Cold Case

Das Rätsel des Trentino – Germana Degasperi

Titelbild:KI generiert, 2026

Germana Degasperi – Die 43-Kilo-Frau die Trient nicht vergessen kann

Trient, Juni 1982. Italien schaut nach Spanien. Die Nationalmannschaft um Tardelli und Rossi steht kurz davor, gegen Maradonas Argentinien zu spielen. In Genf verhandeln Amerikaner und Sowjets über Atomsprengköpfe, im Libanon herrscht Waffenstillstand.



Und in der Provinz Trentino sucht eine ganze Stadt ein Mädchen, das vielleicht 43 Kilo wiegt.

Germana Degasperi ist 23. Zierlich, schwächlich, aus Sardagna, diesem kleinen Dorf über Trient, wo jeder jeden kennt. Seit drei Jahren verheiratet mit Aldo Giovannini. Er ist 25, arbeitet als Verkäufer für Autozubehör in der Via Verdi in Trient. Jung geheiratet. Zu jung.

In der Nacht von Samstag, 24. auf Sonntag, 25. April 1982 geht sie weg. Letzter bekannter Ort: die Disco Paradisi Star in Pergine Valsugana. Sie tanzt dort mit ihrer Freundin Laura Pisetta. Gegen halb zwei nachts steigt sie in einen weißen Fiat Panda. Am Steuer ein Bekannter: Giuseppe Tommasino. Das ist das letzte Mal, dass jemand sie lebendig sieht.

Zuhause sagt sie nichts mehr.

Was danach kommt, ist das Protokoll eines langsamen Verschwindens.

9 Tage Schweigen

Am 5. Mai, zehn Tage später, geht nicht der Ehemann zur Polizei, sondern ihre Mutter. Bruna Bolognani. Elf Kinder hat sie großgezogen, sechs Töchter und vier Söhne. Germana ist eines davon. Sie betritt das Polizeipräsidium auf der Piazza Mostra.


Sie sagt zwei Sätze, die alles verändern. Meine Tochter hat mir von familiären Spannungen erzählt. Sie hat mir berichtet, dass ihr Mann Joints raucht und dass sie Angst hat, weil er versucht hat, sie zu erwürgen. Sie habe ein weißes Tuch um den Hals getragen. Nicht aus Mode. Um die blauen Flecken zu verbergen.

Der Ehemann kommt erst drei Tage nach der Schwiegermutter. Am 8. Mai. Er erzählt eine ganz andere Geschichte. Germana sei schon oft abgehauen. Ohne ein Wort. Das sei ihre Art. Er habe sie am 26. April angerufen. Ihre Antwort: Man holt mich ab, ich gehe weg. Ich weiß nicht, ob wir uns nochmal wiedersehen.

Am 9. Mai ruft er wieder bei der Schwiegermutter an. Diesmal: Er habe gehört, Germana sei in der Pizzeria Vesuvio in Trient allein beim Abendessen gesehen worden. Sie lebt also.

Am 13. Mai geht er zu seinem Chef Renato Baron und bittet um ein Darlehen. Er bekommt es. Dann lässt er sich krankschreiben. Am 21. Mai fährt er ans Meer. Nach Milano Marittima.

Die Postkarte

Genau aus diesem Ort kommt wenig später eine Postkarte an. Nicht an die Mutter. An die Freundin Laura Pisetta. Handschriftlich: „Mir geht es gut, und dir? Ich schreibe dir. Sprich mit Donata.“

Für Laura ist das ein Schock. Als dritte Person geht sie damit zur Polizei. Sie legt die Karte auf den Tisch und sagt: Das ist nicht ihre Schrift.

Die Ermittler lassen ein Schriftgutachten machen. Ergebnis: Die Unterschrift „Germana“ ist gefälscht. Die anderen Unterschriften auf der Karte, angeblich Freundinnen aus dem Urlaub, existieren nicht.

Die Polizei dreht die Logik um. Wer fährt ans Meer, wenn die Frau vermisst ist? Wer schreibt eine Postkarte aus genau diesem Ort?

Am 26. Juni sitzt Aldo Giovannini in einer Zelle im Gefängnis Via Pilati. Zwei Tage später, am 28. Juni, steht die Polizei den ganzen Nachmittag in Piedicastello. Sie durchkämmt die steilen Hänge des alten Italcementi-Steinbruchs, direkt unter der Bergstation der Sardagna-Seilbahn. Im dichten Bewuchs. Sie sucht eine Leiche. Sie findet nichts. Über den Fall wird Stillschweigen verhängt, aber am nächsten Tag steht in allen Zeitungen das Wort, das die Polizei nicht sagen wollte: Mord.



Der Prozess

Im Prozess wird Verteidiger Adolfo de Bertolini von der Anwaltskammer Trient versuchen, die Postkarte umzudeuten. Es sei ein Trick gewesen. Eine geniale Idee des Ehemannes, um die Schwiegereltern aus der Reserve zu locken. Er habe gehofft, sie würden dann verraten, wo Germana wirklich untergetaucht sei.

Er wird auch sagen: Giovannini ist nicht allein ans Meer gefahren, sondern mit seinem Freund Mariano Corn. Halten Sie es für möglich, dass ein Mörder in Anwesenheit eines Zeugen eine derartige Inszenierung aufzieht?

Und er wird sagen: Sie sei schon früher weggelaufen, die Familie habe sie immer versteckt.

Die Freundin Laura widerspricht vor Gericht. Sie habe Germana mehrfach mit Kratzern und Schrammen am Hals gesehen. Auch ihr habe sie anvertraut, dass der Ehemann versucht habe, sie zu erwürgen.

Was mit Germana Degasperi in der Nacht vom 24. auf den 25. April 1982 passiert ist, weiß bis heute niemand. Der Steinbruch blieb leer. Die Adria hat nichts ausgespuckt. Die Postkarte liegt in der Akte. Eine gefälschte Unterschrift aus einem Badeort, die seit 44 Jahren als letztes Lebenszeichen gilt – oder als erster Beweis für einen Mord.



Wie die italienischen True-Crime Podcasts „Il suono delle pagine“ und „Scomparsi“ 2022 und 2026 noch einmal aufrollten: Die Ermittlungen endeten 1997. Von Germana fehlt bis heute jede Spur.

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