Titelbid:kasaan media, 2026
mit ki
Vor fünfundzwanzig Jahren, an einem Dienstagvormittag im September, endete nicht nur ein Tag, sondern ein Lebensgefühl. Wer vor dem 11. September 2001 geflogen ist, erinnert sich noch daran. Man kam zwanzig Minuten vor Abflug zum Flughafen, man ließ die Schuhe an, der Laptop blieb im Rucksack, die Flasche Wasser in der Hand. Die Welt war offen, ein wenig naiv vielleicht, aber offen.
Dann stürzten die Türme und mit ihnen fiel etwas Unsichtbares. In den ersten Wochen danach herrschte Einigkeit, Trauer, Wut. Doch schon im Oktober 2001 wurde in Amerika der Patriot Act unterschrieben, ein Gesetz von über dreihundert Seiten, das in wenigen Wochen geschrieben wurde. Plötzlich durften Geheimdienste ohne Richterbeschluss telefonieren, E-Mails lesen, Bibliotheksausleihen einsehen. Es war als Notmaßnahme gedacht, befristet, außergewöhnlich. Nur die Befristung wurde dann jedes Mal verlängert.
Zwei Jahre später begann der Krieg im Irak, begründet mit einer Bedrohung, die es so nicht gab, und mit ihm kam die Normalisierung von etwas, das vorher undenkbar war. Dass man Menschen ohne Anklage jahrelang festhalten konnte, weit weg, auf einer Insel. Guantanamo wurde zu einem Wort, das man lernte, und dann irgendwann nicht mehr hinterfragte.
In Europa dauerte es etwas länger, aber die Richtung war die gleiche. Nach den Anschlägen von Madrid 2004 und London 2005 kam die Vorratsdatenspeicherung. Auf einmal sollten alle Verbindungsdaten aller Bürger gespeichert werden, wer wann mit wem telefoniert hatte. Das Bundesverfassungsgericht kippte es, dann kam es wieder, dann kippte es wieder. Aber der Gedanke war in der Welt, dass man jeden überwachen muss, um den einen zu finden.
2013 zeigte Edward Snowden, wie weit es schon gekommen war. Die NSA speicherte nicht nur Verdächtige, sondern alles. Prism, XKeyscore, das waren keine Verschwörungstheorien mehr, sondern Folien aus internen Präsentationen. Für zwei Wochen war die Empörung groß, dann ging das Leben weiter, nur mit dem Wissen, dass das Netz nie mehr das freie Netz von 2000 sein würde.
2015 nach Paris und Brüssel wurden in Frankreich Ausnahmezustände verhängt, die dann ins normale Recht überführt wurden. Hausdurchsuchungen ohne Richter, Handyortung ohne Anlass. In Deutschland kam nach dem Anschlag am Breitscheidplatz 2016 das neue BKA-Gesetz, die Videoüberwachung wurde massiv ausgebaut, Gesichtserkennung an Bahnhöfen getestet.
Dann kam Corona 2020 und zeigte, wie schnell sich eine Gesellschaft daran gewöhnen kann, Bewegungsprofile zu teilen, QR-Codes vorzuzeigen, Ausgangssperren zu akzeptieren. Niemand hatte das 2001 geplant, aber die Infrastruktur dafür, die rechtliche wie die technische, war seit 2001 aufgebaut worden.
Und heute, fünfundzwanzig Jahre später, stehen wir am Flughafen, ziehen die Schuhe aus, legen die Flüssigkeiten in einen Beutel, lassen uns scannen, zeigen den Ausweis an drei Stationen, und niemand findet das mehr seltsam. Wir haben gelernt, dass Sicherheit immer ein bisschen mehr Freiheit kostet, und haben dabei vergessen zu fragen, wann genug ist.
Die Freiheit endete nicht an einem Tag mit einem Knall. Sie ist leise verschwunden, Jahr für Jahr, immer mit einem guten Grund.
