Damals

Der Aufstand 1956 in Ungarn

Titelbild: Künstlerisches Bild KI und kasaan media 

Der Ungarische Volksaufstand von 1956, oft auch als Ungarische Revolution oder Freiheitskampf bezeichnet, stellte einen der emotionalsten und tragischsten Versuche dar, die sowjetische Vorherrschaft im Ostblock abzuschütteln. Er begann als friedliche Studentendemonstration in Budapest und entwickelte sich innerhalb weniger Tage zu einem landesweiten, spontanen Aufstand gegen die kommunistische Diktatur, der zeitweise die gesamte Machtstruktur des Regimes zusammenbrechen ließ, bevor er durch eine massive sowjetische Militärintervention blutig niedergeschlagen wurde.

Der Aufstand dauerte von Ende Oktober bis Anfang November 1956 und hinterließ tiefe Spuren in der ungarischen und europäischen Geschichte.

Die tiefen Ursachen und der gesellschaftliche Nährboden
Nach dem Zweiten Weltkrieg war Ungarn unter sowjetische Besatzung geraten und zu einer Volksrepublik mit streng stalinistischer Ausrichtung umgestaltet worden. Unter der Herrschaft von Mátyás Rákosi, einem treuen Stalin-Anhänger, erlebte das Land in den frühen 1950er Jahren eine Phase brutaler Repression: Zehntausende politische Gegner wurden verhaftet, in Schauprozessen verurteilt oder in Arbeitslagern interniert, die Geheimpolizei ÁVH übte eine allgegenwärtige Atmosphäre der Angst aus, und die Wirtschaft wurde rücksichtslos auf Schwerindustrie und Kollektivierung der Landwirtschaft ausgerichtet. Dies führte zu chronischen Versorgungsengpässen, sinkendem Lebensstandard und wachsender Unzufriedenheit in allen Schichten der Bevölkerung – bei Arbeitern, Bauern, Intellektuellen und der Jugend gleichermaßen.

Der Tod Stalins im Jahr 1953 und die anschließende Entstalinisierung unter Nikita Chruschtschow, die auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 öffentlich gemacht wurde, weckten im gesamten Ostblock Hoffnungen auf Reformen und Lockerungen. In Ungarn hatte es bereits 1953 unter dem reformorientierten Kommunisten Imre Nagy erste vorsichtige Entspannungen gegeben, darunter die Freilassung einiger politischer Häftlinge und eine leichte Verbesserung der Versorgungslage. Doch 1955 kehrte Rákosi zurück und verschärfte den harten Kurs erneut, was die Unzufriedenheit weiter anheizte. Der polnische Aufstand im Juni 1956, der zu begrenzten Reformen führte, wirkte wie ein Signal für die Ungarn: Wenn in Polen Veränderungen möglich waren, warum nicht auch bei ihnen? Intellektuelle Kreise, vor allem um den Petőfi-Kreis, diskutierten offen über Demokratie, Freiheit und nationale Souveränität, und die Stimmung in Budapest und anderen Städten wurde zunehmend explosiv.
Der Funke am 23. Oktober 1956 und die Eskalation
Am 22. Oktober 1956 formulierten Studenten der Budapester Technischen Universität in einer nächtlichen Versammlung sechzehn Forderungen. Diese Liste verlangte unter anderem den sofortigen Abzug aller sowjetischen Truppen aus Ungarn, freie Wahlen mit Beteiligung mehrerer Parteien, die Wiedereinsetzung Imre Nagys als Ministerpräsident, die Abschaffung der Geheimpolizei ÁVH, volle Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, bessere Lebensbedingungen und die Entfernung des riesigen Stalin-Denkmals aus der Stadt. Am Nachmittag des 23. Oktobers zogen Zehntausende Studenten und Sympathisanten in einer zunächst völlig friedlichen Demonstration durch Budapest. Die Menge schwoll rasch auf über 200.000 Menschen an, darunter viele Arbeiter, Angestellte und einfache Bürger, die sich spontan anschlossen. Die Demonstranten marschierten zum Parlament, riefen „Nagy nach Budapest!“ und sangen patriotische Lieder, während sie die Nationalflagge mit dem herausgeschnittenen kommunistischen Wappen schwenkten – ein starkes Symbol des Widerstands.

Die Regierung unter Parteichef Ernő Gerő verbot die Demonstration zunächst, hob das Verbot dann aber wieder auf, was die Lage weiter verunsicherte. Vor dem Rundfunkgebäude, wo die Studenten ihre Forderungen verlesen wollten, eskalierte die Situation dramatisch: Einheiten der ÁVH eröffneten das Feuer auf die unbewaffnete Menge. Es gab erste Tote und Verletzte. Daraufhin schlug die Stimmung um – die friedliche Kundgebung verwandelte sich in einen bewaffneten Aufstand. Demonstranten stürmten das Gebäude, erbeuteten Waffen aus Polizeistationen, Kasernen und sogar aus sowjetischen Depots. Viele ungarische Soldaten und Offiziere weigerten sich, auf ihre eigenen Landsleute zu schießen, und schlossen sich stattdessen den Aufständischen an. In der Nacht zum 24. Oktober kam es zu ersten heftigen Straßenkämpfen in Budapest. Das riesige Stalin-Denkmal wurde mit Seilen und Schweißbrennern gestürzt, und überall in der Stadt entstanden spontane bewaffnete Gruppen, die Barrikaden errichteten und gegen verbliebene Sicherheitskräfte und erste sowjetische Einheiten kämpften. Der Aufstand breitete sich rasch auf andere Städte wie Miskolc, Győr, Debrecen und das Industriegebiet Csepel aus.
Die kurze Phase der Freiheit und der Aufbau neuer Strukturen
Bereits am 24. Oktober wurde Imre Nagy unter dem Druck der Straße zum Ministerpräsidenten ernannt. Zunächst versuchte er noch, als loyaler Kommunist zu vermitteln, doch die Ereignisse drängten ihn weiter. Er bildete eine neue Regierung, die sich mehrfach erweiterte und bald auch Vertreter nicht-kommunistischer Parteien wie der Kleinlandwirtepartei und der Sozialdemokraten einschloss. Nagy versprach Reformen, löste die verhasste ÁVH auf, rief einen Generalstreik aus und erkannte die Legitimität der revolutionären Forderungen schrittweise an. In den Fabriken und Stadtvierteln entstanden überall Arbeiterräte und Revolutionskomitees, die die lokale Verwaltung, die Produktion und sogar die Versorgung übernahmen – ein beeindruckendes Beispiel basisdemokratischer Selbstorganisation. Diese Räte vertraten Hunderttausende Arbeiter und forderten nicht nur politische Freiheit, sondern auch echte Mitbestimmung in der Wirtschaft.

Am 28. Oktober zogen sich die sowjetischen Truppen vorübergehend aus Budapest zurück, nachdem es zu schweren Kämpfen gekommen war. Für viele Ungarn fühlte sich das wie ein Sieg an. Die Aufständischen kontrollierten große Teile der Stadt, Zeitungen erschienen ohne Zensur, und die Stimmung war von Euphorie und nationaler Einheit geprägt. Am 1. November erklärte Nagy den Austritt Ungarns aus dem Warschauer Pakt, proklamierte die Neutralität des Landes und appellierte an die Vereinten Nationen sowie an die Weltöffentlichkeit um Unterstützung. Er forderte Verhandlungen über den vollständigen Abzug der sowjetischen Truppen und versprach freie Wahlen sowie ein Mehrparteiensystem. In dieser kurzen Phase der Freiheit – die nur etwa eine Woche dauerte – schien ein unabhängiges, demokratisches und neutrales Ungarn zum Greifen nah. Der Aufstand hatte sich zu einem echten Volksaufstand entwickelt, der nicht nur gegen die eigene kommunistische Führung, sondern auch gegen die fremde sowjetische Besatzungsmacht gerichtet war.

Die sowjetische Intervention und die blutigen Straßenkämpfe
Die sowjetische Führung in Moskau sah in der Entwicklung eine existenzielle Bedrohung für den gesamten Ostblock. Nach internen Debatten und trotz anfänglicher Verhandlungen entschied Chruschtschow, militärisch einzugreifen. Am frühen Morgen des 4. November 1956 rückten etwa 200.000 sowjetische Soldaten mit rund 2.000 Panzern und schwerer Artillerie in Ungarn ein – eine erdrückende Übermacht. János Kádár, der zuvor selbst reformorientiert gewesen war, aber heimlich aus Moskau zurückgebracht wurde, wurde als neuer Ministerpräsident einer pro-sowjetischen Marionettenregierung installiert.

In Budapest und anderen Städten brach sofort erbitterter Widerstand aus. Die Aufständischen – darunter viele Jugendliche, Arbeiter und sogar Kinder – kämpften mit Molotow-Cocktails, erbeuteten Gewehren, leichten Maschinengewehren und improvisierten Taktiken gegen die sowjetischen Panzer. Besonders heftig waren die Kämpfe in den Arbeitervierteln wie dem Corvin-Passage, am Üllői-Weg, in Csepel und in den Vorstädten. Die Ungarn errichteten Barrikaden aus Straßenbahnen, Autos und Möbeln, verteidigten Häuser und Plätze Haus für Haus. Trotz heldenhaften Einsatzes waren sie hoffnungslos unterlegen: Ihnen fehlten schwere Waffen, Munition und Koordination gegenüber der hochgerüsteten Roten Armee. Die sowjetischen Truppen setzten Artillerie und Panzer systematisch ein, zerstörten ganze Straßenzüge und nahmen keine Rücksicht auf Zivilisten. Bis zum 10. oder 11. November, in manchen Regionen sogar länger, hielten vereinzelte Kämpfe und Guerilla-Aktionen an, doch der Ausgang war von Anfang an klar.

Die Opferzahlen sind bis heute umstritten, aber Schätzungen gehen von etwa 2.500 bis 3.000 getöteten Ungarn aus, darunter viele Zivilisten, sowie rund 13.000 Verletzten. Auf sowjetischer Seite starben etwa 700 Soldaten. Imre Nagy suchte zunächst Zuflucht in der jugoslawischen Botschaft, wurde aber später verraten, verhaftet und 1958 zusammen mit anderen Führern wie General Pál Maléter hingerichtet.
Die Folgen und das langfristige Erbe
Nach der Niederschlagung setzte eine harte Welle der Repression ein. Hunderte Aufständische wurden zum Tode verurteilt, Zehntausende inhaftiert, interniert oder in Lager gesteckt. Etwa 200.000 Ungarn flohen in den Westen – viele über die berühmte Brücke von Andau nach Österreich –, wo sie als politische Flüchtlinge aufgenommen wurden. Der Westen verurteilte die sowjetische Intervention scharf in den Vereinten Nationen und brachte Resolutionen ein, doch eine militärische Hilfe blieb aus. Die gleichzeitige Suez-Krise band die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit, und weder die USA noch die NATO wollten eine direkte Konfrontation mit der Sowjetunion riskieren.

Das neue Regime unter János Kádár bezeichnete den Aufstand jahrzehntelang offiziell als „Konterrevolution“ und unterdrückte jede positive Erinnerung daran. Dennoch lernte Kádár aus den Ereignissen und führte ab den 1960er Jahren eine vorsichtigere Politik des „Gulaschkommunismus“ ein, die etwas mehr Konsum, Reisefreiheit und kulturelle Lockerungen brachte, ohne die sowjetische Oberhoheit grundsätzlich infrage zu stellen. Erst mit dem Zusammenbruch des Kommunismus 1989/90 wurde der 23. Oktober zum Nationalfeiertag erklärt, Imre Nagy feierlich rehabilitiert und der Volksaufstand als zentrales Symbol des ungarischen Freiheitswillens und des Widerstands gegen totalitäre Herrschaft anerkannt.

Der Aufstand von 1956 zeigte der Welt die tiefe Unzufriedenheit mit dem sowjetischen Modell und inspirierte spätere Bewegungen wie den Prager Frühling 1968 oder die Solidarność in Polen. Er blieb jedoch ein tragisches Beispiel dafür, wie entschlossen die Sowjetunion ihre Einflusssphäre verteidigte und wie begrenzt die Unterstützung des Westens in solchen Momenten der Krise tatsächlich war. Bis heute leben die Bilder der Budapester Barrikadenkämpfer, der gestürzten Stalin-Statue und der verzweifelten Freiheitskämpfer als Mahnung fort: für den Wert von Freiheit, Selbstbestimmung und den Mut gewöhnlicher Menschen, sich gegen Unterdrückung zu erheben – auch wenn der Preis hoch ist. Der Herbst 1956 bleibt ein Kapitel ungarischer und europäischer Geschichte, das von Hoffnung, Heldentum und bitterer Enttäuschung geprägt ist.

Themenverwandte Artikel

New York in den frühen 1950er Jahren

the kasaan times

23.Oktober 1955-Saarstatut Abstimmung

the kasaan times

Die letzte zivile Hinrichtung in der späteren Bundesrepublik

the kasaan times

Über Josef Mengele – der Teufel höchstpersönlich

the kasaan times

D-Day – die Befreiung Europas von den Nazis

the kasaan times

Selbstlos und weise- Lyndon Baines Johnson

the kasaan times

Die Ermordung der Romanow-Familie am 17. Juli 1918

the kasaan times

Es ist 40 Jahre her, als Bubi Scholz seine Helga erschoss

the kasaan times

Sommer 1989 Prag – Palais Lobkowicz

the kasaan times

Die Flucht des Werner Weinholds vor 50 Jahren

the kasaan times

Vor 30 Jahren – Abzug der letzten sowjetischen Truppen aus Deutschland

the kasaan times

Urmenschen- die Höhle von Lascaux

the kasaan times

Hinterlasse einen Kommentar

*