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Thessaloniki, Makedonia Palace Hotel, 3. Oktober 1990 – Tag der Wiedervereinigung
Ich bin im Makedonia Palace Hotel in Thessaloniki. Heute ist die Wiedervereinigung Deutschlands. CNN hat nichts anderes zu tun, als über die Feier zu berichten.
Im griechischen Radio läuft es in Dauerschleife. Der einfache Mann auf der Straße, der an diesem Mittwoch zur Arbeit geht, hat Angst vor den nächsten deutschen Soldaten, die kommen und Thessaloniki besetzen. Ich bin überwältigt von der Dimension des Ereignisses.
Doch das war ich schon mit der Flüchtlingswelle in Prag und im Palais Lobkowitz.
Der größte Campingplatz Europas. Einige Trabants und Wartburgs haben es bis nach Griechenland geschafft. Manchmal sieht man sie, die die durchfahren bis Igoumenitsa oder Patras, um auf die Fähre zu kommen nach Bari oder Ancona.
Sie wissen nicht, was die Menschen Hans-Dietrich Genscher zu verdanken haben, dem niemals müden Außenminister der Bonner Republik. Die Bonner Republik allerdings ist seit heute auch ein Auslaufmodell, es ist nur eine Frage der Zeit, bis Berlin wieder Hauptstadt eines Landes wird, das sich selbst neu erschaffen hat.
Genscher, der richtige Mann am zweifellos richtigen Ort.
Am Ende war es auch den Tschechen zu viel, was da in Ostberlin an völliger Ignoranz der Betonkopfkommunisten geplant wurde. Die Einfahrt der Züge in den Dresdner Bahnhof sprachen für sich selbst. Volksaufstand pur.
Die Dunkelheit brachte in den Straßen Dresdens Licht in die Sache.
Zum Schmunzeln bringen mich die findigen Köpfe, die es schafften, die Fluchtwege aus der DDR unter den Augen der Stasi wie eine Schatzkarte zu verkaufen.
Die volle Liste der Fluchtmöglichkeiten, einschließlich der Route Bulgarien – Türkei soll 500 Mark (Ost) vor einem Jahr gekostet haben und sich aus Informationen über Postkarten und Briefe genährt haben. Das erzählte mir ein junger Mann, der hier in der für DDR-Bürger real existierenden „Südsee“ jetzt erst einmal Urlaub macht.
Nun sitzt er da mit dem Rucksack seines Vaters und handelt mit dem Wirt des Cafés über die 100 Drachmen für den Café Nes.
In der Nähe des Generalkonsulats der Bundesrepublik verrotten ein paar Fahrzeuge aus der DDR.
Der Balkan wird bedrohlich unruhig. Rumänien brodelt und die Deutschen feiern. Ich bin gespannt auf die Reden der Politiker, die sich heute Abend in Berlin versammeln werden.
Ich sehe, dass eine Zeit des Friedens über Deutschland kommt. Das habe ich nicht mehr geglaubt. Deutschland wirkt nach Kaiser und Nazi-Diktatur geläutert.
Und gleichzeitig traue ich dem Frieden nicht. Selbst ich nicht, weil es einfach so ist.
Ich frage mich: Ist es möglich, die Stasi und die SED in die Bundesrepublik zu integrieren? Man kann doch nicht einfach einen ganzen Apparat integrieren. Verschwindet das Böse nur, weil ein Vertrag unterschrieben wird?
Das war bei den Nazis auch so.
Die verschwanden nicht einfach so.
Der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland.
Dieser Abgeordnete in Ostberlin hat Recht, die DDR verschwindet.
Gott sei Dank, es war eine weitere seltsame Diktatur auf deutschem Boden.
Honeckers hier, Mielke dort, Kessler in der Mitte mit Orden für nichts.
Westwaren in Wandlitz für die, die Wasser predigten aber Wein nur aus dem Westen tranken.
Auferstanden aus Ruinen haben sie die Nationalhymne von Kurt Eisler völlig falsch interpretiert, diese Gauner der SED.
Ich habe den Eindruck, dass eine Volksabstimmung in beiden deutschen Staaten keine Mehrheit für eine Wiedervereinigung gefunden hätte. Hätte man die Leute wirklich gefragt, hätten beide Seiten nein gesagt.
Nach der Währungsunion sah das schon anders aus. Kein Begrüßungsgeld mehr, sondern harter Kapitalismus. Das spüren die Bürger der DDR heute schon.
Hier in Griechenland ist das tägliche Soap Theater Papandreou – Mitsotakis. Jeden Tag das Gleiche. Die Wirtschaft liegt am Boden. Eigentlich existieren nur noch die Cafés. Alles andere steht still.
Für morgen oder übermorgen wird irgendein weiterer Generalstreik in Aussicht gestellt.
Ich sitze hier zwischen deutschem Frieden und griechischem Streik und weiß nicht, was kurioser ist.
Ich gehe zum Park am Weißen Turm und frage mich, was die Menschen in den nächsten Generationen darüber denken werden.
Zumindest ist es noch warm und die Möwen kreisen über der Tangente, die vor dem Hotel verläuft. Die Müllabfuhr kommt nur noch sporadisch, so bleibt für die Vögel der Unrat übrig.
