Mission Munitionsbergung aus dem Meer | ARTE Re:

1,6 Millionen Tonnen Kriegsmunition wurden nach den Weltkriegen vor den deutschen Küsten versenkt - dort liegt sie seither unberührt und verrottet. Immer mehr toxischer Sprengstoff tritt aus den Bomben, Minen und Granaten aus und vergiftet zunehmend die Meere. Nach vielen Jahrzehnten handelt die Bundesregierung endlich. Das Problem ist gigantisch.

Allgemeine Nachrichten

Tausende Fässer von Phosgen und Senfgas im Bornholm- Becken

 

Titelbild: Filmbeitrag arte /youTube

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs versenkten die Alliierten, vor allem die sowjetischen Besatzungstruppen, große Mengen an erbeuteter deutscher Chemiewaffenmunition in der Ostsee, um die gefährlichen Bestände schnell und kostengünstig zu beseitigen. Ein zentraler Schauplatz dieser Operationen lag östlich der dänischen Insel Bornholm im sogenannten Bornholm-Becken, einem relativ flachen Meeresgebiet mit Tiefen zwischen etwa 90 und 130 Metern. Dort ruhen bis heute Zehntausende Tonnen an Munition und Behältern mit hochtoxischen Kampfstoffen, darunter vor allem Senfgas (Schwefel-Lost oder Yperit) und in geringerem Umfang auch Phosgen.

Die genauen Mengen sind bis heute nicht exakt bezifferbar, da die Versenkungen teilweise chaotisch abliefen und Dokumente unvollständig oder widersprüchlich sind. Schätzungen für das Gebiet östlich von Bornholm sprechen von rund 30.000 bis 50.000 Tonnen chemischer Munition, die zwischen 1945 und 1948, mit kleineren Nachfolgeaktionen bis in die 1960er Jahre, über Bord geworfen wurden. Davon enthielten etwa 11.000 bis 15.000 Tonnen reine Kampfstoffe. Der Großteil bestand aus Flugbomben, Artilleriegranaten, Minen und losen Containern oder Fässern, die man einfach von den Transportschiffen ins Meer kippte. Teilweise wurden auch ganze Schiffe mit Ladung versenkt. Die sowjetische Militäradministration organisierte die Hauptaktionen 1947/48, nachdem man die Bestände aus den deutschen Lagern in der Sowjetischen Besatzungszone gesammelt hatte. Frühere britische Versenkungen fanden ebenfalls in der Region statt, doch der Schwerpunkt lag bei den sowjetischen Maßnahmen.

Senfgas machte den überwiegenden Anteil der versenkten Kampfstoffe aus – Schätzungen gehen davon aus, dass es etwa 60 bis 70 Prozent der toxischen Ladung ausmachte. Es handelte sich oft um viskoses, verdicktes Senfgas (Zäh-Lost), das in Bomben oder Fässern lagerte. Senfgas ist ein Hautkampfstoff, der schwere Blasenbildung, Verätzungen und langfristige Schäden verursacht. Im kalten Ostseewasser polymerisiert es teilweise und bildet zähe, gummiartige Klumpen, die jahrzehntelang stabil bleiben können. Diese Klumpen werden immer wieder in Fischernetzen von Bornholm-Fischern gefunden und haben in der Vergangenheit zu schweren Verletzungen bei Besatzungsmitgliedern geführt, wenn sie mit der Haut in Berührung kamen. Die Munitionshüllen aus Stahl sind inzwischen stark korrodiert, sodass der Kampfstoff teilweise ausläuft und sich im Sediment ablagert. Dennoch steigt er wegen seiner Dichte kaum an die Oberfläche auf, was die unmittelbare Gefahr für die Schifffahrt begrenzt, aber langfristig das marine Ökosystem belastet.

Phosgen, ein Lungenkampfstoff aus dem Ersten Weltkrieg, der auch im Zweiten Weltkrieg produziert wurde, war in deutlich geringeren Mengen vertreten. Es befand sich hauptsächlich in dünnwandigen Bomben oder speziellen Behältern. Phosgen hydrolysiert relativ schnell im Meerwasser und zerfällt in weniger toxische Verbindungen, weshalb von ihm heute eine geringere langfristige Gefahr ausgeht als vom Senfgas. Dennoch wurde es zusammen mit anderen Stoffen wie Tabun (Nervengas), Lewisit, Adamsit, Clark I und II (arsenorganische Reizstoffe) sowie Chloroacetophenon versenkt. Die arsenhaltigen Verbindungen sind besonders persistent und können sich im Sediment anreichern.



Die Versenkungsgebiete östlich von Bornholm sind in Seekarten als Sperr- oder Gefahrenzonen markiert, in denen Ankern und Grundschleppnetzfischerei offiziell verboten oder stark eingeschränkt sind. Trotzdem kommt es immer wieder zu Zwischenfällen, weil Fischer unabsichtlich Munition oder Kampfstoffklumpen bergen. In den Jahrzehnten seit 1945 gab es Hunderte dokumentierte Fälle von Vergiftungen, vor allem durch Senfgas, bei dänischen, deutschen und polnischen Fischern. Die Klumpen sehen harmlos aus wie gelblich-braune Brocken oder Teer, verursachen aber bei Hautkontakt innerhalb weniger Stunden schmerzhafte Blasen und langwierige Wunden. Auch an Stränden von Bornholm wurden vereinzelt Bomben oder Reste angespült.

Umweltwissenschaftler und Meeresforscher beobachten seit Jahren die Auswirkungen auf das Ökosystem. Im Sediment rund um die Versenkungsstellen lassen sich Abbauprodukte von Senfgas und arsenhaltigen Stoffen nachweisen, die lokale Veränderungen bei bodenlebenden Organismen hervorrufen können. Die Ostsee ist aufgrund ihrer geringen Wasseraustauschrate und der Schichtung besonders empfindlich gegenüber solchen Altlasten. Internationale Gremien wie die HELCOM (Helsinki-Kommission zum Schutz der Ostsee) haben das Thema wiederholt untersucht. Bisher gibt es keine großflächige Katastrophe, doch Experten warnen, dass mit fortschreitender Korrosion der Behälter in den kommenden Jahrzehnten mehr Kampfstoff freigesetzt werden könnte. Bergungsversuche gelten als extrem riskant und teuer, weil jede Störung der Munition zu unkontrollierten Freisetzungen führen kann. Stattdessen setzt man auf Monitoring, Modellierung der Ausbreitung und Aufklärung der Fischerei.

Die Geschichte der versenkten Chemiewaffen vor Bornholm steht symbolisch für die chaotische und kurzsichtige Entsorgungspraxis der Nachkriegszeit. Was als schnelle Lösung für ein riesiges Sicherheitsproblem gedacht war – Hunderttausende Tonnen deutscher Giftgasbestände sollten nicht in die Hände Unbefugter geraten oder auf dem Land vernichtet werden –, hat eine langfristige Umweltzeitbombe im empfindlichen Ökosystem der Ostsee hinterlassen. Tausende Fässer, Bomben und Granaten mit Senfgas und Phosgen liegen dort noch immer, langsam zerfallend, und erinnern daran, wie Kriegsfolgen über Generationen hinweg nachwirken können. Forschungsprojekte versuchen weiterhin, genaue Karten der Kontamination zu erstellen und Risiken für Mensch und Natur besser einzuschätzen, doch eine endgültige Beseitigung bleibt vorerst unrealistisch. Die Ostsee trägt so eine unsichtbare, aber reale Last aus der dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts.

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