Titelbild: Beispielbild PixabayFall Jette – Wenn Mitgefühl zur Meute wird
Es hat keine 48 Stunden gedauert bis aus einem toten Hund in Pößneck ein bundesweiter Skandal, eine Demo und eine digitale Hinrichtung wurden.
Der Name ist Jette. Eine Kangal-Mischlingshündin. Und der Fall ist so grausam, dass man ihn kaum aushält. Laut den Ermittlungen, die in den sozialen Netzwerken tausendfach geteilt wurden, soll die Hauptbeschuldigte Anna G. 21 und ihr Ex-Partner David S. 41 der Hündin über eine Woche hinweg Spülmaschinentabs, Ibuprofen und Insulin verabreicht haben.
Während Jette qualvoll am Boden lag und Blut spuckte, sollen die Täter Fotos gemacht und das Tier in Chats verspottet haben. Am Ende wurde sie an einem Strick an der Küchentür erhängt.
Der Kadaver wurde exhumiert. Die Verdächtigen haben gestanden. Das steht so in den Posts und wurde auch von Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigt.
Und genau hier hätte Rechtsstaat anfangen müssen. Stattdessen fing das Internet an.
Es begann mit Entsetzen und Trauer. „Ihr Opfer: Jette“ steht auf einem Bild, auf dem der Hund zusammengerollt auf seinem Bett liegt. „R.I.P. Jette – Ein schlimmster Fall von Tierquälerei!“ heißt es in einem anderen Video.
„Liebe Jette auch wenn wir uns nicht kannten“ schreibt jemand dazu. Das ist menschlich. Das ist verständlich. Aber es blieb nicht dabei.
Sehr schnell wurden aus Beschuldigten „Monster“. Auf einem Screenshot mit 251 Likes steht groß über dem Gesicht eines Mannes: „Das Monster: David Schröter“. Ein anderer Post zeigt eine junge Frau am Handy und darüber die Schlagzeile: „Das Böse hat seine Hand nach diesen Welpen ausgestreckt“.
Darunter der Kommentar: „Dieses Monster wollte doch tatsächlich weitermachen“. Die Namen Anna Leistner und David Schröter aus Pößneck wurden nicht nur genannt. Sie wurden an die Wand genagelt. „Anna Leistner und David Schröter aus Pössneck quälten die arme Hündin ‚Jette‘ bestialisch bis sie sterben musste“ steht da, und der Aufruf: „an alle Tierschutz-vereine und Tierheime: keinen Hund an diese Person abgeben“.
Die Rolle der selbsternannten Tierschützer ist dabei entscheidend. Der Fall kam nach eigener Darstellung durch den Tierschützer Alexander Frick von „Alex Löwenherz“ ans Licht, dem geleakte Chat-Verläufe und Videos zugespielt worden sein sollen. Plötzlich wurde aus Ermittlungsarbeit Content.
„Der Fall Jette hat viele Menschen bewegt“ sagt Alex Löwenherz in die Kamera, 8569 Likes. „Öffentlichkeit wirkt“ steht über einem Screenshot vom Presseportal. Und er hat recht. Die Öffentlichkeit wirkte. So stark, dass der Arbeitgeber LTI Pößneck ein Statement rausgeben musste. „MITARBEITER BEURLAUBT“ prangte es in der Hundezeitung.
„Wir distanzieren uns ausdrücklich von solchen Taten“ hieß es und die Bitte um „faire Diskussion“. Zu spät. Die Meute war schon losgelaufen.
Was folgte war die vollständige Emotionalisierung und Instrumentalisierung. Aus Jette wurde eine Marke. „DER FALL JETTE EINE HÜNDIN. EIN LEIDEN. EIN SKANDAL. GANZ DEUTSCHLAND IST ERSCHÜTTERT!“ steht auf einer Collage mit 35 Likes. „JEDER MUSS DAS SEHEN! DER FALL JETTE ERSCHÜTTERT DEUTSCHLAND“. Es gab Mahnwachen, auf einem Video sieht man hunderte Menschen auf einem Marktplatz. „GEMEINSAM EIN ZEICHEN GEGEN TIERQUÄLEREI“ stand auf dem Plakat.
„WIR FORDERN: HARTE STRAFEN FÜR TIERQUÄLER“ war der Tenor. „So viel Wut und Traurigkeit auf einmal. Teilen so was gehört so hart bestraft!!!!“
Zwischen all der berechtigten Wut verschwimmen die Grenzen. Aus „Täter“ werden „Monster“. Aus einem Fall wird „Ein Beispiel wie es überall passiert. Jeden Tag!“. Aus Trauer wird Druck. „Wir fordern“ steht da, nicht „Wir hoffen auf ein faires Verfahren“.
Und die Algorithmen danken es. 17292 Likes für ein Video von der Mahnwache. 4661 Likes für „Zitat von Pfoten ohne Namen- für Jette“.
Das perfide ist, dass niemand widerspricht wenn es um das Leid von Jette geht. Das Leid war real. Aber die Methode, die danach kam, hat mit Tierschutz nichts mehr zu tun. Das ist Selbstjustiz im Namen der Tiere. Namen veröffentlichen, Fotos teilen, Arbeitgeber bloßstellen, nach dem nächsten Hund suchen den „Anna“ angeblich wollte. „Jette war nicht die Einzige. Sie war nur diejenige, deren Leid wir gesehen haben“ heißt es. Vielleicht stimmt das. Vielleicht auch nicht. Aber entschieden wird das nicht mehr vor Gericht, sondern in den Kommentaren.
Jette hatte keine Stimme mehr. Das stimmt. Aber ob sie wirklich eine Stimme bekommt, wenn ihr Name für Klicks, für Demos und für „Höchststrafen“ missbraucht wird, darf man bezweifeln. Am Ende bleibt ein toter Hund. Zwei Menschen, die schuldig sind. Und ein Internet, das sich selbst für den Richter hält.
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