Damals

Lhasa, 1939

Titelbild: Expedition in Indien, Ernst Krause/ Bundesarchiv

Die Vorstellung von „Nazis in Lhasa 1939“ wirkt erstmal wie aus einem Abenteuerfilm, hat aber einen realen historischen Kern. Gemeint ist vor allem die sogenannte Tibet-Expedition unter Leitung von Ernst Schäfer, die im Auftrag der SS und unter dem Dach der Organisation Ahnenerbe stattfand. Dieses „Ahnenerbe“ war eine Einrichtung im Umfeld von Heinrich Himmler, die sich nicht nur mit Archäologie und Geschichte beschäftigte, sondern auch mit ideologisch aufgeladenen Theorien über die Herkunft der sogenannten „arischen Rasse“. Tibet spielte in diesen Vorstellungen eine besondere Rolle, weil man dort – völlig pseudowissenschaftlich – nach vermeintlichen Ursprüngen oder Überresten einer uralten Hochkultur suchte, die man ideologisch für die NS-Rassenlehre instrumentalisieren wollte. Die Expedition selbst erreichte tatsächlich Lhasa, das damals politisch und geografisch extrem abgeschottet war. Schon allein die Anreise war eine enorme logistische Leistung. Die Gruppe reiste nicht direkt von Deutschland aus, sondern schlug sich über verschiedene Stationen durch Südasien. Sie nutzten Routen über Britisch-Indien, also Gebiete, die heute zu Indien gehören, und arbeiteten sich von dort aus Richtung Himalaya vor. Ein Teil der Strategie bestand darin, sich nicht offen als politische Mission darzustellen, sondern als wissenschaftliche Expedition mit zoologischem und ethnologischem Interesse. Tatsächlich sammelten sie auch Pflanzen, Tiere und kulturelle Artefakte, machten Vermessungen und Fotografien – all das war aber eng mit ideologischen Zielen verwoben. In Lhasa wurden sie vergleichsweise freundlich empfangen, was auch daran lag, dass Tibet damals seine außenpolitischen Kontakte vorsichtig erweiterte und Deutschland als möglichen Partner betrachtete, der nicht unmittelbar koloniale Interessen vor Ort hatte. Die Expedition blieb mehrere Monate und führte zahlreiche Untersuchungen durch, darunter auch sogenannte „Rassenmessungen“ an der lokalen Bevölkerung – ein besonders problematischer Teil, weil er direkt aus der rassistischen Ideologie des NS-Regimes hervorging. Parallel dazu versuchte man, kulturelle und religiöse Aspekte des tibetischen Buddhismus zu dokumentieren, oft jedoch durch eine ideologisch verzerrte Linse. Der Zeitpunkt 1939 ist entscheidend, denn während die Expedition noch lief, verschärfte sich die politische Lage in Europa dramatisch. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs durch den deutschen Angriff auf Polen im September 1939 wurde die Rückreise kompliziert. Die Gruppe trat den Rückweg schließlich an, indem sie erneut über den indischen Raum reiste, der unter britischer Kontrolle stand. Obwohl Deutschland und Großbritannien nun im Krieg waren, gelang es ihnen, über diplomatische und organisatorische Umwege die Heimreise anzutreten. Ein Teil der Route führte über Seewege, und schließlich kehrten sie nach Deutschland zurück, wo ihre Ergebnisse propagandistisch ausgeschlachtet wurden. Was aus den Beteiligten wurde, ist ein weiterer interessanter Punkt. Ernst Schäfer selbst blieb während des Krieges in Deutschland aktiv und setzte seine wissenschaftliche Arbeit fort, allerdings weiterhin im Kontext des NS-Systems. Nach dem Krieg geriet er – wie viele, die mit der SS in Verbindung standen – unter Beobachtung und wurde interniert, konnte aber später wieder eine zivile Karriere aufbauen, unter anderem im wissenschaftlichen Bereich und bei internationalen Projekten. Andere Teilnehmer der Expedition hatten unterschiedliche Lebenswege: Einige wurden ebenfalls überprüft oder mussten sich entnazifizieren lassen, kehrten aber später in zivile Berufe zurück. Heute wird diese Expedition oft als Beispiel dafür betrachtet, wie Wissenschaft im Nationalsozialismus politisch instrumentalisiert wurde. Sie zeigt, wie scheinbar neutrale Forschung mit ideologischen Zielen verknüpft werden kann und wie weit das NS-Regime bereit war zu gehen, um seine Weltanschauung zu untermauern – selbst bis in abgelegene Regionen wie Tibet. Gleichzeitig hat sich um diese Ereignisse im Laufe der Jahrzehnte ein Mythos gebildet, der in populären Darstellungen oft übertrieben oder verzerrt wird. Die Realität ist weniger mystisch, dafür aber umso aufschlussreicher im Hinblick auf die Verflechtung von Politik, Ideologie und Wissenschaft in dieser Zeit.

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