Titelbid: Said Bahaji ©BKA
25 Jahre nach 9/11 – Der Buchhalter aus Haselünne und das letzte offene Rätsel von Hamburg
Morgen jährt sich der 11. September zum fünfundzwanzigsten Mal. Fast 3.000 Menschen starben an jenem Tag im Jahr 2001 in New York, Washington und Pennsylvania, als vier von Al-Qaida entführte Flugzeuge zu Waffen wurden. Die Welt hat sich seitdem verändert, die Sicherheitslage, das Fliegen, die Kriege im Nahen Osten. Was oft vergessen wird, ist, dass die Planung für diesen Tag nicht in den Bergen Afghanistans begann, sondern zu einem großen Teil in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung in Hamburg-Harburg.
Dort, in der Marienstraße 54, wohnte ab November 1998 eine Wohngemeinschaft, die später als Hamburger Terrorzelle in die Geschichte eingehen sollte. Mohammed Atta, der spätere Pilot von American Airlines Flug 11, Marwan al-Shehhi und Ramzi Binalshibh teilten sich die Wohnung. Und mitten unter ihnen war ein junger Mann aus dem Emsland, der nie selbst ein Flugzeug steuerte, aber ohne den die Logistik des Anschlags nicht funktioniert hätte. Said Bahaji, geboren am 15. Juli 1975 in Haselünne als Sohn einer deutschen Mutter und eines marokkanischen Vaters, war der Mann, der im Hintergrund die Kasse führte.
Bahaji war 1995 nach Hamburg gekommen, um Elektrotechnik an der Technischen Universität Hamburg-Harburg zu studieren. Er fand Anschluss in der Al-Quds-Moschee am Steindamm, wo der radikale Prediger Mohammed Fazazi predigte, und dort lernte er Atta und die anderen kennen. Schnell wurde er zum Vertrauten. Während Atta die ideologische Führung übernahm, kümmerte sich Bahaji um das, was jede Operation braucht, nämlich Geld, Wohnungen und Computer. Er führte Mietverhandlungen, besorgte die Rechner, über die später in den USA Flugschulen gebucht wurden, und verwaltete Konten, als seine Mitbewohner bereits nach Florida gegangen waren. Seine Rolle war unscheinbar und gerade deshalb zentral, weshalb die Ermittler des Bundeskriminalamts ihn später als den Buchhalter der Gruppe bezeichneten. Er heiratete 1999 in der Al-Quds-Moschee, Trauzeugen waren Atta, Binalshibh und al-Shehhi, und am 25. März 2001 wurde sein Sohn Omar in Hamburg geboren, zu einem Zeitpunkt, als der Plan für den 11. September bereits in der Endphase war.
Am 3. September 2001, nur acht Tage vor den Anschlägen, setzte sich Bahaji ab. Er flog von Hamburg über Istanbul nach Karatschi in Pakistan, erzählte seiner Mutter, er mache ein zweimonatiges Praktikum bei einer Computerfirma, nahm für eine Nacht ein Hotelzimmer und telefonierte noch einmal mit seinem engen Vertrauten Mounir al-Motassadeq in Hamburg.
Eine Woche später schlugen die Flugzeuge in das World Trade Center ein. In Briefen aus dem Jahr 2002 bestritt Bahaji gegenüber seiner Familie, von den Plänen gewusst zu haben, doch die Ermittler glaubten ihm nicht, zu exakt war der Zeitpunkt seiner Flucht. Kurz darauf soll er bereits in einem Al-Qaida-Lager in Afghanistan gesehen worden sein.
Danach begann eine jahrelange Flucht durch das afghanisch-pakistanische Grenzgebiet. Unter dem Kampfnamen Abu Zuhair lebte er abgeschottet, es gab nur noch vereinzelte Lebenszeichen, ein Telefonat mit seiner Frau im November 2003, ein weiteres mit seiner Mutter im Herbst 2005, dann lange nichts. Erst im Jahr 2010 tauchte wieder eine Spur auf, als der in Wien festgenommene deutsch-syrische Dschihadist Rami Makanesi dem BKA berichtete, er habe Bahaji im Mai 2010 in Mir Ali in Nord-Wasiristan getroffen, gezeichnet von Kämpfen gegen US-Truppen und seit einer Verletzung hinkend. Das ist der letzte wirklich überprüfbare Kontakt, den deutsche Sicherheitsbehörden als glaubwürdig einstufen.
Was danach mit ihm geschah, weiß bis heute niemand mit Sicherheit. Im Jahr 2017 verbreiteten dschihadistische Kanäle die Nachricht, Bahaji sei bereits im Jahr 2013 bei Kämpfen oder einem Drohnenangriff in der Region Idlib an der syrisch-türkischen Grenze ums Leben gekommen. Deshalb führen manche Verzeichnisse ihn heute als von 1975 bis 2013. Einen offiziellen Beweis dafür gibt es jedoch nicht, keine Leiche, keine DNA-Analyse, keine Sterbeurkunde, keine Bestätigung durch eine westliche Behörde. Genau deshalb führt ihn das Bundeskriminalamt bis heute mit internationalem Haftbefehl als flüchtig.
Und so bleibt Said Bahaji 25 Jahre nach den Anschlägen das letzte offene Rätsel der Hamburger Zelle. Atta, al-Shehhi und Ziad Jarrah starben am 11. September, Ramzi Binalshibh sitzt seit 2006 im US-Gefangenenlager Guantanamo, Mounir al-Motassadeq verbüßte seine Haft in Deutschland und wurde 2018 nach Marokko abgeschoben. Nur über Bahaji gibt es keinen Schlussstrich. Man weiß nicht, ob er noch lebt oder nicht. Er ist der Mann, der nie eine Waffe in die Hand nahm, aber die Überweisungen tätigte, die aus Studenten Terrorpiloten machten, und dessen Schicksal bis heute im Ungewissen liegt, irgendwo zwischen den Bergen Wasiristans und den Gerüchten des syrischen Bürgerkriegs.
