauter von Abschied musizieren,
sammle ich Früchte, die reif aus der Krone gefallen –
Erinnerung, Weisheit, ein Leuchten im Fallen.
Im Winter, wenn Eis die Welt in Schweigen legt
und Kälte der Seele die letzte Wärme wegfegt,
umarme ich nackte Äste, die trotzig gen Himmel ragen.
Sie halten den Schnee, sie halten mein Zagen.
So kehre ich immer zurück, durch alle Gezeiten,
ein Wanderer, gezeichnet von Tiefen und Weiten.
Der Baum bleibt, verwurzelt in Erd und in Zeit,
mein Anker im Wandel, mein stilles Geleit.
Er lehrt mich: Auch Untiefen tragen verborgenes Licht,
wenn man nur lernt, sich an etwas zu richten,
das größer ist als der eigene Schmerz –
ein Baum, ein Versprechen, ein ewiges Herz.
