Damals USA

Ein Vierteljahrhundert nach 9/11 sind viele Fragen offen

Titelbid: Michael Foran Brennende Zwillingstürme Wikipedia 2.0

25 Jahre nach dem 11. September – Warum der Fall bis heute nicht geschlossen ist

Fünfundzwanzig Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 sind die Bilder noch immer unvergessen, doch abgeschlossen ist die Geschichte bis heute nicht. Offiziell ist geklärt, dass das Terrornetzwerk Al-Qaida unter Osama bin Laden für die Entführung der vier Flugzeuge und den Tod von fast 3000 Menschen verantwortlich ist. Doch je mehr Akten freigegeben werden, desto drängender wird die Frage nach den Helfern im Hintergrund, dem Versagen davor und der Rolle der Großmächte, die das Umfeld für Al-Qaida erst geschaffen haben.

Die größte offene Baustelle ist die mögliche Verbindung nach Saudi-Arabien. Fünfzehn der neunzehn Attentäter waren saudische Staatsbürger. Seit Jahren steht ein Mann im Mittelpunkt, der in der neuen ARD-Recherche „Staatsgeheimnis 9/11 – Die Saudi-Connection“ zum 25. Jahrestag erneut in den Fokus rückt: Omar al-Bayoumi. Der Saudi lebte in San Diego und nahm die beiden späteren Attentäter Nawaf al-Hazmi und Khalid al-Mihdhar nach ihrer Ankunft in den USA unter seine Fittiche, besorgte ihnen Wohnung, Geld und Kontakte. Das FBI selbst schrieb in internen Papieren, Bayoumi könnte ein Agent des saudischen Geheimdienstes gewesen sein, und er hatte enge Kontakte zur saudischen Botschaft. Riad bestreitet bis heute jede Beteiligung. Die Familien der Opfer verklagen Saudi-Arabien seit über zwanzig Jahren in New York, viele der entscheidenden Dokumente sind bis heute geschwärzt.

In diesem Zusammenhang taucht immer wieder die Frage auf, ob nicht auch Amerikaner oder Russen Al-Qaida beeinflusst haben, diese Anschläge zu begehen. Einen belastbaren Beweis, dass Washington oder Moskau die Anschläge beauftragt oder gesteuert haben, gibt es bis heute nicht, aber die Vorgeschichte ist kompliziert. Die amerikanische Spur führt nach Afghanistan in die achtziger Jahre. Damals finanzierte die CIA über Pakistan mit Milliardenbeträgen die Mudschaheddin im Kampf gegen die sowjetische Besatzung. Osama bin Laden war zu dieser Zeit als junger Saudi in Pakistan unterwegs und sammelte Geld für arabische Freiwillige. Nach allen freigegebenen Akten hat die CIA ihn nicht direkt finanziert, sondern die Gelder liefen über den pakistanischen Geheimdienst ISI an afghanische Warlords. Aus dem Umfeld der arabischen Freiwilligen entstand 1988 Al-Qaida. Die USA haben also das Biotop mitgeschaffen, in dem Al-Qaida wachsen konnte, haben die Gruppe aber nicht gegründet und ab 1996 war Bin Laden ein erklärter Feind Washingtons, der den USA den Krieg erklärte. Die russische Spur liegt anders. Russland hat Al-Qaida wegen des Krieges in Tschetschenien immer als Bedrohung gesehen und nie unterstützt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gelangten zwar Waffen und Know-how auf den Schwarzmarkt, aber für eine Steuerung durch Moskau gibt es keine Belege. Was es gab, war die sofortige politische Nutzung: Wladimir Putin war am 11. September der erste Staatschef, der George W. Bush anrief und Unterstützung im gemeinsamen Kampf gegen den Terror anbot, um im Gegenzug freie Hand in Tschetschenien zu bekommen.

Warum sich die These von der Steuerung trotzdem so hartnäckig hält, liegt an zwei Faktoren. Erstens an den bekannten Versäumnissen der US-Geheimdienste. Die CIA wusste seit 2000, dass zwei spätere Attentäter bei einem Al-Qaida-Treffen in Malaysia waren, das FBI hatte Warnungen über arabische Flugschüler, die nur das Fliegen, aber nicht das Landen lernen wollten. Diese Informationen wurden nie zusammengeführt. Der Untersuchungsbericht von 2004 sprach von einem Versagen der Vorstellungskraft, für viele sieht das aber nach Absicht aus. Zweitens nach dem Prinzip, wem nützt es. Nach 9/11 bekamen die USA einen Grund für den Krieg in Afghanistan und für die massive Ausweitung der Überwachung durch den Patriot Act. Das verleitet zu dem Schluss, die Regierung habe den Anschlag selbst gewollt. Alle großen Untersuchungen haben dafür jedoch keinen Beweis gefunden.

Damit hängt auch die dritte offene Frage zusammen, warum es bis heute kein Urteil gibt. Der mutmaßliche Hauptplaner Khalid Sheikh Mohammed sitzt seit 2003 in amerikanischem Gewahrsam und seit 2006 in Guantanamo. Ein Prozess sollte schon 2008 beginnen, hat aber bis zum 25. Jahrestag 2026 immer noch nicht stattgefunden, weil die CIA ihn gefoltert hat und die so gewonnenen Beweise vor Gericht kaum verwertbar sind. Der Beginn ist inzwischen für 2028 angesetzt.

Währenddessen steigt die Zahl der Opfer weiter, nicht durch einen neuen Anschlag, sondern durch die Spätfolgen. Mehr als 9000 Rettungskräfte und Helfer, die im giftigen Staub von Ground Zero gearbeitet haben, sind in den Jahren danach an Krebs und Lungenerkrankungen gestorben. Ihre Zahl übersteigt inzwischen die der direkten Todesopfer am Tag selbst.

So bleibt nach einem Vierteljahrhundert das gleiche Muster: Der Kern des Anschlags ist aufgeklärt, aber die Ränder fransen aus. Wer genau geholfen hat, warum die Warnsysteme versagten, wer vom Krieg danach profitierte und warum der Rechtsstaat es nicht schafft, einen Abschluss zu finden, das sind die Fragen, die auch 25 Jahre danach noch offen sind.

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