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Thalburg ist überall, auch heute

Titelbild: Torbenbrinker Wikipedia 3.0

Thalburg ist überall

Wer das Buch „Das haben wir nicht gewollt – Thalburg und der Aufstieg der Nationalsozialisten“ liest, liest kein Buch über 1930. Er liest ein Buch über heute.


Thalburg ist ein Deckname. Eine deutsche Kleinstadt, bürgerlich, fleißig, protestantisch geprägt. Beamte, kleine Fabrikanten, Handwerker, ein paar Molkereien, die den Ort reich gemacht haben. Vor 1929 wählen sie noch konservativ, liberal, Zentrum. Die Nationalsozialisten sind eine Randnotiz, zwei Prozent, ein paar Schreihälse im Hinterzimmer der Bahnhofsgaststätte. Man belächelt sie.

Dann kommt die Krise. Aufträge brechen weg, Arbeitslosigkeit, die alten Parteien streiten im Stadtrat, wirken müde und zerstritten. Und genau in diese Leere stößt die neue Bewegung. Sie ist nicht mehr nur laut, sie ist hilfreich. Sie ist bei der Feuerwehr, beim Turnverein, sie kümmert sich, sie hat einfache Antworten. Nicht mehr Programm, sondern Gefühl: Wir gegen die da oben in Berlin. Die da haben uns Versailles eingebrockt, die Krise, den Identitätsverlust. In Thalburg kippt die Stimmung in nur zwei Wahlgängen. 1929 haben die Nationalsozialisten plötzlich die Mehrheit im Stadtrat, hissen als erste Stadt Deutschlands die Hakenkreuzfahne am Rathaus, machen einen der ihren zum Bürgermeister. Es geht erschreckend schnell, weil die Bürgerlichen denken, man könne sie einbinden, zähmen, für Ordnung und Geschäft nutzen.


Und dann beginnt das Wegschauen. Der Boykott des jüdischen Kaufmanns wird als spontaner Volkszorn verniedlicht, die Entlassung des unbequemen Lehrers als Sparmaßnahme, die Gleichschaltung der Vereine als längst überfällige Modernisierung. Jeder weiß es, keiner will es gewesen sein. Nach 1945 kommt dann der Titel des Buches, der Satz, der alles zusammenfasst: Das haben wir nicht gewollt.

Wer heute Nachrichten liest, kennt das Muster. Es ist nicht 1933, die Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber sie reimt sich. Da ist ein Unternehmer aus einer bayrischen Kleinstadt, groß geworden mit Milch, einer der reichsten Männer Deutschlands. Er trifft sich in Cannes mit der Vorsitzenden einer Partei, die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft wird, nennt sie eine Freundin, schreibt ihr nach einem Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt „Gratuliere zum sensationellen Erfolg“ und sagt in der Welt am Sonntag, das Ideal für Deutschland sei Schwarz und Blau, also CDU und AfD zusammen, dann wäre Deutschland bald saniert. Er betont, er habe nie gespendet, sei CSU-Mitglied, NS-Ideologie sei ein No-Go. Und gleichzeitig lädt er die AfD-Chefin zur Geburtstagsparty ein und bringt die Partei als Koalitionspartner ins Spiel.
Das Landgericht Hamburg hat genau dazu gesagt: Wer so etwas tut, unterstützt eine Partei ideell, das ist mehr wert als jede Spende, und das darf man auch so sagen. Es ist dieselbe bürgerliche Anbiederung, die in Thalburg beschrieben wird, der Glaube, man könne das Radikale bürgerlich anstreichen und für eigene Stabilität nutzen.

Und da ist der russische Friedensfürst, der in Neu-Delhi mit Olivenzweig und Friedenstaube posiert und gleichzeitig 800 Meter vor der polnischen Grenze einen Grenzübergang beschießen lässt, an dem ein Zug mit deutschen und britischen Diplomaten steht. Er trägt die Krone des Friedens und legt das Feuer. Auch das ist Thalburg: Die Inszenierung als Retter, als Mann der Ordnung, während im Schatten längst gezündelt wird. Die AfD leckt den Speichel Putins mit ihren Höckes.

Das Buch über Thalburg erklärt, warum das funktioniert. Es funktioniert, weil die Krise den Menschen das Gefühl gibt, es müsse sich etwas grundlegend ändern, weil die demokratischen Parteien müde wirken, weil ein Unternehmer denkt, ein bisschen Rechtsaußen schade nicht, wenn das Geschäft läuft, weil ein Bürger denkt, ein bisschen Zündeln an der Grenze sei nur Geopolitik und betreffe ihn nicht. Und am Ende stehen alle da und sagen, das haben wir nicht gewollt.

Thalburg ist kein Ort in der Vergangenheit. Thalburg ist eine Entscheidung, die jeden Tag neu getroffen wird, im Supermarkt vor dem Kühlregal, am Wahlsonntag, beim Abendessen in Cannes.

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