Titelbild: Island, dram, kasaan media, 2026 Warum Island der EU den Rücken kehrt
Reykjavík. Island ist reich. Es hat sauberen Strom aus Geysiren, Touristen aus aller Welt und vor allem: Fisch. Und genau der ist der Grund, warum das Land seit über 20 Jahren nicht in die Europäische Union will.
Eigentlich war Island mal Beitrittskandidat. 2009 stellte das Land den Antrag. Die Verhandlungen liefen an. Doch 2013 zog die damalige Regierung die Notbremse und legte den Prozess „auf Eis“. Ein Nein auf Lebenszeit hat es nie gegeben. In der Praxis ist der Beitritt aber gestorben.
Der Kern des Streits ist sehr simpel und sehr isländisch. In der EU gibt es die Gemeinsame Fischereipolitik. Das bedeutet: Brüssel entscheidet, wer wie viel Fisch wo fangen darf. Die Fangquoten werden unter allen 27 Mitgliedern verteilt.
Für Island ist das ein No-Go. 60 Prozent aller Exporte des Landes sind Fisch und Meeresprodukte. Die Fischgründe vor der Küste sind die Lebensversicherung der Nation. Die Vorstellung, dass spanische oder französische Trawler in isländischen Gewässern mitfischen dürfen, löst in Reykjavík Panik aus. Souveränität über den Fisch bedeutet hier Souveränität über die Zukunft.
Der zweite Punkt ist das Essen. Island hat kaum Ackerland. Gemüse wächst im Gewächshaus, Lämmer laufen auf karger Weide. Um die heimische Landwirtschaft zu schützen, erhebt Island hohe Zölle auf Lebensmittelimporte. In der EU müsste das Land diese Schutzmauern einreißen. Die Folge: Billige Importe aus Europa würden die isländischen Bauern in den Ruin treiben. In einem Land, das ohnehin von Importen abhängig ist, ist Lebensmittelsicherheit ein rotes Tuch.
Und dann ist da noch die Größe. 390.000 Menschen leben auf Island. Weniger als in Frankfurt. Die Angst, in Brüssel in den Ausschüssen unterzugehen und Gesetze „per Fax“ vorgesetzt zu bekommen, sitzt tief. Schlechte Erfahrungen wie die Icesave-Krise nach der Finanzkrise 2008, als die Niederlande und Großbritannien Island verklagt haben, tun ihr Übriges.
Statt Vollmitglied zu sein, hat Island einen anderen Weg gewählt. Seit 1994 ist das Land Teil des Europäischen Wirtschaftsraums, des EWR. Das ist der Deal: Freier Zugang zum EU-Binnenmarkt für Waren, Dienstleistungen und Arbeitskräfte. Isländer dürfen in Berlin arbeiten, deutsche Touristen nach Reykjavík fliegen.
Im Gegenzug muss Island rund ein Viertel aller EU-Gesetze übernehmen. Nur ohne Stimmrecht. Dafür behält das Land die Kontrolle über Fisch und Landwirtschaft, darf die eigene Krone behalten und eigene Regeln machen.
Die Bevölkerung steht hinter diesem Kompromiss. Die Abstimmung zeigt: Mehr als 50 % der Isländer lehnen einen EU-Beitritt ab. Solange der Fischertrag stimmt und die Wirtschaft ohne Euro läuft, gibt es für die meisten keinen Grund, das zu ändern.
Für Island heißt das: Den Kuchen EU-Binnenmarkt essen, aber die Küche selbst behalten. Vor allem die Küche, in der der Fisch ausgenommen wird.
