Frankreich

Die Katakomben unter Paris

Titelbild: Beispielbild Paris Katakomben /pixabay

Unter den Straßen von Paris erstreckt sich ein weitläufiges unterirdisches Labyrinth aus alten Steinbrüchen, das über Jahrhunderte hinweg den Kalkstein für den Bau der Stadt geliefert hat. In diesen stillgelegten Gängen, die teilweise bis zu 35 Meter tief unter der Oberfläche liegen und insgesamt ein Netz von rund 300 Kilometern bilden, entstand Ende des 18. Jahrhunderts ein einzigartiges Beinhaus, bekannt als die Katakomben von Paris.



Der Anlass für diese Umwandlung war eine drängende hygienische Krise in der wachsenden Metropole: Die traditionellen Friedhöfe, allen voran der überfüllte Cimetière des Saints-Innocents im Herzen der Stadt, quollen buchstäblich über, nachdem dort über Jahrhunderte Millionen von Toten in Massengräbern bestattet worden waren. Der Gestank drang in die umliegenden Häuser, Kellerwände brachen ein, und die Gesundheit der Bevölkerung war ernsthaft gefährdet.



Um Abhilfe zu schaffen, entschied die königliche Verwaltung, die Gebeine aus den geschlossenen Friedhöfen in die verlassenen Steinbrüche südlich der damaligen Stadtgrenze, im Bereich des Tombe-Issoire im heutigen 14. Arrondissement, zu verlagern. Ab 1785 begannen die nächtlichen Transporte: In verhüllten Wagen wurden die Überreste heimlich durch die Straßen gefahren, um Aufsehen zu vermeiden, und durch Schächte in die Tiefe gekippt. Die ersten Knochen stammten vom Friedhof der Unschuldigen, der allein etwa zwei Millionen Tote beherbergt hatte, und bald folgten weitere Friedhöfe wie Saint-Étienne-des-Grès, die Madeleine oder der Errancis-Friedhof, auf dem Opfer der Französischen Revolution ruhten.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, mit letzten Überführungen noch in der Zeit der Haussmann’schen Umgestaltung der Stadt um 1860, fanden die Gebeine von schätzungsweise sechs Millionen Menschen ihren Weg in diese unterirdische Welt – mehr als dreimal so viele, wie Paris heute an der Oberfläche Einwohner zählt. Darunter mischen sich anonyme Bürger aus allen Schichten mit historischen Figuren wie Philosophen, Revolutionären oder Dichtern, deren genaue Identität oft verloren ging.

Zunächst lagen die Knochen chaotisch aufgetürmt in den Gängen, doch unter der Leitung des Inspekteurs Louis-Étienne Héricart de Thury ab etwa 1810 erhielt das Ossuarium seine heutige, beeindruckend gestaltete Form. Die Arbeiter, erfahrene Steinbrucharbeiter, arrangierten die Überreste nach dem Vorbild der alten Stützmauern in den Brüchen, den sogenannten „Hagues“. Sie schichteten lange Reihen von Oberschenkelknochen (Femuren) und Schienbeinen (Tibien) zu stabilen Wänden auf, durchsetzt mit fransenartigen Reihen von Schädeln, die wie ornamentale Friese wirken. Die hervorstehenden Gelenkköpfe der langen Knochen bilden regelmäßige Muster, während hinter diesen sorgfältig aufgebauten Fassaden die restlichen Fragmente – oft zerbrochen durch den Sturz in die Schächte – locker aufgeschüttet liegen. Über 200 solcher Knochenwände säumen die zugänglichen Galerien, die eine Fläche von rund 11.000 Quadratmetern einnehmen. Der Anblick ist zugleich makaber und kunstvoll: Geometrische Muster entstehen, Säulen und Bögen aus Knochen rahmen die Wege ein, und eingelassene Steinplatten tragen philosophische, poetische oder biblische Inschriften über die Vergänglichkeit des Lebens, wie das berühmte „Arrête ! C’est ici l’empire de la mort“ – „Halt ein! Hier beginnt das Reich des Todes“.



Der öffentlich zugängliche Teil der Katakomben umfasst nur etwa 1,5 bis 2 Kilometer eines viel größeren, größtenteils unerforschten und verbotenen Netzes. Besucher steigen über eine enge Wendeltreppe mit rund 130 Stufen etwa 20 Meter in die Tiefe hinab, wo eine konstante Temperatur von 14 Grad Celsius und hohe Luftfeuchtigkeit herrschen. Zunächst durchquert man die rohen Steinbrüche mit ihren markanten Abbauspuren, bevor man in das eigentliche Beinhaus gelangt. Hier ziehen sich die Knochenwände endlos dahin, Schädel starren aus den Reihen hervor, und die Masse der Gebeine vermittelt eine erdrückende Präsenz der Sterblichkeit.

Die Gebeine stammen aus einem Zeitraum von über zwölf Jahrhunderten, von der Merowingerzeit bis in die Revolutionsära, und erzählen stumm von der Geschichte der Stadt – von Seuchen, Kriegen und dem Alltag vergangener Generationen. Viele Knochen sind nur noch Bruchstücke, andere gut erhalten, und nirgends gibt es individuelle Gräber oder Namen; alle Unterschiede von Stand, Reichtum oder Geschlecht haben sich in dieser anonymen Gleichheit aufgelöst.

Heute ziehen die Katakomben jährlich Hunderttausende Besucher an, die in der kühlen Dunkelheit eine Mischung aus Faszination, Grusel und tiefer Reflexion erleben. Der Ort dient nicht nur als Mahnmal der Vergänglichkeit, sondern auch als Zeugnis menschlicher Erfindungsgabe, mit der ein hygienisches Problem in ein monumentales, fast romantisches Denkmal verwandelt wurde. Außerhalb des offiziellen Rundgangs existiert eine verborgene Welt aus weiteren Gängen, die von sogenannten Cataphilen erkundet wird, doch offiziell bleibt der Großteil gesperrt, um die Struktur zu schützen und Unfälle zu vermeiden.



In den beleuchteten, restaurierten Abschnitten, die kürzlich mit moderner Belüftung und Beleuchtung aufgewertet wurden, wirken die aufgeschichteten Skelette wie eine stille Armee, die ewig unter der pulsierenden Stadt ruht und daran erinnert, dass das Leben über der Erde nur ein vorübergehender Zustand ist. Die Katakomben sind somit weit mehr als ein Haufen alter Knochen – sie bilden ein unterirdisches Reich, in dem Millionen von Leben zu einer einzigen, beeindruckenden und nachdenklich stimmenden Installation verschmolzen sind.

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