Ingeborg Barz, Jahrgang 1948 in Berlin, ist eine der rätselhaftesten und bis heute ungeklärten Figuren der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF).
Sie arbeitete zunächst als Sekretärin in Berlin und engagierte sich politisch in linken Kreisen. Im Jahr 1971 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen der „Schwarzen Hilfe“, einer Organisation, die linke Häftlinge unterstützte. Zunächst unterstützte sie die Bewegung 2. Juni, bevor sie und ihr damaliger Freund Wolfgang Grundmann im Herbst 1971 von Gudrun Ensslin für die RAF rekrutiert wurden.
Als mutmaßliches Mitglied der ersten RAF-Generation nahm sie an mehreren Aktionen teil.
So soll sie im Februar 1972 an dem Banküberfall in Ludwigshafen am Rhein beteiligt gewesen sein, bei dem rund 280.000 D-Mark erbeutet wurden, sowie kurz darauf an einem weiteren Überfall in Berlin. Ihr Engagement in der Gruppe war jedoch von kurzer Dauer und endete unter dramatischen Umständen.
Am 21. Februar 1972, im Alter von 23 Jahren, rief sie ihre Mutter an und erklärte, sie wolle die RAF verlassen und nach Hause zurückkehren. Dieses Telefonat ist das letzte gesicherte Lebenszeichen von ihr. Danach verschwand sie spurlos.
Das Schicksal von Ingeborg Barz blieb eines der großen Mysterien der RAF-Geschichte. Es ranken sich verschiedene Theorien und Aussagen um ihren Verbleib.
Das ehemalige RAF-Mitglied Gerhard Müller sagte 1975/1976 als Kronzeuge im Stammheim-Prozess aus, dass Andreas Baader Barz wenige Monate nach ihrem Ausstiegswunsch durch einen Genickschuss ermordet habe, aus Angst, sie könnte die Gruppe verraten. Diese Version wurde teilweise durch einen abgefangenen Brief von Götz Tilgener an Baader gestützt.
Durchsuchungen in einem Waldstück bei Gernsheim, wo die Leiche angeblich vergraben worden sein soll, blieben jedoch ergebnislos.
Im Sommer 1975 wurde im Forstenrieder Park südlich von München eine skelettierte Frauenleiche gefunden. Diese wurde später mithilfe der Lichtbildeinpass-Methode (einer Art Schädelvergleich) mit Barz in Verbindung gebracht. Allerdings gab es innerhalb der Polizei erhebliche Zweifel an dieser Identifizierung, und die Tote wies keine Schussverletzungen auf, was der Aussage Müllers widersprach. Die Identifizierung blieb umstritten.
Andere Aussagen widersprechen der Mordthese deutlich. Das RAF-Mitglied Inga Hochstein gab an, Barz noch im Frühjahr 1975 in einem Lokal in Hamburg getroffen zu haben. Barz habe damals an einer ernsthaften Erkrankung gelitten und sei vermutlich noch im selben Jahr verstorben. Auch Gudrun Ensslin soll behauptet haben, sie könne beweisen, dass Baader Barz nicht erschossen habe.
1974 wurden in einem Hotel in Belfast auf einer Packung Antibabypillen Fingerabdrücke von Barz gefunden, was Spekulationen über einen möglichen Aufenthalt im Ausland nährte. Der Autor Butz Peters vermutete unter Berufung auf das Bundeskriminalamt (BKA), dass sie sich mit einer neuen Identität in den Irak abgesetzt haben könnte.
Bis heute gilt Ingeborg Barz offiziell als vermisst, ihr Todesdatum ist unbekannt. Die RAF selbst und verschiedene Zeugenaussagen im Stammheim-Prozess lieferten widersprüchliche Darstellungen. Während einige Quellen von einer Hinrichtung durch die eigene Gruppe ausgehen, deuten andere Hinweise darauf hin, dass sie möglicherweise noch Jahre später lebte, untergetaucht war oder an einer Krankheit starb. Das Fehlen eindeutiger Beweise – weder eine gesicherte Leiche noch ein bestätigtes Lebenszeichen nach 1972 – hält die Debatte bis in die Gegenwart am Leben. Ihr Fall steht exemplarisch für die Undurchsichtigkeit und die internen Konflikte der frühen RAF, in der Aussteiger offenbar mit großer Härte behandelt wurden oder zumindest befürchteten, so behandelt zu werden.
