Titelbild: kasaan media
Die Wikinger, jene faszinierenden Menschen aus dem hohen Norden, prägten zwischen etwa 790 und 1070 n. Chr. eine der dynamischsten und einflussreichsten Epochen des Frühmittelalters. Ursprünglich stammten sie aus den heutigen Ländern Norwegen, Dänemark und Schweden, wo harte klimatische Bedingungen, begrenzte Ackerflächen und eine starke maritime Tradition das Leben der Menschen bestimmten.
Der Begriff „Wikinger“ bezeichnete dabei nicht ein ganzes Volk, sondern vielmehr eine Tätigkeit: „in viking fahren“ bedeutete im Altnordischen, auf Raub-, Handels- oder Entdeckungsfahrt zu gehen. Nur ein Teil der skandinavischen Bevölkerung – vor allem jüngere Söhne ohne Landbesitz, Abenteurer und Krieger – schloss sich solchen Unternehmungen an, während die Mehrheit als Bauern, Fischer, Handwerker und Viehzüchter in der Heimat blieb.
Das Wikingerzeitalter begann spektakulär mit dem Überfall auf das Kloster Lindisfarne vor der nordenglischen Küste im Jahr 793, der in den Chroniken als Schreckenstag in die Geschichte einging. Mit ihren schlanken, schnellen Langschiffen – technisch brillante Holzboote mit flachem Kiel, die sowohl auf hoher See als auch in flachen Flüssen manövrierfähig waren – gelangten die Nordmänner tief ins Landesinnere Europas. Sie plünderten Klöster und reiche Siedlungen in England, Irland, Frankreich und den Niederlanden, fuhren den Rhein, die Seine und sogar die Wolga hinauf. In manchen Regionen gingen sie jedoch weit über bloße Raubzüge hinaus.
In der Normandie ließen sie sich nieder, gründeten das Herzogtum der Normannen, das später England erobern sollte; in den britischen Inseln entstanden die Danelag-Gebiete mit skandinavischer Prägung; im Osten legten schwedische Wikinger (oft Waräger genannt) den Grundstein für die Kiewer Rus und handelten bis nach Byzanz und in die arabische Welt.
Doch die Wikinger waren keineswegs nur zerstörerische Plünderer. Sie galten als außergewöhnlich geschickte Händler, die weitreichende Netzwerke knüpften. In ihren Handelsplätzen wie Birka, Hedeby, Kaupang oder Ribe tauschten sie Felle, Walrosselfenbein, Bernstein, Eisen und Sklaven gegen Silber, Seide, Gewürze, Glas und Wein.
Arabische Silbermünzen (Dirhams) fanden sich in riesigen Mengen in skandinavischen Schatzfunden – ein Beleg für die Intensität dieses Fernhandels. Ihre Schiffe ermöglichten es ihnen, als erste Europäer Island um 870, Grönland um 985 und sogar die Ostküste Nordamerikas (Vinland) um das Jahr 1000 zu erreichen – fast 500 Jahre vor Kolumbus.
Das tägliche Leben der Wikinger in der Heimat war von harter Arbeit und enger Gemeinschaft geprägt. Die meisten lebten in Langhäusern aus Holz, Torf oder Stein, oft 20–30 Meter lang, in denen Großfamilien, Vieh und Vorräte unter einem Dach wohnten. Frauen genossen im Vergleich zu vielen anderen Kulturen der Zeit relativ hohe Rechte.
Sie konnten Eigentum besitzen, sich scheiden lassen und bei Abwesenheit der Männer den Hof führen. Die Gesellschaft war hierarchisch gegliedert in Jarle (Adel), freie Bauern (Bonden), Halbfreie und Sklaven (Thrall), wobei sozialer Aufstieg durch Reichtum, Kriegsruhm oder geschickte Ehen möglich war. Thing-Versammlungen dienten als Versammlungs- und Gerichtsplätze, auf denen freie Männer über Gesetze, Streitigkeiten und wichtige Entscheidungen berieten – ein frühes Element demokratischer Strukturen.Ihre Religion war lange Zeit die nordische Mythologie mit Göttern wie Odin (dem Allvater und Gott der Weisheit und des Krieges), Thor (dem Donnergott und Beschützer der Menschen), Freyja (Göttin der Liebe und des Krieges) und Loki (dem listigen Trickster). Opferrituale, oft mit Tieropfern, aber auch vereinzelt mit aufwändigeren Zeremonien, fanden an heiligen Hainen, Quellen oder Steinen statt. Der Glaube an ein Leben nach dem Tod war stark ausgeprägt: Gefallene Krieger hofften auf Einlass in Walhalla, wo sie an Odins Tafel saßen und bis zum Ragnarök, dem Weltenende, kämpfen würden. Mit der allmählichen Christianisierung ab dem 10. Jahrhundert – oft politisch motiviert durch Könige wie Harald Blauzahn in Dänemark oder Olaf Tryggvason in Norwegen – wandelte sich die Kultur tiefgreifend.
Heidnische Bräuche vermischten sich mit christlichen Elementen, Runensteine erhielten christliche Kreuze, und die wilden Raubzüge hörten allmählich auf.Die Wikinger hinterließen ein ambivalentes Erbe.
Sie waren gefürchtete Zerstörer und zugleich brillante Seefahrer, geschickte Handwerker und kulturelle Vermittler. Ihre Sprache prägte Ortsnamen und Wörter in ganz Europa, ihre Schiffe setzten Maßstäbe im Schiffbau, und ihre Sagas – später niedergeschriebene Helden- und Familiengeschichten – gehören zu den bedeutendsten literarischen Zeugnissen des Mittelalters. Bis heute faszinieren sie uns als Symbol für Mut, Entdeckergeist und den unbändigen Drang, über den eigenen Horizont hinauszublicken.
