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Kurswechsel am Atlantik nach dem Scheitern der Zollverhandlungen

Titelbild : Ottawa, Beispielbild, pixabay

Kurswechsel am Atlantik: Kann Kanada Europa satt machen – und die USA links liegen lassen?


Nach dem Scheitern der Zollgespräche mit Washington denkt Ottawa laut über neue Handelswege nach_

OTTAWA/BRÜSSEL – Die LKW-Schlange an der Grenze zu den USA ist Kilometer lang. Jeden Tag rollen Lebensmittel, Autoteile und Öl darüber. Doch seit die Zollverhandlungen mit Washington erneut gescheitert sind, stellt sich in Kanada eine unbequeme Frage: Was, wenn wir diese Tür zumachen und stattdessen nach Osten schauen?

Könnte Kanada günstige Lebensmittel nach Europa bringen? Und würde das die Preise in deutschen Supermärkten senken – während „die USA vor der Tür sitzt“?

1. Was Kanada zu bieten hat: Der Kornspeicher der Welt

Kanada ist kein kleiner Player. Es ist der zweitgrößte Exporteur von Weizen weltweit, Nr. 1 bei Raps, ein Riesenproduzent von Hülsenfrüchten, Schweinefleisch und Fisch.

Nach Daten der kanadischen Regierung gingen 2024 über 60% der Agrarausfuhren in die USA. Grund: kurze Wege, gemeinsame Standards, seit 30 Jahren NAFTA/USMCA.

Aber: Europa importiert jedes Jahr Lebensmittel für über 180 Mrd. Euro. Vor allem pflanzliche Öle, Getreide, Fisch und verarbeitete Produkte. Da sieht Ottawa Potenzial.

Mit CETA, dem Freihandelsabkommen seit 2017, sind die Zölle für die meisten Industriegüter schon weg. Für Agrarprodukte gibt es aber noch dicke Mauern: Kontingente für Käse, hohe Zölle auf Milch und Geflügel.

2. Die Rechnung: Würden die Preise in Europa sinken?

Ja – aber nicht bei allem und nicht über Nacht.

Wo Kanada punkten kann:
– Rapsöl und Getreide: Kanada hat 2023 eine Rekordernte eingefahren. Mehr Angebot auf dem Weltmarkt drückt die Preise. Europa importiert schon jetzt kanadischen Raps für Biodiesel und Tierfutter.
– Hülsenfrüchte und Linsen: Kanada ist Weltmarktführer. Günstiger Ersatz für teures Fleisch oder Importe aus der Türkei.
– Lachs, Kabeljau, Garnelen: Kurze Fangquoten in der EU lassen die Fischpreise steigen. Kanadische Fischerei könnte einspringen.
– Verarbeitete Produkte: Ahornsirup, Tiefkühlkost, Snacks. Hier greift CETA bereits voll.

Wo es hakt:
– Milch, Eier, Huhn: In Kanada regelt das „Supply Management“ den Markt. Die Produktion ist begrenzt, die Preise hoch. Ohne Reform bleibt kanadische Butter teurer als französische.
– Frische Ware: Ein Schiff von Vancouver nach Hamburg braucht 3 Wochen. Ein LKW von Chicago nach Toronto 8 Stunden. Für Salat, Beeren, frisches Fleisch ist der Atlantik zu weit. Die Kühl- und Transportkosten fressen den Zollvorteil auf.

Experten der Universität Guelph rechnen vor: Bei Getreide und Ölsaaten könnten 5-10% Preisnachlass drin sein. Bei Milchprodukten fast null.

3. Das geopolitische Problem: Der Nachbar bleibt Nachbar

„Die USA sitzen vor der Tür“ – das ist wörtlich gemeint.

80% des kanadischen Außenhandels läuft über die USA. Pipelines, Stromnetze, Autoproduktion sind integriert. Ein kanadischer Weizenbauer aus Saskatchewan liefert heute nach Minnesota. Morgen nach Rotterdam umzulenken heißt: neue Verträge, neue Schiffe, neue Standards.

Hinzu kommt: Sicherheit. Kanada ist über NORAD und die NATO militärisch eng an die USA gebunden. Einen kompletten Bruch riskiert Ottawa nicht.

Deshalb lautet die Strategie in Ottawa nicht „raus aus USA“, sondern „weniger abhängig“. Mehr Handel mit EU, mehr mit Asien über CPTPP. Aber die USA bleiben der wichtigste Partner.

4. Was müsste passieren, damit es klappt?

Für einen echten Lebensmittelfluss Richtung Europa bräuchte es 3 Dinge:

1. CETA 2.0: Mehr Agrarkontingente. Die EU müsste mehr kanadisches Rindfleisch und Schweinefleisch zulassen. Kanada müsste sein Milchsystem öffnen. Beides ist innenpolitisch Gift.
2. Infrastruktur: Mehr Tiefseehäfen an der Ostküste, mehr Kühlcontainer-Schiffe. Der Hafen von Halifax wird gerade ausgebaut.
3. Standards: EU und Kanada müssen bei Pestiziden, Gentechnik und Labeling enger zusammenrücken, damit Ware nicht an der Grenze liegen bleibt.

Fazit: Chance ja, Wunder nein

Kanada kann Europa helfen, die Lebensmittelpreise zu stabilisieren. Gerade bei Getreide, Raps und Fisch. Aber es wird die USA nicht ersetzen.

Die Geografie ist stärker als die Politik. Solange ein LKW in 2 Tagen in Chicago ist und ein Schiff 3 Wochen nach Hamburg braucht, bleibt der US-Markt für frische Lebensmittel alternativlos.

Für Europa heißt das: Kanada ist ein wichtiger Baustein für mehr Diversifizierung. Für Kanada heißt es: Ein Weg, um Trump und künftige US-Regierungen etwas Wind aus den Segeln zu nehmen. Aber die Tür zum Nachbarn wird man in Ottawa nicht zuschlagen. Man baut nur ein zweites Fenster auf.

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