Damals

Das Massaker von Katyn- Anatomie einer Lüge

Das Massaker von Katyn – Anatomie einer Lüge

Im Frühjahr 1940, als Europa bereits im Krieg stand, aber die Aufmerksamkeit der Welt auf den Westfeldzug gerichtet war, geschah im Osten ein Verbrechen, das fast fünf Jahrzehnte lang geleugnet werden sollte. In einem Waldstück bei Katyn, etwa zwanzig Kilometer westlich von Smolensk, und an zwei weiteren Orten erschoss der sowjetische Geheimdienst NKWD systematisch die Elite Polens.


Vorausgegangen war der Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 und die gemeinsame Zerschlagung Polens. Die Rote Armee nahm im September 1939 zwischen 250.000 und 450.000 polnische Soldaten gefangen. Die Masse der einfachen Soldaten wurde entlassen oder zur Zwangsarbeit geschickt. Rund 15.000 Offiziere, Polizisten, Gendarmen, Beamte, Richter, Professoren, Ärzte und Priester aber wurden in drei Sonderlagern festgehalten: Koselsk, Starobelsk und Ostaschkow. Es war nicht einfach Militär. Es war der Kern des polnischen Staates, jene Schicht, die einen unabhängigen Staat tragen würde.

Am 5. März 1940 legte NKWD-Chef Lawrenti Beria dem Politbüro eine Notiz vor. Darin bezeichnete er die Gefangenen als unverbesserliche und unbelehrbare Feinde der Sowjetmacht, die auf eine Befreiung warteten und aktiv gegen die Sowjetmacht agitierten. Er schlug vor, sie ohne Anklage, ohne Ladung und ohne Urteil zu erschießen. Stalin, Molotow, Woroschilow, Mikojan, Kalinin und Kaganowitsch unterschrieben den Befehl. Es war eine Entscheidung auf höchster Ebene.



Was folgte, war eine industriell organisierte Hinrichtung. Im April und Mai 1940 wurden die Gefangenen aus den drei Lagern in Gruppen abtransportiert. Aus Koselsk brachte man 4.421 Mann in das Waldstück von Katyn. Dort knieten sie am Rande bereits ausgehobener Gruben und wurden mit einem Genickschuss aus deutschen Walther-Pistolen getötet – man benutzte deutsche Waffen, um später die Spuren zu verwischen. Aus Starobelsk wurden 3.820 Menschen im Kellergefängnis des NKWD in Charkow erschossen und bei Pjatychatky verscharrt. Aus Ostaschkow wurden 6.311 Menschen in Kalinin, dem heutigen Twer, getötet und bei Mednoje begraben. Insgesamt 21.857 Menschen, nach anderen Zählungen 22.000. Die Operation wurde von Wassili Blochin, dem obersten Henker des NKWD, persönlich geleitet, der in einer Lederschürze und mit Ledermütze arbeitete, um sich nicht mit Blut zu besudeln.

1941, nach dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion, entdeckte die Wehrmacht bei Bauarbeiten und durch Hinweise der Bevölkerung die ersten Massengräber. Im April 1943 ließ Joseph Goebbels die Gräber von Katyn öffnen und international bekannt machen. Es war Propaganda, aber die Toten waren real. Eine internationale Kommission, darunter auch polnische Gerichtsmediziner unter Zwang, bestätigte die sowjetische Täterschaft. Moskau aber drehte den Spieß um und behauptete, die Deutschen hätten das Massaker im Sommer 1941 verübt. Diese Lüge wurde zur Staatsdoktrin.



Die Westalliierten wussten spätestens ab 1943 aus abgefangenen Nachrichten und eigenen Untersuchungen, dass die sowjetische Version nicht stimmte, schwiegen aber aus Rücksicht auf das Bündnis mit Stalin.

In Nürnberg versuchte die Sowjetunion 1946 sogar, Katyn als deutsches Kriegsverbrechen in die Anklage einzubringen, scheiterte aber am Widerstand der Amerikaner und Briten, die das Thema still beiseiteschoben. In Polen selbst war das Wort Katyn unter sowjetischer Herrschaft verboten. Wer die Wahrheit aussprach, riskierte Gefängnis. Die Familien der Ermordeten lebten jahrzehntelang in einem doppelten Schmerz – dem Verlust und dem verordneten Schweigen.

Erst unter Michail Gorbatschow begann der Damm zu brechen. Am 13. April 1990 gestand die Sowjetunion offiziell ein, dass der NKWD für das Verbrechen verantwortlich war, und übergab Kopien wichtiger Dokumente, darunter Berias Schreiben mit Stalins Unterschriften. 1992 ließ Boris Jelzin den entscheidenden Politbüro-Beschluss vom 5. März 1940 veröffentlichen.

2010 stuften das russische Parlament Duma und der damalige Präsident Medwedew Katyn ausdrücklich als Verbrechen Stalins ein. Eine vollständige juristische Aufarbeitung blieb dennoch aus. Die russische Militärstaatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen 2004 ein und erklärte die Täter für tot, ohne sie als Opfer politischer Repression zu rehabilitieren – ein juristischer Kunstgriff, um keine Entschädigung zahlen zu müssen.

Für Polen ist Katyn mehr als ein historischer Ort. Es ist das Symbol für den Versuch, eine Nation durch die Auslöschung ihrer Führung zu köpfen, und für den zweiten Versuch, ihre Erinnerung durch eine jahrzehntelange Lüge auszulöschen.

Als am 10. April 2010 eine polnische Delegation mit Präsident Lech Kaczynski auf dem Weg zu einer Gedenkfeier nach Katyn bei Smolensk abstürzte und 96 Menschen ums Leben kamen, traf diese Tragödie das Land deshalb so tief. Sie geschah am selben Ort, an dem die Geschichte schon einmal versucht hatte, Polen zum Schweigen zu bringen.

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