Titelbild: dram, 2026
Die stille Königin des Gartens – Die Äskulapnatter zu Besuch
Es ist ein seltener und eigentlich sehr glücklicher Moment, wenn sie sich zeigt. Mit fast zwei Metern Länge ist die Äskulapnatter eine der größten in Europa beheimateten Schlangen. Man findet sie von Frankreich über die Schweiz, Österreich, Italien, Griechenland bis nach Osteuropa. In Deutschland ist sie vorwiegend im südlichen Alpenrandgebiet und ansonsten nur in einigen Inselregionen, wie z.B. dem Odenwald zu entdecken. Aber sie lebt so heimlich, dass die meisten Menschen fast nie eine zu Gesicht bekommen.
Nun ist es einer Leserin gelungen, ein besonders schönes Exemplar in aller Ruhe zu fotografieren, zusammengerollt auf sonnengewärmten Steinen und es dann vor Hunden in Sicherheit zu bringen. Das Tier auf dem Bild ist unverkennbar: der olivbraune Rücken, der im Licht fast golden schimmert, die hellgelbe Unterseite und der schmale, kaum vom Körper abgesetzte Kopf verraten sie sofort. Wer genau hinschaut, erkennt auf dem zweiten Foto sogar das feine Spiel des Lichts auf ihren glatten Schuppen. Auffälligstes Erkennungszeichen sind die feinen weißen Striche, ein Merkmal, das sie von allen anderen Schlangen bei uns unterscheidet.

Äskulapnatter, dram, 2026
Viele Menschen erschrecken im ersten Moment, doch die Angst ist völlig unbegründet. Die Äskulapnatter ist absolut ungiftig und von Natur aus extrem scheu. Sie hat kein Interesse am Menschen und wird bei der geringsten Erschütterung versuchen zu fliehen. Gleichzeitig steht sie unter strengstem Naturschutz und gilt als stark gefährdet. Sie darf weder gestört noch gefangen oder getötet werden. Ihr Auftauchen ist vielmehr ein Gütesiegel für einen gesunden, naturnahen Garten. Sie liebt alte Komposthaufen, trockene Steinmauern, Holzstapel und verwilderte Ecken, genau solche Strukturen, die in aufgeräumten Gärten immer seltener werden.
Ihr Jagdverhalten ist faszinierend und erklärt, warum Gartenbesitzer sich eigentlich freuen sollten. Die Äskulapnatter ist eine Würgeschlange. Sie spürt ihre Beute, vor allem Mäuse, aber auch junge Vögel und Eidechsen, mit ihrer gespaltenen Zunge auf und schlägt blitzschnell zu. Der Biss dient nur dem Festhalten. Danach legt sie ihren muskulösen Körper in festen Schlingen um ihr Opfer und übt bei jedem Ausatmen des Beutetiers mehr Druck aus, bis der Kreislauf zum Stillstand kommt. Anschließend verschlingt sie ihre Beute im Ganzen, dank ihrer extrem dehnbaren Kiefer meist mit dem Kopf voran. Eine einzige erwachsene Natter vertilgt so im Laufe eines Sommers über hundert Mäuse und ist damit ein weitaus effektiverer und lautloserer Schädlingsbekämpfer als jede Falle.
Aesculapius war im Römischen der Gott der Heilkunst. Er war Namensgeber für diese Schlangenart und in seinen Tempeln waren die Schlangen willkommen. Der Gott wurde immer mit schlangenumwundenem Stab abgebildet, dem sog. Äskulapstab. Dieser gilt auch heute noch als Symbol für Humanmedizin. In abgewandelter Form auch für Veterinärmedizin und Pharmazie.
Wer wie unsere Leserin das Glück hat, eine Äskulapnatter im Garten zu entdecken, sollte einfach Abstand halten und das Tier in Ruhe lassen. Sie wird nach einem ausgiebigen Sonnenbad von allein weiterziehen. Ein wenig Wasser oder der Versuch, sie anzufassen, bedeuten nur unnötigen Stress für das seltene Tier. Am besten lässt man ihr ihre warme Ecke und freut sich darüber, für einen Moment die stille Königin der heimischen Schlangenwelt zu Gast gehabt zu haben.
