Was wird uns in Deutschland zur Plage und was machen wir mit den Tieren, die immer mehr werden
Wenn man heute in Deutschland von einer Plage spricht, meint man selten eine einzige Art, sondern ein ganzes Bündel an Tieren, die durch Klimawandel, fehlende Fressfeinde und eine Landschaft, die wir Menschen ihnen perfekt hergerichtet haben, plötzlich in einer Zahl auftreten, die das Gleichgewicht kippen lässt. Und ja, die Populationen schwellen nicht ab, sie schwellen an, Jahr für Jahr.
An erster Stelle steht für viele Jäger und Stadtbewohner der Waschbär. Er kam 1934 aus zwei ganz banalen Gründen zu uns, zwei Tiere wurden am Edersee in Hessen für die Pelzjagd ausgesetzt und 1945 entkamen in Wolfshagen bei Berlin etliche Tiere aus einer Pelzfarm nach einem Bombentreffer.
Heute schätzt man den Bestand bundesweit auf über zwei Millionen Tiere, mit Schwerpunkt in Hessen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt. In Kassel lebt die höchste Waschbärdichte Europas, in Berlin durchkämmen sie nachts die Mülltonnen in Neukölln und Prenzlauer Berg. Der Waschbär ist intelligent, er lernt innerhalb von Stunden, wie man Dachziegel anhebt, er räumt Nistkästen aus, frisst die Gelege seltener Vogelarten wie dem Uhu, überträgt den Waschbärspulwurm und dringt in Häuser ein. Was kann man tun. Die Jagd allein hat versagt, obwohl mittlerweile über 200.000 Tiere pro Jahr geschossen werden, die Population wächst trotzdem weiter, weil Waschbären bei hohem Jagddruck mehr Junge werfen. Wildbiologen fordern deshalb ein Management, das über den Abschuss hinausgeht, nämlich eine konsequente Sicherung von Häusern, das Verschließen von Mülltonnen mit Bügeln, das Aufgeben von leicht zugänglichem Katzenfutter im Garten und eine gezielte Bejagung in Schutzgebieten, nicht flächendeckend, sondern dort wo bodenbrütende Vögel bedroht sind.
Das zweite große Reizthema ist der Wolf. Er war 150 Jahre ausgerottet, seit 2000 ist er zurück aus Polen und heute leben wieder über 180 Rudel in Deutschland, vor allem in Niedersachsen, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Für den Naturschutz ist das ein Erfolg, für Weidetierhalter ist es eine existenzielle Bedrohung. 2023 wurden über 4.000 Nutztiere gerissen, trotz Zäunen. Die Politik steckt in einer Sackgasse, der Wolf ist nach EU-Recht streng geschützt, darf nur in absoluten Ausnahmefällen entnommen werden, gleichzeitig steigt der Druck aus der Landwirtschaft, weil Herdenschutz mit 1,20 Meter hohen Elektrozäunen und Herdenschutzhunden teuer ist und in der kleinparzellierten Landschaft Mitteldeutschlands oft nicht funktioniert. Was kann man tun. Die Lösung liegt nicht in der Wiederausrottung, die rechtlich unmöglich und ökologisch fatal wäre, sondern in einem gestuften Management, wie es Schweden und Frankreich vormachen. Basis-Schutz für alle Wölfe, schneller Abschuss von Problemwölfen, die mehrfach Zäune überwinden, hundertprozentige Erstattung der Schutzmaßnahmen für Schäfer und eine Konzentration der Hilfen auf die Deich- und Heidegebiete, wo Beweidung unverzichtbar ist.
Die dritte Plage, die jeder kennt, der am Stadtrand wohnt, ist das Wildschwein. Deutschland hat heute mehr Wildschweine als jemals zuvor in seiner Geschichte, geschätzt über eine Million Tiere. Maisäcker, die bis in den November stehen, milde Winter und das Ausbleiben strenger Fröste haben ihnen ein Schlaraffenland geschaffen. In Berlin gibt es mittlerweile über 10.000 Tiere, die durch die Vorgärten von Zehlendorf ziehen, in München wühlen sie Friedhöfe um. Sie übertragen die Afrikanische Schweinepest, die seit 2020 in Brandenburg und Sachsen grassiert und die Hausschweinbestände bedroht. Was kann man tun. Die Jagdstrecken sind mit über 800.000 erlegten Tieren pro Jahr auf Rekordniveau, aber das reicht nicht, weil Wildschweine intelligent sind und bei starker Bejagung nachtaktiv werden. Gefordert sind deshalb revierübergreifende Drückjagden im Winter, das Verbot des Kirrens mit Mais in Seuchengebieten und vor allem eine Änderung der Landwirtschaft, weniger Maismonokulturen, mehr Bejagungsschneisen und eine konsequente Entsorgung von Essensresten in Städten, damit die Tiere nicht lernen, dass die Stadt ein Futterautomat ist.
Darunter liegt eine zweite, leisere Plage, die erst jetzt sichtbar wird. Die Nutria, die aus Südamerika stammende Biberratte, gräbt mit ihren Bauten Deiche und Uferböschungen an, allein in Nordrhein-Westfalen hat sich ihr Bestand in zehn Jahren verzehnfacht. Die Nilgans, eigentlich ein Ziervogel aus Afrika, verdrängt heimische Enten und verteidigt aggressiv ihre Brutplätze in Parks. Die Asiatische Hornisse, seit 2019 in Deutschland etabliert, frisst in Baden-Württemberg ganze Honigbienenvölker leer. Die Tigermücke, die mit dem Klimawandel aus Südeuropa nach Freiburg und Heidelberg eingewandert ist, kann Dengue und Zika übertragen.
Was man mit all diesen Tieren machen kann, ist nicht mit einer Methode zu beantworten, sondern nur mit einem Paradigmenwechsel. Wir müssen aufhören, sie nur als Schädling zu sehen, den man weg schießt, und anfangen, sie als Folge unseres eigenen Handelns zu managen. Das bedeutet beim Waschbären und beim Wildschwein das Schließen der Nahrungsquellen in der Stadt, beim Wolf das ehrliche Eingeständnis, dass Herdenschutz Geld kostet und dieses Geld aus Steuermitteln kommen muss, wenn wir Wölfe wollen, bei den invasiven Arten wie Nutria und Nilgans eine konsequente, frühe Entnahme, bevor sie sich etablieren, und bei den neuen Insekten eine Meldepflicht und Monitoring durch die Gesundheitsämter. Die Tiere werden nicht weniger werden. Die Frage ist nur, ob wir lernen, mit ihnen zu leben, bevor sie uns wirklich zur Plage werden.
