Damals

Der Tod von Dag Hammarskjöld – Ndola

Titelbild:Dag Hammarskjöld ©United Nations

Der Tod von Dag Hammarskjöld – Ndola

Es ist Nacht über Nordrhodesien. Der 17. September 1961, ein Sonntag, wird zum 18. September. Eine Douglas DC-6, mit dem Rufzeichen SE-BDY, von der schwedischen Fluggesellschaft Transair gemietet und als UN-Flugzeug gekennzeichnet, ist auf dem Weg von Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, nach Ndola.

An Bord ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Dag Hammarskjöld, 56 Jahre alt, Schwede, zweiter Generalsekretär der Organisation, seit 1953 im Amt, als moralische Autorität geachtet, als Vermittler gefürchtet. Bei ihm sind 15 weitere Personen, Berater, Sicherheitsleute, die Besatzung. Hammarskjöld will einen Waffenstillstand aushandeln. Im Kongo tobt seit der Unabhängigkeit 1960 ein Krieg, der zugleich ein Krieg der Bergbaukonzerne, der Söldner und der Kalten Krieger ist.
In Katanga hat sich Moïse Tshombe mit Unterstützung belgischer Interessen und weißer Söldner abgespalten, dort liegt das Kupfer, das Uran, das Kobalt. Die UN hat Truppen geschickt, die Operation hat bereits Tote gekostet. Hammarskjöld fliegt nach Ndola, weil Tshombe dort sein soll, weil ein Treffen an der Grenze die letzte Chance sein könnte, das Blutvergießen zu stoppen. Die Maschine bekommt um kurz nach Mitternacht die Landefreigabe für Ndola, sie sinkt, sie meldet sich nicht mehr. Am Morgen finden Suchtrupps das Wrack, etwa neun Meilen vom Flughafen entfernt, im Busch. Es gibt keine Überlebenden, bis auf einen, den amerikanischen Sergeanten Harold Julien, der noch sechs Tage lebt und in seinen Fieberträumen von einer Explosion und von Schüssen spricht, bevor auch er stirbt.



Die offizielle Untersuchung Rhodesiens sagt sehr schnell, es sei Pilotenfehler gewesen, die Besatzung sei zu tief geflogen, habe Bäume gestreift und sei abgestürzt. Eine spätere UN-Untersuchung schließt sich im Wesentlichen an, ohne die Frage zu klären. Doch von Anfang an gibt es eine zweite Erzählung. Augenzeugen in Ndola berichten von einem zweiten Flugzeug in der Luft, von einem Blitz am Himmel, von Schüssen.
Ein belgischer Söldner, Jan Van Risseghem, der für Katanga flog, wird genannt, ein britischer Söldner, die Interessen von Union Minière, von Glencore-Vorgängern, von Geheimdiensten, die nicht wollten, dass Hammarskjöld Katanga wieder in den Kongo zurückholt und damit den Zugang zu strategischen Rohstoffen neu ordnet. Es gibt die Aussage, dass das Flugzeug nicht einfach abgestürzt, sondern beschossen worden sei. Es gibt die Frage, warum die Suchmannschaften so lange brauchten, warum das Wrack erst Stunden später gefunden wurde, warum Hammarskjölds Körper eine Spielkarte im Kragen gehabt haben soll, warum seine Wunden nicht zu einem reinen Aufprall passen, warum ein Loch in der Stirn als Einschuss gedeutet wurde. Und es gibt die Dokumente, die Jahrzehnte später auftauchen, aus Südafrika, aus der Zeit der Truth and Reconciliation Commission, die von einer Operation mit dem Namen Celeste sprechen, von einer angeblichen Schuldübernahme durch Söldnergruppen, von einem Treffen in Johannesburg, in dem beschlossen worden sein soll, Hammarskjöld müsse entfernt werden.


Dag Hammarskjöld war kein naiver Idealist.
Er war ein Jurist, der an die Unabhängigkeit der UN glaubte, der die Entkolonialisierung ernst nahm, der sich gegen die Großmächte stellte, gegen Washington und Moskau, wenn es sein musste, und der gerade deshalb in Afrika Hoffnung weckte. Sein Tod am 18. September 1961, heute vor 65 Jahren, beendete diese Hoffnung für lange Zeit. Der Kongo versank für Jahrzehnte in Diktatur und Krieg. Katanga wurde mit Gewalt zurückgeholt, aber das Muster blieb, das Muster von Rohstoffen, Söldnern und Geheimdiensten, das von Springs bis Ndola reicht. Erst 2015 setzte der damalige Generalsekretär Ban Ki-moon auf Druck von Hammarskjölds Familie eine neue unabhängige Untersuchungskommission ein, geleitet von Mohamed Chande Othman. Ihr Bericht von 2019 sagte, es sei plausibel, dass ein externer Angriff oder eine Bedrohung die Ursache gewesen sei, dass die alte These vom Pilotenfehler nicht mehr haltbar sei und dass weitere Akten in den Archiven der USA, Großbritanniens, Frankreichs, Belgiens und Südafrikas liegen müssten, die bis heute nicht vollständig freigegeben seien. Die Kommission sprach von einer glaubwürdigen neuen Beweislage, von Funkprotokollen der NSA, die angeblich ein Abfangen der DC-6 durch ein anderes Flugzeug dokumentieren, von einem Piloten, der sich später gerühmt haben soll, Hammarskjöld abgeschossen zu haben.


Bis heute ist der Fall offiziell ein Unfall. In der Sprache der UN ist er ein offener Fall, in der Sprache der Archive ist er ein klassifizierter Fall.
In Ndola steht ein Mahnmal, in Uppsala liegt Hammarskjöld begraben. Und über dem Busch von Nordrhodesien, heute Sambia, liegt noch immer dieselbe Frage liegt.
Wer profitiert, wenn ein Mann stirbt, der etwas wusste, das nicht bekannt werden sollte.

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