1982 Bücher Das Rabenkind Das war unser Leben

Das Rabenkind Kapitel 246 Anfang April 1982

Das Titelbild ist Eigentum von kasaan media
und nach einem Aquarell aus dem Jahr 1982, mh, entstanden. Es war teilweise kaputt und unsere KI hat es in mühevoller Arbeit wieder hergestellt. Die Farben glänzen.


Es ist das besagte Hotel in Les Saintes, das es so nicht mehr gibt. Der Nachdruck ist streng verboten auch für den privaten Gebrauch. Wir nehmen Anfragen gerne für einen Nachdruck entgegen. Der Nachdruck, wie auch der der anderen Bilder kostet pauschal 400,00 Euro pro Bild in verschiedenen Größen. zuzüglich Versand.


Wir publizieren die Bilder zu dieser wundervollen Episode aus 1982.

Mein dummer, wunderbarer Absturz in die Welt

Ich war jung, verloren und hatte diesen idiotischen Glauben, dass die Straße mich schon irgendwie formen würde. Im April 1982 packte ich meinen Rucksack, als wäre er ein Rettungsboot, und trampte Richtung Süden. Deutschland lag hinter mir wie ein zu enger Pullover, den man endlich auszieht. Meine Großmutter hatte mir auf den Weg mitgegeben, immer ein freundliches Gesicht zu machen. Wie könnte ich das vergessen.

Die Welt? Die Welt war mir ein Rätsel, das ich mit dem Daumen lösen wollte. Ich fand mich kaum zurecht – weder in den Fahrplänen noch in mir selbst. Aber genau das machte den Reiz aus: dieses herrliche, zynische Gefühl, ein blinder Passagier im eigenen Leben zu sein.

In Reims stolperte ich über sie. Sie hieß – nennen wir sie Anna, weil Namen in solchen Geschichten sowieso nur Etiketten sind. Ihre eigene Geschichte war absurd genug: Ihr Bruder, dieser feine Herr, hatte sie in der Jugendherberge sitzen lassen, ohne einen Pfennig, und war mit dem Zug weitergefahren. Sie hatte sich im Gepäckraum versteckt, zwischen staubigen Rucksäcken und vergessenen Schlafsäcken, wie eine vergessene Ware. Ich fand sie dort, mit verquollenen Augen und diesem trotzigen Lächeln, das sagt: „Die Welt ist Scheiße, aber ich beiße zurück.“

Ich befreite sie. Nicht heldenhaft, eher wie ein Tollpatsch, der zufällig die richtige Tür aufmacht. Von da an waren wir zu zweit. Zwei verlorene Seelen auf der Route in die Camargue, fern der Heimat, fern von allem, was Sinn ergab.

Genau in diesen Tagen begann der Falklandkrieg. Argentinien hatte die Inseln besetzt. Die Welt zeigte Solidarität mit Großbritannien – den argentinischen Diktator wollte niemand, auch wenn er auf Port Stanley zurückeroberte und die halbe Armada der Briten auf dem Weg in den größten Feldzug seit dem letzten Krieg war. Was wussten wir schon über Krieg und Frieden? In Deutschland starteten gerade die Ostermärsche, und die Proteste gegen die Stationierung der Pershing II konnte man weder mit einem freundlichen Gesicht noch mit wildem Gesang Helmut Schmidt abspenstig machen. Realpolitik im Wirrwarr des Lebens.

Wir hörten es im Radio eines heruntergekommenen Hotels irgendwo zwischen Lyon und Avignon. Billige Tapeten, quietschende Betten, der Geruch von Desinfektionsmittel und Verzweiflung. Der Sprecher quäkte von der argentinischen Invasion am 2. April, von der britischen Task Force, die gerade auslief, und von Kriegsschiffen und Ehre, während wir uns an einem Plastikbecher mit billigem Rotwein festhielten – diesem sauren, ehrlichen Zeug, das nach Brombeeren und Reue schmeckte. Dazu würziger Käse, so scharf, dass er einem die Tränen in die Augen trieb, und knuspriges Baguette, das unter den Fingern zerbröselte. Wir lachten zynisch über die großen Männer, die ihre kleinen Kriege führten, und liebten uns gleichzeitig für diesen Moment der absoluten Bedeutungslosigkeit.

In Les Saintes-Maries-de-la-Mer schlugen wir unser Nachtlager in einem schmuddeligen Hotel für 100 Franc die Nacht auf. Die Dusche war kaputt, aus der Leitung kam nur rostbraunes Wasser, das wie altes Blut aussah. Das Baguette lag auf einem hellen Papier auf dem wackeligen Tisch, daneben der Rest Käse und die angebrochene Flasche Wein. Es war perfekt. Genau so musste es sein.

Auf dem Marktplatz liebte ich nicht nur die vielen Wahrsagerinnen mit ihren bunten Tüchern und den durchdringenden Blicken, die einem für ein paar Francs die Zukunft aus der Hand lasen, sondern auch die Sinti und Roma, deren Musik wie ein lebendiger Puls durch die Gassen zog. Und plötzlich standen sie da – die wilden Pferde der Camargue, weiß und ungezähmt, mitten in der Stadt, als hätte die Natur beschlossen, den Menschen einen Besuch abzustatten. Sie schnaubten, stampften, und für einen Augenblick schien die Welt stillzustehen. Dazu ging mir das Lied nie wieder aus dem Kopf: Edith Piafs Mon Manège à moi. Diese rauchige Stimme, die von Karussell und Schwindel sang – genau so fühlte es sich an. Wir drehten uns im Kreis, zwei junge Narren inmitten von Zigeunerfeuern und Pferdeäpfeln, während weit unten im Südatlantik der Krieg seine ersten Schatten warf.

Der Zeitungsstand vor der Kirche, 1982 mh

Unsere Nächte blieben keusch, asexuell, fast mönchisch in ihrer Reinheit. Kein hastiges Fummeln, kein falsches Versprechen von Körpern. Nur Nähe, Worte und das leise Lachen, wenn einer von uns im Schlaf murmelte. Es war, als hätte die Straße uns eine Pause verordnet: Liebe ohne Besitz, Zärtlichkeit ohne Verlangen. Das Schilffeld bei Nacht war der Höhepunkt unserer kleinen Odyssee. Die Polizei hatte uns gewarnt: Tote Tramper gefunden, irgendwo am Straßenrand, Opfer von Zufall oder Bosheit. „Fahrt weiter“, sagten sie. Wir taten es nicht. Stattdessen legten wir uns ins Schilf, die Halme raschelten wie alte Geheimnisse, der Himmel war ein schwarzes Tuch mit zu vielen Löchern. Halbe Nacht nur – wir redeten leise, tranken den letzten Schluck Rotwein, aßen den Rest Käse mit bloßen Händen. Es war poetisch, gefährlich, dumm und zärtlich.

Les Saintes Marie der la Mer, 1982, mh

Von dort ging es weiter nach Nizza. Der Weg zur Jugendherberge war ein kleines Epos für sich. Wir kamen mit dem deutschen Ehepaar an – er mit seinem Krebs, der ihm die letzte Reise schenkte, sie mit ihrer stillen Tapferkeit. Das Auto rollte die Küstenstraße entlang, das Mittelmeer glitzerte wie eine billige Postkarte, die man trotzdem aufbewahrt. In Nizza stiegen wir aus, der Duft von Pinien und Abgasen in der Nase. Die Jugendherberge lag etwas abseits, hinter einer Anhöhe, ein grauer Kasten mit Blick auf das Meer, das sich nicht um unsere kleinen Dramen scherte. Wir liefen durch enge Gassen, vorbei an Boutiquen, die wir uns nicht leisten konnten, an Cafés, wo die Reichen ihren Pastis tranken. Der Aufstieg war steil, der Rucksack schwer, Anna neben mir still und stark. Jeder Schritt fühlte sich an wie eine kleine Rebellion gegen die Welt, die gerade anderswo Krieg spielte.

Das deutsche Paar verabschiedete sich mit einer Umarmung, die mehr wog als Worte. Wir blieben zurück, aßen wieder Käse und Baguette, tranken Rotwein aus der Flasche und hörten Piaf leise in unseren Köpfen.



Der Weg nach Hause führte uns weiter nach Italien. Ein italienischer Bäcker schenkte uns eine riesige Torte. Die Früchte waren trocken und herrlich kühl. Er empfand die Krise als Ansporn. Al Babo trällerte zusammen mit seiner Romina Power „Ci Sera“ und setzte uns auf dem Weg nach Mailand ab. Wir waren pappsatt und konnten die ganzen Brötchen kaum wegtragen. Aber singen konnte er wie Caruso – „La Donna è mobile“.

Da standen wir nun bei Dachau. Deutschland hatte uns wieder. Es war richtig kalt. Anna wärmte sich an mir und ich unverhohlen an ihr. An diesem geschichtsträchtigen Ort fror ich auch innerlich. Die Nazis waren mir ein Graus. Ich fragte mich, was geschehen würde, wenn all die armen Seelen plötzlich herauskämen und uns erzählen wollten, was sie erlebt und gesehen hatten.

Ein Streifenwagen fuhr vorbei, wendete an der nächsten Auffahrt und kam mit Blaulicht zurück. Kurz darauf saßen wir darin. Die Beate fuhr 200 über die leere Autobahn und hörte dazu Ernst Mosch, irgendeine Polka mit Schmackes. Das Blaulicht zuckte in der Nacht, ich beobachtete es an der Leitplanke. Fast 100 Kilometer schwiegen sie. Der Beifahrer schnarchte leise und hielt die Dienstpost nach Nürnberg fest umklammert.


Später nahm uns ein Lkw von einer Raststätte bei Nürnberg mit. Wir lagen auf der Koje und hielten uns fest. Erst spielte leise Tanzmusik, dann wurden die Toten des Falklandkrieges verkündet – der argentinische Kreuzer General Belgrano war versenkt, später die HMS Sheffield getroffen. Es bildeten sich Widerstandsnester, Tee trinkende Engländer, die noch einen Löffel Zucker in ihre Mischung streuten, als die argentinische Armee ihre Tür aufbrach. Ich rauchte eine letzte Monaco und schlief auf der Brust von Anna ein wie ein Kind im Sturm.

Die Welt drehte sich weiter, zynisch und schön, und wir mittendrin – zwei Anhalter, die für einen kurzen, leuchtenden Augenblick glaubten, sie hätten sie verstanden. Oder zumindest so getan, als ob. Das reicht oft schon.


Vieles von dem, was man damals aufschrieb, verblasste im Laufe der Jahrzehnte. Einiges jedoch brannte sich ins Gehirn ein, als wäre es gestern gewesen. Anna stieg bei Kassel aus. Es war der damals bei Trampern berühmte Rasthof Kassel. Ich wollte sie umarmen wie in der Nacht zuvor im Schilf, doch sie hatte schon den Bauchgurt festgemacht und drehte sich weg. Dort stand ein Peugeot. Mir lief eine Träne über das Gesicht, als sie ging. In diesem Moment dachte ich daran, was ich wohl in vielen Jahren über diesen Abschied denken würde.

Schnell holte mich die Realität ein. Der Sprit war teuer geworden, Diesel kostete sagenhafte 1,05 DM – das konnte einem schon Angst machen. Ich lief zum Restaurant. Schnitzel ab 11 Uhr für 7,95 DM mit reichlich Pommes und Salat. Ich hätte mir lieber ein Brötchen gegönnt, tauschte 50 Schweizer Franken ein. Der Lkw, der uns die ganze Nacht mitgenommen hatte, rollte an mir vorbei. Er fuhr nach dem Tanken in eine Parkbucht. Wo war Anna? Ich meinte sie an der Ausfahrt in Richtung Dortmund gesehen zu haben.

Drei Stunden später saß ich am reich gedeckten Küchentisch meiner Großmutter und weinte bitterlich. Der Gasherd verschwamm vor meinen Augen, der Kaffeekessel pfiff. „Warum weinst du so bitterlich?“, fragte sie. „Die Welt da draußen ist doch so schön.“ Und trotzdem fühlte uns allen der Krieg im Südatlantik nach. Es war der vertraute Geruch von zu Hause. Ich ließ trotzdem los von meiner Jugend. Wohin mich das Leben führen sollte, wusste ich nicht. In diesem Moment legte ich es in Gottes Hand, köpfte mein Frühstücksei, trank von dem dampfenden Jakobskaffee. Es schlug ein Uhr. Ich war müde, kaute verstört auf dem Tafelbrötchen herum. Das Telefon klingelte – eine Freundin meiner Großmutter rief an.



Ich habe Anna nie wieder gesehen. Oft habe ich es bedauert. Ein paar Tage, nachdem ich zurückkam, brachte der Postbote einen weißen Briefumschlag, er war von Anna. Innen lag ein 50 DM-Schein und ein aus einem Blick herausgerissener Zettel “Danke, Anna” Ich empfand die Welt roh in diesem Moment.

Als das Internet aufkam, mehr als 15 Jahre nach den Ereignissen, suchte ich an einem Ostermontag Jahre später in großer Erwartung nach ihrem Namen. Da war nichts. Nur Stille und das leise Rauschen der Erinnerung.

Wenn ich heute wehmütig an diese Zeit zurückdenke, streiche ich mit dem Finger über alte Karten, zeichne den Weg nach, den wir damals fuhren – Reims, Avignon, Les Saintes-Maries-de-la-Mer, Nizza, Mailand, Dachau, die lange Heimfahrt durch die Nacht.


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