Afrika Romance Scam (Deutsch)

„Die Schande Afrikas“ 7 Jahre danach Teil 2

Titelbild: Louis Abou, Abidjan, Beispielfoto, Pixabay

Die Schande Afrikas Teil 2: Sieben Jahre später – derselbe Chat, dieselbe Stimme, neue Opfer


Vor sieben Jahren stand auf dieser Seite ein Artikel mit dem Titel „Die Schande Afrikas“. Es ging um Chats aus Anyama und Abidjan, später aus Bouaké.
Es ging um Männer und Frauen, die über Monate eine Beziehung am Handy führten, nur um am Ende nach Geld zu fragen. Damals schrieben viele Leser, das könne doch nicht wahr sein, so dreist könne niemand lügen.
Heute, im Jahr 2026, liegt der Redaktion ein neuer Chatverlauf vor. Er wurde vom Nutzer lutz232 auf TikTok veröffentlicht. Und wer die Zeilen von damals neben die Nachrichten von heute legt, dem bleibt der Atem stehen. Es ist dasselbe Skript. Dieselben Sätze. Dieselbe Kälte hinter den Worten. Nur die Kulisse hat sich verändert.

Die Frau, die in den neuen Chats schreibt, nennt sich Tanya Tate. Sie erzählt von einem Leben in der Pornobranche, von Verträgen, von Zwang. Sie schickt Fotos. Auf einem trägt sie einen großen roten Teddybär, auf den mit goldenen Buchstaben der Name „Lutz-Ulrich“ gestickt ist. Auf einem anderen steht sie vor einem Geldautomaten. In einem Video spricht sie Deutsch und sagt, es sei ein kurzer Gruß, nur für ihn. Sie erzählt von einem Boxerhund namens Millie, der im September 2024 gestorben sei. Sie schreibt, wie sehr sie sich nach Nähe sehne, wie sehr sie sich eine Zukunft vorstelle, in der man gemeinsam lachen und reisen könne.

Am Anfang ist alles leicht. Man schreibt jeden Tag. Man teilt kleine Dinge. Man lacht über Tippfehler. Man plant, sich zu treffen. Und dann kommt der Bruch.


Die Tanya, so die Geschichte, stecke in einem Vertrag fest. Die Firma, für die sie arbeite, lasse sie nicht gehen. Es gebe eine Klausel. Wer aussteigen wolle, müsse zahlen. Die Summe sei hoch. 7000 Euro. Aber es sei die letzte Hürde. Danach sei sie frei. Danach gehöre sie nur noch dem Mann am anderen Ende des Handys.

Wer diesen Moment kennt, weiß was jetzt passiert. Das Opfer fängt an zu rechnen. Ist das viel Geld? Ja. Aber ist es das wert, wenn am Ende ein Mensch gerettet wird? Und die Tanya im Chat macht es einem leicht. Sie dankt. Sie weint. Sie schreibt, dass ihr Leben nicht mehr als 7000 Euro wert sei. Sie schreibt, dass sie sich zurückziehen werde, wenn man ihr nicht helfe. Und sie schreibt, dass sie alles zurückzahlen werde, mit Zinsen, mit Liebe, mit allem was sie habe.

Wenn dann Zweifel kommen, und die kommen immer, wechselt der Ton. Plötzlich ist da jemand, der sagt, man solle der Polizei nicht glauben. Die Kriminalpolizei erfinde Lügen, um einen zu verunsichern. Es gebe keinen Betrug. Es gebe nur böswillige Menschen, die das Glück nicht gönnten.


Die Tanya beteuert, sie sei wirklich die echte Tanya Tate, eine Pornodarstellerin, aber keine Betrügerin. Man solle es allen sagen. Man solle stark sein. Man solle das Geld überweisen, damit alles freigegeben werden könne.

Telefonieren geht nicht. Das wird begründet mit Überwachung. Die Chefs der Pornofirma würden jedes Auslandsgespräch mithören. Deshalb müsse man schreiben. Wenn das Opfer hartnäckig bleibt und nach einem anderen Telefon fragt, wird ausgewichen. Es sei zu gefährlich. Man müsse warten.

In den Unterlagen, die lutz232 gesichert hat, taucht ein Dokument auf. Es sieht offiziell aus. Oben steht Pornhub. Darunter „Certificate of Termination of Contract“. Darin wird bestätigt, dass eine Vertragsauflösung 7000 Euro koste. Das Papier soll beweisen, dass alles rechtens ist. Es ist eine Fälschung. Aber es wirkt.

Und dann die Konten. Zuerst wird ein französisches Konto genannt. LYDIA SOLUTIONS in Lille. Der Name darauf lautet Tanya Tate. Die Überweisung kommt zurück. Konto gesperrt. Sofort ist eine neue Kontonummer da. Diesmal in Deutschland. Bei einer Sparkasse. Der Name ist ein anderer. Der Verwendungszweck soll unauffällig sein. „Hilfe auf dem Konto“ steht da. Den eigenen Namen solle man nicht angeben. Wer die Chats von 2019 kennt, erinnert sich. Damals ging es genauso. Erst Deutschland, dann Frankreich, am Ende Mobilgeld in der Elfenbeinküste. In einem der alten Protokolle stand wörtlich, man solle Elfenbeinküste wählen, weil das Geld von der Nummer eines Agenten dort empfangen werde.



Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Geschenke. Ein Blumenstrauß. Ein Foto mit der Unterschrift „Beweis meiner Aufrichtigkeit“. Ein Teddybär. Und es gibt Sätze, die sich einbrennen. „Ich habe bei meinem Sohn geschworen.“ „Benehmen Sie sich wie ein Mann.“ „Bringe in Ordnung, was du angerichtet hast.“ Es ist Erpressung, verpackt als Bitte. Es ist Drohung, verpackt als Liebe.

Am deutlichsten wird es an einer Stelle, an der einer der Chatpartner selbst die Maske fallen lässt. Er schreibt, die Leute würden ihre wahren Identitäten nicht preisgeben, weil sie wüssten, dass bereits rechtliche Schritte eingeleitet worden seien. Er bietet an, echte Daten zu schicken. Für eine gemeinsame Racheaktion. Das ist kein Missverständnis mehr. Das ist ein Geständnis.

Die Fotos, die in den Chats benutzt werden, gehören einer echten Frau. Tanya Tate ist eine britische Darstellerin. Sie weiß vermutlich nichts von diesen Nachrichten. Ihre Bilder werden gestohlen, ihr Name wird missbraucht, ihre Geschichte wird verdreht. Die Kontoinhaber in Deutschland und Frankreich, deren Namen in den Nachrichten auftauchen, sind sehr wahrscheinlich ebenfalls Opfer. Ihre Daten wurden gestohlen und für die Geldwäsche benutzt.

Warum erzählen wir das alles noch einmal? Weil es sich lohnt, die beiden Zeitpunkte zu vergleichen. 2019 war die Geschichte eine andere. Damals ging es um die Ausreise aus Afrika. Um ein Visum. Um einen kranken Verwandten. 2024 ist es ein Pornovetrag. Die Begründung ändert sich. Die Technik ändert sich. Früher war es WhatsApp, heute ist es TikTok und Telegram. Aber der Kern bleibt. Es geht um Zeit. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen bis der andere nicht mehr klar denken kann. Es geht darum, Scham zu erzeugen, damit niemand zur Polizei geht. Es geht darum, am Ende zu sagen, das sei die letzte Zahlung, danach sei alles gut.

Die KASAAN TIMES hat diese Chats nicht veröffentlicht, um jemanden bloßzustellen. Wir veröffentlichen sie, weil Schweigen die Täter schützt. Weil jeder Tag, an dem nicht darüber gesprochen wird, ein Tag ist, an dem jemand anderes in die gleiche Falle tappt.


Wenn Sie solche Nachrichten bekommen, löschen Sie sie nicht sofort. Sichern Sie die Chats. Gehen Sie zur Polizei. Sprechen Sie mit jemandem aus Ihrem Umfeld. Und überweisen Sie kein Geld an Menschen, die Sie nie gesehen haben, egal wie echt die Fotos wirken und egal wie dringend die Notlage klingt. Die Schande liegt nicht bei den Opfern. Die Schande liegt bei denen, die seit Jahren mit Lügen Geld verdienen. Und die Schande liegt bei einem System, das es zulässt, dass diese Strukturen aus dem Ausland heraus weiterarbeiten, während die Opfer hier allein gelassen werden.


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