Titel-Bild: Wolfgang Simmelinger
Die Schildkröte vom Oberrhein
KARLSRUHE. Wer an Schildkröten denkt, denkt an die Galapagos-Inseln, an das Mittelmeer, vielleicht an ein Terrarium im Kinderzimmer. Kaum jemand denkt an Baden-Württemberg. Und doch paddelt mitten in Süddeutschland ein Tier durch die Altarme des Rheins, das älter ist als jede Vorstellung von Deutschland.
Es ist die Europäische Sumpfschildkröte, Emys orbicularis. Schwarz mit gelben Punkten, so groß wie eine Hand, scheu wie ein Reh. Sie ist die einzige Schildkrötenart, die hier wirklich heimisch ist. Früher war sie in ganz Mitteleuropa zu Hause, die Menschen aßen sie in der Fastenzeit, weil sie als Fisch galt. Dann verschwanden die Sümpfe, die Flüsse wurden begradigt, die Wiesen trockengelegt. In den siebziger Jahren erklärte man sie in Deutschland für ausgestorben.
Nur ist sie nicht ausgestorben. In den letzten Refugien am Oberrhein, in den verwilderten Donauauen bei Günzburg und in ein paar vergessenen Tümpeln in der Oberrheinebene hat sie überlebt. Seit mehr als zwanzig Jahren versuchen Naturschützer, sie zurückzubringen. In Auffangstationen bei Karlsruhe werden Eier ausgebrütet, Jungtiere aufgezogen und nach zwei Jahren ausgewildert. Wer sie sehen will, braucht ein Fernglas und viel Geduld. An einem warmen Apriltag liegt sie auf einem im Wasser treibenden Baumstamm, tankt Sonne und verschwindet beim leisesten Knacken eines Zweiges.
Was der Spaziergänger dagegen täglich sieht, ist eine andere Geschichte. Im Grüneburgpark in Frankfurt, auf dem Weiher im Schlossgarten Stuttgart, im Englischen Garten in München sonnen sich aufgereiht wie bunte Boote die fremden Verwandten. Rotwangenschildkröten aus Mississippi, Gelbbauch-Schmuckschildkröten aus Florida. Als daumengroße Babys für fünf Mark im Zoogeschäft gekauft, als teller-große, dreißig Jahre alt werdende Reptilien im nächsten See ausgesetzt. Die Behörden schätzen, dass allein in den Frankfurter Parkseen mehrere hundert Tiere leben. Sie haben gelernt, unsere Winter zu überstehen. Sie sind robust, gefräßig und verdrängen die heimische Art.
Die Europäische Sumpfschildkröte ist daher nicht nur ein Tier, sondern ein Test. Sie zeigt, ob wir bereit sind, einer unscheinbaren, alten Bewohnerin wieder Platz zu geben zwischen Badesee, Radweg und Maisacker. Die ausgesetzten amerikanischen Cousins zeigen dagegen, wie schnell eine gut gemeinte Kindheitsliebe zum Problem für die Natur werden kann. Wer also das nächste Mal eine Schildkröte in Süddeutschland sieht, sollte zweimal hinsehen. Es könnte eine echte Überraschung sein.
