Damals

Der unsichtbare Krieg des Oberst Nicolai

Titelbild:Oberst Walter Nicolai, KI generiertDer unsichtbare Krieg des Oberst Nicolai


Wie Deutschlands Geheimdienstchef im Ersten Weltkrieg Sabotage hinter den feindlichen Linien organisierte – inklusive Pläne gegen amerikanische Bahnlinien und die Führung von Auswanderern

Braunschweig, 1913. Ein unscheinbarer Major übernimmt die Leitung einer kleinen, kaum bekannten Sektion im Großen Generalstab. Sein Name: Walter Nicolai. Was folgt, ist die Geschichte eines Mannes, der den geheimen Krieg des Kaiserreichs führte – und dabei Sabotage, Diversion und Zersetzung hinter den feindlichen Linien zu einem Instrument der Kriegsführung machte.

Als Nicolai im Frühjahr 1913 die Sektion IIIb übernahm, war der deutsche militärische Nachrichtendienst noch ein überschaubarer Apparat. Innerhalb weniger Jahre baute er ihn zur Abteilung IIIb aus – einer Organisation, die Spionage, Abwehr, Propaganda und verdeckte Operationen unter einem Dach vereinte. „Vor jeder Neuerwerbung frage sich der Nachrichtenoffizier: Welchen Nutzen bringt sie für den Krieg?“, so formulierte Nicolai selbst seine Maxime.

Sabotage als Waffe hinter den Linien
Bereits in den ersten Kriegswochen 1914 setzte IIIb auf direkte Aktionen. Kleine Kommandos sabotierten Eisenbahnstrecken und Tunnel in Belgien und Nordfrankreich, um den Aufmarsch der Gegner zu stören. Aus neutralen Ländern wie der Schweiz – mit Stützpunkten in Lugano und Zürich – wurden Operationen gegen Italien gesteuert. Gleichzeitig entstanden Netze in den besetzten Gebieten Osteuropas, wo deutsche Agenten russische Nachschubwege und Kommunikationseinrichtungen angriffen. Zu den Formen der Diversion gehörten auch gezielte Brandstiftungen, darunter Versuche, Waldbrände hinter den feindlichen Linien zu legen, um Truppenbewegungen zu behindern, Nachschub zu erschweren und Chaos zu erzeugen.

Doch die spektakulärsten Schläge erfolgten jenseits des Atlantiks. Während die Fronten in Europa erstarrten, organisierte der deutsche Geheimdienst – in enger Verbindung mit IIIb und den Militärattachés – Sabotageakte in den noch neutralen Vereinigten Staaten. Nicolai und seine Abteilung verfolgten dabei unter anderem das Ziel, Bahnlinien zu sabotieren, um den Transport von Munition und Nachschubgütern an die Alliierten zu unterbrechen. Pläne und Versuche richteten sich gegen wichtige Eisenbahnverbindungen und Kanäle, etwa den Welland-Kanal. Die Explosion von Black Tom im Juli 1916 in New Jersey vernichtete Munitionsvorräte im Wert von Millionen Dollar; ähnliche Anschläge und die sogenannten „Pencil bombs“ auf Frachtschiffen fügten der Entente empfindliche Verluste zu. Nicolais Apparat lieferte den nachrichtendienstlichen Rahmen für diese Operationen.

Führung von Auswanderern zum Zwecke der Sabotage
Ein zentrales Element dieser Strategie war die gezielte Führung und Nutzung von Auswanderern sowie deutschstämmigen Personen in den USA. Millionen Deutschamerikaner und frühere Auswanderer bildeten ein potenzielles Reservoir. Militärattachés wie Franz von Papen und Spezialisten wie Franz von Rintelen rekrutierten unter dem Dach von IIIb Ortsansässige, Reservisten, Arbeiter in Munitionsfabriken und Mitglieder der deutschamerikanischen Community. Diese Personen verfügten über Sprachkenntnisse, Ortskenntnis und unauffällige Tarnung. Sie wurden angeworben, finanziert und für Brandstiftungen, Sprengstoffanschläge und Störungen von Transportwegen instruiert. Die „Führung von Auswanderern“ diente dazu, Sabotageakte hinter den Linien (bzw. in neutralem Gebiet) mit möglichst geringem Risiko für eingeschleuste Agenten durchzuführen. Die meisten Deutschamerikaner blieben zwar loyal gegenüber den USA, doch die deutschen Bemühungen führten zu realen Schäden und schürten die „Spy Fever“-Atmosphäre, die 1917 mit dem amerikanischen Kriegseintritt eskalierte.

Propaganda, Zersetzung und das Ende der Unterlagen
Ab 1917 verlagerte Nicolai den Schwerpunkt. Eine eigens geschaffene Propagandastelle sollte im feindlichen Hinterland wirken. Flugblätter, Gerüchte und gezielt gestreute Informationen zielten darauf ab, die Moral der gegnerischen Truppen und der Zivilbevölkerung zu untergraben – besonders in Paris und Petrograd. Das war Sabotage mit anderen Mitteln: psychologische Diversion statt Dynamit.

Gleichzeitig bekämpfte IIIb erbarmungslos alliierte Spionagenetze in den besetzten Gebieten. Hunderte Verdächtige wurden verhaftet, Dutzende hingerichtet.

Nicolai selbst blieb im Hintergrund. Zeitgenossen beschrieben ihn als eisern fleißig und organisatorisch begabt. Den Gegnern galt er als „Vater der Lüge“. Nach dem Krieg veröffentlichte er zwei Bücher über seine Erfahrungen. 1945 holte ihn der sowjetische Geheimdienst (NKWD/SMERSH) in Nordhausen – fälschlich als NS-Spion verdächtigt – und brachte ihn nach Moskau. Dort starb er 1947 in der Butyrka. Seine umfangreichen Kriegsaufzeichnungen und Unterlagen wurden beschlagnahmt und gelangten in den Besitz des sowjetischen Geheimdienstes (später KGB). Sie lagerten jahrelang in Moskauer Archiven (u. a. im Sonderarchiv) und wurden teilweise auch in Bestände nach Leningrad (heute St. Petersburg) überführt, bevor sie der Forschung zugänglich gemacht wurden. Putin , so wird berichtet, aus der Zeit um 1992 betrachtet Nicolai, wie auch Dserschinski, als eines seiner großen Vorbilder.

Heute gilt Walter Nicolai als einer der Begründer des modernen deutschen Militärgeheimdienstes. Seine Abteilung IIIb verband Spionage, Sabotage – einschließlich Bahnlinien- und Brandaktionen hinter den Linien sowie der gezielten Führung von Auswanderern – und Propaganda zu einem Ganzen. Der Krieg, den er führte, blieb weitgehend unsichtbar – und doch wirkmächtig.

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