Im Sommer 1991 erschütterten zwei brutale und bis heute ungeklärte Morde an jungen Frauen die Stadt Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Die 17-jährige Claudia Lade und die 19-jährige Antje Mundstock fielen innerhalb weniger Wochen Gewalttaten zum Opfer, deren Täter nie ermittelt werden konnten.
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Die Familien der beiden Frauen leben seit mehr als drei Jahrzehnten mit dieser quälenden Ungewissheit, und die Fälle zählen zu den bekanntesten Cold Cases in der Region.
Claudia Lade, eine Studentin an der Pädagogischen Fachschule und angehende Kindergärtnerin, verbrachte den Abend des 29. Juni 1991 in der Diskothek „Offline“ auf dem Großen Dreesch in Schwerin. Gegen halb zwei Uhr nachts verließ sie die Disco, um mit der Straßenbahn nach Hause zu fahren. Von der Haltestelle „Am Fernsehturm“ aus waren es nur wenige Minuten zu Fuß bis zu ihrer Wohnung. Doch sie kam nie dort an. Zeugen berichteten später, dass sie in der Wuppertaler Straße offenbar in ein Auto gezerrt wurde und sich heftig gewehrt hatte – dabei verlor sie einen Ohrring. Ihre Leiche wurde am Vormittag des 30. Juni 1991 aus dem Schweriner See geborgen, genauer am Ufer bei Raben Steinfeld in Richtung Görslow. Sie war vergewaltigt und erdrosselt worden.
Nur knapp zwei Wochen später, am 12. oder 13. Juli 1991, verschwand die 19-jährige Antje Mundstock.
Sie war mit ihrem Freund unterwegs gewesen, unter anderem in Crivitz, und wollte offenbar noch in eine Diskothek. Ihre Leiche wurde ebenfalls im Bereich des Schweriner Sees gefunden.
Die Polizei schloss damals relativ schnell einen Zusammenhang im Sinne eines Doppelmordes durch denselben Täter aus, unter anderem weil die Würgemale an den Hälsen der beiden Frauen unterschiedlich waren. Dennoch blieben beide Taten unaufgeklärt, und es gab über die Jahre hinweg keine heiße Spur. Seit einigen Jahren rückt jedoch eine mögliche Verbindung zu einem der berüchtigtsten mutmaßlichen Serienmörder Deutschlands in den Fokus: , bekannt als der „Göhrde-Mörder“.
Wichmann, geboren 1949, gilt als dringend tatverdächtig für die zwei Doppelmorde im Göhrde-Forst in Niedersachsen im Sommer 1989, bei denen zwei Paare durch Kopfschüsse getötet wurden. Außerdem wird ihm der Mord an Birgit Meier zugeschrieben, deren Leiche 2017 unter seiner Garage in Lüneburg einbetoniert gefunden wurde. Wichmann war extrem mobil, besaß zeitweise mehrere Autos und reiste viel durch Norddeutschland. Er beging 1993 in Untersuchungshaft Suizid, bevor er für die meisten Taten angeklagt werden konnte.
Die Polizei geht davon aus, dass er für dutzende, möglicherweise sogar bis zu knapp 100 ungeklärte Morde an Frauen – oft Anhalterinnen oder Frauen in ländlichen Gebieten – verantwortlich sein könnte.Neue Überlegungen und Hinweise deuten nun darauf hin, dass Wichmann auch im Sommer 1991 in der Schweriner Region aktiv gewesen sein könnte. Eine private Ermittlungsinitiative, zu der unter anderem der ehemalige Hamburger LKA-Chef Reinhard Chedor und der Rechtsanwalt Mirko Laudon gehören, der die Hinterbliebenen von Claudia Lade vertritt, hat sich seit 2023 intensiv mit den Fällen beschäftigt.
Das Team hat Zeugenaussagen gesammelt, die einen begründeten Verdacht stützen.
So berichtete eine Frau, dass sie 1991 vor der Diskothek „Offline“ – genau dort, wo auch Claudia Lade gefeiert hatte – von einem Mann aus einem Auto heraus angesprochen worden sei. Sie sei mitgenommen und mehrere Stunden festgehalten worden, bevor der Täter sie freigelassen habe.
Heute identifiziert sie den Mann mit absoluter Sicherheit als Kurt-Werner Wichmann. Weitere Hinweise deuten darauf hin, dass Wichmann mit Fahrzeugen wie einem Trabant oder anderen Autos in Schwerin und Umgebung unterwegs gewesen sein soll.
Die Initiative sucht aktiv nach weiteren Zeugen, die Wichmann zwischen 1990 und 1993 in Schwerin oder der näheren Umgebung gesehen haben. Es gibt sogar ein Hinweisportal, über das man sich auch anonym melden kann.
Die offizielle Polizei in Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen sieht derzeit zwar keine forensischen Beweise wie DNA-Spuren, die Wichmann eindeutig mit den Schweriner Morden verknüpfen, doch das Muster seiner mutmaßlichen Taten – die Mobilität, die Auswahl junger Frauen, die Vorgehensweise in der Nähe von Diskotheken oder Verkehrswegen – passt durchaus zu den Fällen.
Medien wie der NDR, der Nordkurier und BILD haben ausführlich darüber berichtet, und die Debatte hält die Cold Cases am Leben.Im April 2026 soll die private Ermittlungsinitiative ihre Erkenntnisse bei einer True-Crime-Veranstaltung im Filmpalast Capitol in Schwerin der Öffentlichkeit präsentieren. Experten wie der Rechtsmediziner Klaus Püschel werden dabei erwartet. Ob diese neuen Hinweise letztlich zu einer Aufklärung führen, bleibt abzuwarten. Für die Familien von Claudia Lade und Antje Mundstock geht es vor allem darum, nach all den Jahren endlich Gewissheit zu erhalten und vielleicht einen Schlussstrich unter ein Kapitel ziehen zu können, das ihr Leben für immer verändert hat. Die Morde von 1991 in Schwerin zeigen einmal mehr, wie lange das Leid ungeklärter Gewaltverbrechen nachwirken kann und wie wichtig es ist, auch nach Jahrzehnten noch Hinweise ernst zu nehmen.
