Titelbild: Beispielbild PixabayIn Deutschland gibt es kein zentrales, staatlich betriebenes Hospizsystem der Bundesrepublik, das wie eine Behörde oder ein öffentlicher Dienst porganisiert wäre. Stattdessen handelt es sich um ein dezentrales, gesetzlich geregeltes Versorgungsangebot, das seit den 1990er Jahren schrittweise ausgebaut wurde – vor allem durch das Hospiz- und Palliativgesetz von 2015. Die stationären Hospize und ambulanten Dienste werden fast ausschließlich von privaten, gemeinnützigen Trägern geführt, etwa von Wohlfahrtsverbänden wie Caritas, Diakonie, Malteser oder AWO, von kirchlichen Einrichtungen, lokalen Initiativen oder Vereinen.
Es existieren keine reinen Bundes- oder Landes-Hospize in staatlicher Hand; der Staat (über die gesetzlichen Krankenkassen) übernimmt jedoch die Hauptfinanzierung. Die Krankenkassen und Pflegeversicherung tragen in der Regel 95 Prozent der zuschussfähigen Kosten für stationäre Hospize, den verbleibenden Anteil von fünf Prozent decken die Einrichtungen selbst – meist durch Spenden, ehrenamtliches Engagement und teilweise Zuwendungen von Ländern oder Kommunen. Patienten selbst zahlen seit 2009 keinen Eigenanteil mehr, sodass der Aufenthalt für gesetzlich Versicherte kostenfrei ist. Ergänzt wird das System durch die spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV), die ebenfalls gesetzlich verankert ist und es ermöglicht, schwerstkranke Menschen möglichst lange zu Hause oder in vertrauter Umgebung zu betreuen. Insgesamt gibt es rund 270 stationäre Hospize für Erwachsene und etwa 20 für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, dazu über 1.500 ambulante Hospizdienste.
Das Ziel ist immer, ein würdevolles Sterben zu ermöglichen, unabhängig von Religion, Herkunft oder finanzieller Situation.
Der Alltag in einem stationären Hospiz unterscheidet sich bewusst von dem in einem Krankenhaus oder Pflegeheim: Die Atmosphäre ist bewusst wohnlich und familiär gestaltet, mit hellen Räumen, persönlicher Einrichtung, die die Bewohner – sie werden meist als Gäste bezeichnet – mitbringen dürfen, einem Garten oder einer Terrasse und Orten der Ruhe wie einem Andachtsraum oder einer kleinen Kapelle. Menschen kommen hierher, wenn ihre Erkrankung unheilbar fortgeschritten ist, der Tod absehbar und eine ambulante Betreuung zu Hause nicht mehr ausreichend möglich ist, oft wegen starker Symptome wie Schmerzen, Atemnot, Übelkeit oder Erschöpfung. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei etwa drei Wochen, viele versterben auch im Hospiz. Der Tag beginnt meist sanft, ohne festen Stationsrhythmus: Pflegekräfte, die in Palliativpflege spezialisiert sind, kommen individuell, um bei der Körperpflege, der Lagerung oder der Medikamentengabe zu helfen – immer mit dem Ziel, Leiden zu lindern und Lebensqualität zu erhalten, statt um jeden Preis zu heilen.
Schmerztherapie und Symptomkontrolle stehen im Vordergrund, oft in enger Abstimmung mit Hausärzten oder hinzugezogenen Palliativmedizinern; bei Bedarf wird auch ein SAPV-Team einbezogen.
Im Laufe des Vormittags und Nachmittags entfaltet sich das eigentliche Wesen der Hospizarbeit: Es geht um ganzheitliche Begleitung auf körperlicher, seelischer, sozialer und spiritueller Ebene. Ehrenamtliche Hospizhelfer, die eine spezielle Qualifizierung durchlaufen haben, sind ein zentraler Bestandteil – sie sitzen am Bett, hören zu, halten die Hand, lesen vor, spielen Musik oder helfen einfach bei kleinen Alltagsdingen wie einem Spaziergang im Rollstuhl durch den Garten, wenn der Zustand es erlaubt. Gespräche drehen sich oft um Erinnerungen, unerledigte Dinge, Ängste vor dem Sterben oder den Wunsch nach Versöhnung mit der Familie. Psychosoziale Fachkräfte und Sozialarbeiter unterstützen dabei, praktische Angelegenheiten zu regeln, etwa Behördengänge, Testament oder die Organisation von Trauerbegleitung für Angehörige. Seelsorger oder spirituelle Begleiter – unabhängig von Konfession – bieten Rituale, Gebete, Stille oder einfach ein offenes Ohr an, wenn der Gast das möchte. Viele Hospize erfüllen letzte Wünsche, soweit möglich. Ein besonderes Essen, ein Treffen mit alten Freunden, ein Ausflug oder sogar ein Konzert im Haus.
Die Mahlzeiten sind keine Massenverpflegung, sondern werden individuell angepasst – klein, appetitlich, manchmal mit Lieblingsgerichten der Gäste oder in Gesellschaft von Angehörigen, die oft mitessen oder sogar übernachten können, da viele Einrichtungen Familienzimmer oder Gästebetten bereithalten. Zwischen den pflegerischen und betreuenden Momenten gibt es viel Raum für Ruhe: Viele Gäste schlafen viel, hören Radio, schauen aus dem Fenster oder genießen einfach die Anwesenheit eines anderen Menschen, ohne dass ständig etwas „getan“ werden muss. Das Team achtet darauf, dass niemand allein ist, wenn er es nicht wünscht, und dass die Würde gewahrt bleibt – etwa durch respektvolle Umgangsformen, persönliche Kleidung statt Krankenhaushemden oder die Möglichkeit, Haustiere zu besuchen.
Angehörige werden aktiv einbezogen: Sie erhalten Entlastung durch die professionelle Pflege, können aber gleichzeitig so viel Zeit wie gewünscht bei ihrem sterbenden Familienmitglied verbringen. Trauerbegleitung beginnt oft schon vor dem Tod und setzt sich danach fort, mit Gesprächsangeboten, Trauergruppen oder Erinnerungsritualen. Das gesamte Team – Pflegende, Ärzte, Ehrenamtliche, Therapeuten – trifft sich regelmäßig zur Supervision und Fallbesprechung, um emotional belastbar zu bleiben, denn die Arbeit ist intensiv und berührend zugleich. Abends wird es ruhiger: Vielleicht ein gemeinsames Singen, ein Filmabend in kleiner Runde oder einfach das sanfte Licht in den Zimmern, während draußen der Tag ausklingt. Das Hospiz lebt von der Idee, dass Sterben zum Leben gehört und dass die letzten Wochen oder Tage von Geborgenheit, Respekt und menschlicher Nähe geprägt sein sollen – nicht von Hektik oder medizinischer Übertechnisierung. Viele, die dort gearbeitet oder gelebt haben, beschreiben es als einen Ort, an dem trotz Trauer auch Lachen, Dankbarkeit und kleine Freuden möglich sind, weil der Fokus auf dem liegt, was dem einzelnen Menschen noch wichtig ist.
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