Titelbild:White Public Domain
Der Reverend Jesse Louis Jackson Sr., einer der eindrucksvollsten und einflussreichsten Prediger und Bürgerrechtler Amerikas, ist am 17. Februar 2026 im Alter von 84 Jahren friedlich im Kreise seiner Familie in Chicago von uns gegangen. Mit ihm verliert die Welt nicht nur eine charismatische Stimme der Gerechtigkeit, sondern einen Mann, der wie kaum ein anderer die Brücke zwischen der Kanzel und der politischen Arena geschlagen hat – ein Prediger, dessen Worte wie Hammerschläge klangen und dessen Botschaft Millionen von Menschen aus Schatten ins Licht holte.
Geboren 1941 im segregierten Süden in Greenville, South Carolina, als Kind einer jungen Mutter und eines verheirateten Vaters, wuchs Jesse Burns – wie er damals hieß – in einer Welt auf, die Schwarzen systematisch Würde und Chancen verwehrte. Schon früh prägte ihn diese Ungerechtigkeit, doch statt zu resignieren, formte sie seinen unbezwingbaren Willen, etwas zu verändern. Nach dem Studium der Soziologie und der theologischen Ausbildung wurde er baptistischer Geistlicher – und blieb es bis zuletzt. Die Predigt war für ihn nie nur religiöses Ritual, sondern immer auch politischer Akt, moralischer Weckruf und Werkzeug der Befreiung.
Als junger Mann schloss er sich Martin Luther King Jr. an, jenem anderen großen Prediger der Bewegung, dessen Schatten er zeit seines Lebens trug und den er zugleich überstrahlte. In den 1960er Jahren marschierte er an Kings Seite durch die Straßen Chicagos, kämpfte für offene Wohnungsvergabe, stand in Selma und Memphis, trug die Last der Trauer nach Kings Ermordung 1968 – und übernahm doch sofort die Fackel weiter. Er wurde zum Sprachrohr einer neuen Generation, die nicht länger nur Gleichberechtigung wollte, sondern echte Macht, echte Teilhabe, echte Veränderung.
Jesse Jackson war ein Prediger mit unverwechselbarem Rhythmus und Klangfarbe. Seine Reden – ob im Gottesdienst, auf Kundgebungen oder in Fernsehdebatten – folgten dem uralten Muster afroamerikanischer Predigtkunst: Wiederholung, Steigerung, Rhythmus, Call and Response. „I am somebody!“ rief er den Menschen zu, und sie antworteten ihm mit Jubel und Tränen. Dieser eine Satz wurde zum Mantra ganzer Generationen, die gelernt hatten, sich klein zu fühlen, und plötzlich spürten: Ja, ich bin jemand. Seine berühmteste Formulierung, die „Rainbow Coalition“, war mehr als ein politisches Schlagwort – sie war eine theologische Vision. Er predigte eine Regenbogen-Koalition der Armen, der Arbeiter, der Ausgegrenzten aller Hautfarben, aller Sprachen, aller Glaubensrichtungen. In einer zerrissenen Gesellschaft wollte er Brücken bauen, nicht Mauern.
1984 und 1988 trat er als erster ernsthafter afroamerikanischer Kandidat für die Präsidentschaft an – ein Akt von atemberaubender Kühnheit. Er gewann Millionen Stimmen, triumphierte in mehreren Vorwahlen, wurde zeitweise sogar Führender in der Demokratischen Partei. Dass er letztlich nicht nominiert wurde, tat seiner historischen Bedeutung keinen Abbruch: Er hatte bewiesen, dass ein Schwarzer Mann aus dem Süden ernsthaft um das höchste Amt kämpfen konnte – und damit den Weg für spätere Generationen geebnet, Barack Obama eingeschlossen.
Doch Jesse Jackson blieb immer Prediger. Selbst in den höchsten politischen Momenten predigte er Buße, Gerechtigkeit, Liebe. Er reiste um die Welt, um Geiseln zu befreien, Diktatoren ins Gewissen zu reden, Streiks zu unterstützen, Unterdrückte zu stärken. Durch die Rainbow PUSH Coalition, die er gründete, kämpfte er jahrzehntelang gegen wirtschaftliche Ausbeutung, für Unternehmensverantwortung, für Wahlrechte, für die Stimmen der Vergessenen.
In seinen letzten Jahren schwächte ihn eine schwere neurologische Erkrankung – zunächst als Parkinson fehldiagnostiziert, später als progressive supranucleäre Blickparese (PSP) erkannt –, die seine einst so kraftvolle Stimme und seine Bewegungen raubte. Doch selbst als der Körper nachgab, blieb der Geist ungebrochen. Noch 2024 ließ er sich auf dem Parteitag der Demokraten in Chicago feiern – stumm, aber anwesend, ein lebendiges Symbol.
Jesse Jackson war kein fehlerloser Mensch. Er polarisierte, provozierte, machte sich Feinde – auch in den eigenen Reihen. Manche warfen ihm Selbstinszenierung vor, andere politischen Opportunismus. Doch wer ihn nur durch diese Linse betrachtet, verkennt das Ganze: Hier stand ein Prediger, der sein Leben lang versuchte, das Evangelium der Gerechtigkeit wortwörtlich zu leben – laut, unbequem, leidenschaftlich.
Nun ist er heimgegangen. Die Kanzel schweigt, die Stimme, die einst Stadien füllte, ist verstummt. Aber die Worte hallen weiter: „I am somebody.“ Die Regenbogen-Koalition lebt in unzähligen Kämpfen weiter. Und die Bewegung, die er mitgeformt hat, wird nicht aufhören, weil ihr größter Prediger nicht mehr unter uns weilt – im Gegenteil: Sie trägt nun sein Vermächtnis.
Möge der Herr diesem unermüdlichen Kämpfer für Gerechtigkeit ewigen Frieden schenken – und uns allen die Kraft geben, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hat.
